
Lebenskunst
15.8./18.8 | 07:05 | Ö1
Do., 15.8.
1. Sommer '89 - Ein Wallfahrtsort als Probebühne der Weltpolitik
Es ist eines der ältesten christlichen Feste überhaupt. Unzählige Pilgerinnen und Pilger werden am Feiertag „Mariä Himmelfahrt“ weltweit an Marienwallfahrtsorten erwartet, so auch in Frauenkirchen im burgenländischen Seewinkel. Selbst wenn die Basilika aus dem 17. Jahrhundert eigentlich "Mariä Geburt" geweiht ist, die am 8. September gefeiert wird. Viele der nach Frauenkirchen Pilgernden kommen aus Ungarn. Vor dreißig Jahren, im "Sommer '89", war Frauenkirchen mit dem Osten Österreichs gleichsam zur "Probebühne" für die große Weltpolitik geworden. Auch daran erinnert Markus Veinfurter, der den wohl bekanntesten Wallfahrtsort des Burgenlandes besucht hat.
2. Himmelsköniginnen und mehr - Ein Blick in die Religionsgeschichte
In unzähligen religiösen Traditionen wandten und wenden sich Menschen mit ihren Bitten an göttliche Mütter oder Muttergottheiten. Im Christentum nimmt diese Rolle Maria von Nazareth ein, die den Schriften des Neuen Testaments zufolge Jesus geboren und bis unters Kreuz begleitet hat. Indes: Maria ist eine besondere, verehrungswürdige Mutter - aber menschlich. Das unterscheidet sie von göttlichen Müttern und Muttergottheiten in anderen Religionen. Und ihre Aufnahme in den Himmel wird als Beispiel für den erlösten Menschen gesehen. Wie alt die Kulte der Großen Mutter tatsächlich sind, lässt sich kaum abschätzen. Schon Figurinen aus der Altsteinzeit werden als Darstellungen von Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinnen interpretiert. Man findet sie in den indigenen Kulturen Südamerikas - wie in Hindu-Traditionen - und mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften und Wirkungsbereichen: demütig, fürsorglich, aufopfernd und sanft; unabhängig, erotisch und mächtig. Manche sind all das zugleich. Wie auf Erden, so ähnlich also im Himmel oder in den anderen göttlichen Sphären. Kerstin Tretina stellt einige dieser mütterlichen Göttinnen oder göttlichen Mütter vor.
3. Sommer '69 - Woodstock und die Spiritualität der Hippies
Vor genau 50 Jahren, am 15. August 1969, begann im US-Bundesstaat New York das legendäre Woodstock-Festival. Doch nicht, wie geplant, bei Woodstock - die Bewohner hatten gegen den zu erwartenden Hippie-Ansturm opponiert - sondern letztendlich 70 Kilometer südwestlich von Woodstock, nahe der Kleinstadt Bethel in White Lake. Und tatsächlich, das Musikfestival, an dem um die 400.000 Menschen teilnahmen, wurde zu einem Rausch der Farben, der Liebe, der Musik - und zu einem der Höhepunkte der Hippie-Bewegung. Eine neue, menschlichere und solidarischere Lebensweise und ein ebensolcher Umgang miteinander war das Ziel, das Motto: Flower-Power. Die Blumenkinder suchten sich auch ihre eigenen Formen von alternativer Spiritualität, vielfach abseits von traditionellen, institutionellen Religionen. Kerstin Tretina mit einem Überblick über die Spiritualität der Hippies, die spirituelle Vorstellungen zum Teil bis heute prägt.
4. Das christliche Magnificat, ein jüdischer Text - Bibelessay zu Lukas 1,39-56
Um die Mutter des Jesus von Nazareth, den Christ/innen als Christus (Messias) bekennen, geht es am Feiertag "Mariä Himmelfahrt" oder "Aufnahme Marias in den Himmel" – und um Worte voll Hoffnung und Zuversicht aus der hebräischen Bibel des jüdischen Volkes.
In katholischen Gottesdiensten wird am 15. August eine Bibelstelle gelesen, die als Magnificat besonders häufig vertont wurde: Magnificat anima mea dominum. Meine Seele preist den Herrn. So beginnt der Lobgesang, in dem die schwangere Maria bekennt, Gott "zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen". Und sie, die junge jüdische Frau, sagt das in der Tradition zweier bedeutender Frauen des Volkes Israel: der Richterin Deborah und Hannah, der Mutter des Propheten Samuel, wie Martin Jäggle für LEBENSKUNST hervorhebt. Der katholische Theologe und Emeritus für Religionspädagogik ist auch Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
So., 18.8.
1. Verschwundene Zentren jüdischen Lebens - Eine Erinnerungsausstellung bei ESRA
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat es in Wien, der drittgrößten jüdischen Gemeinde Europas, um die 600 Vereine gegeben, 300 Stiftungen, 26 Synagogen, 70 Bethäuser, Heime, Schulen, Kindergärten, eine Lehranstalt für angehende Rabbiner, Bibliotheken und Ausspeisungsküchen. Mit 1938 hat sich das massiv geändert; in der Zeit des Nationalsozialismus wurde geplündert, verbrannt, geräumt, demoliert. So auch der Übertitel der Ausstellung, die derzeit an einem historischen Platz zu sehen ist: dem Vorplatz des psychosozialen Zentrums ESRA in der Wiener Tempelgasse, das sich auf dem Ort des großen, ebenfalls zerstörten, Leopoldstädter Tempels befindet. Davor wurde die Ausstellung im Wiener Stadt- und Landesarchiv gezeigt. Lena Göbl hat sie sich jetzt in der Tempelgasse angesehen.
2. Die Kirche auf dem Grenzstreifen - Begegnungen 30 Jahre nach dem Sommer ´89
Vor genau 30 Jahren wurde ein weiterer Friedensschritt im zu tauen beginnenden Kalten Krieg vollzogen: Beim "Paneuropa-Picknick" am 19. August 1989 wurde der vielzitierte "Eiserne Vorhang" zwischen Österreich und Ungarn für drei Stunden gehoben. 600 bis 700 Bürgerinnen und Bürger der DDR nützten damals diese kurze Öffnung zur Flucht in den Westen; es war die größte Fluchtbewegung seit dem Bau der Berliner Mauer. Das "Paneuropa-Picknick" gilt nachträglich als einer der Meilensteine auf dem Weg zum Ende der Diktatur im Osten Europas. Auch in der "Emmerichs-Kirche" auf einer Waldlichtung in der Nähe von Inzenhof im Südburgenland wird der Ereignisse vor 30 Jahren gedacht. 90 Jahre zuvor war die Kirche für drei Ortschaften im ehemaligen Westungarn gebaut worden. Die 1948 errichtete und schwer bewachte Grenze trennte die Ortschaften, und die Kirche verfiel zusehends. Mittlerweile wird in der Kirche auf ungarischem Grund in unmittelbarer Nähe der österreichischen Grenze wieder Gottesdienst gefeiert und es werden Konzerte aufgeführt, die grenzübergreifend besucht werden. Die Emmerichs-Kirche gilt nunmehr als Denkmal für den Frieden und das Zusammenwachsen von Ost und West. Maria Harmer, die in den 1960er und 1970er Jahren in Güssing aufgewachsen ist, hat eine sehr persönliche Beziehung zu dieser Kirche im Grenzgebiet zwischen Ungarn und Österreich, von der sie in LEBENSKUNST erzählt.
3. „Bitte seien Sie achtsam!“ - Ein originär buddhistisches Konzept zur Stressreduktion
Selbst die Wiener U-Bahn hat ihn für sich entdeckt, den Wert der Achtsamkeit. Und so mancher und manche beginnt den Tag damit: Einfach nur da sein, sich öffnen für das Leben, achten auf den gegenwärtigen Moment. Nicht selten ein Ergebnis von Meditation und durchaus auch Gebet. Und oft wirksam gegen Burnout. Achtsamkeit ist als Methode der Konzentration und Meditation seit mehreren Jahren sehr gefragt, als Modewort mittlerweile freilich fast schon inflationär in Verwendung. Historisch gesehen entstammt das Konzept der Achtsamkeit dem Buddhismus. Als grundlegende Praxis der Meditation ist es den meisten Strömungen bekannt, wird aber besonders in der Theravada-Tradition Burmas geübt und weitergegeben. Dort wird sie Vipassana genannt. Aus den verschiedenen Formen der buddhistischen Achtsamkeitsübung haben sich in den 1960er und 1970er Jahren im sogenannten Westen unterschiedliche Adaptionen entwickelt, besonders für den medizinischen und psychotherapeutischen Bereich. Darunter auch die mittlerweile weltweit verbreitete Methode der „Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion“. Kerstin Tretina über einen Trend und seine Auswirkungen.
4. Provokation statt fauler Friedensschlüsse - Bibelessay zu Lukas 12,49-53
Folgt man der katholischen Leseordnung für den „20. Sonntag im Jahreskreis“, so ist einer jener Evangelientexte vorgesehen, die so manche und manchen zutiefst irritieren mögen. Der biblische Text spiegelt die Erfahrung wieder, was passieren kann, wenn Menschen einen neuen Glauben finden, zu einer für ihre Umgebung nicht nachvollziehbaren Überzeugung kommen. Der Autor des Lukasevangeliums hat das gegen Ende des ersten Jahrhunderts so ausgedrückt: An Jesus scheiden sich die Geister, der Glaube an ihn kann zu Spaltung, ja zu Verfolgung führen. Gedanken dazu vom katholischen Theologen und Sozialethiker Markus Schlagnitweit