
Lebenskunst
3.10. | 07:05 | Ö1
Einzigartig und zweisprachig – Die Reformierte Kirchengemeinde in Oberwart
Sie ist die älteste protestantische Kirchengemeinde im heutigen Österreich und findet sich im jüngsten Teil des Landes: im Burgenland, dem ehemaligen „Deutschwestungarn“, das vor einhundert Jahren an Österreich angegliedert wurde. Ihr Mittelpunkt ist jenes im 18. Jahrhundert erbaute Kirchengebäude von Oberwart, das einen Stern als Turmspitze hat. Die evangelisch-reformierte Gemeinde Oberwart/Felsöör ist freilich älter: Sie ist die einzige protestantische Gemeinde, die seit der Reformationszeit im 16. Jahrhundert ununterbrochen besteht. Die Reformierten, das sind im Gegensatz zu den evangelisch-lutherischen Christinnen und Christen jene Helvetischen Bekenntnisses, also „H.B.“ und nicht „A.B.“ (Augsburgischen Bekenntnisses). Christinnen und Christen Helvetischen Bekenntnisses führen ihren Glauben im Besonderen auf die Schweizer Reformatoren Johannes Calvin und Huldrych Zwingli zurück. Heute leben in der südburgenländischen Bezirkshauptstadt rund 1.200 Evangelische H.B. und 1.200 Evangelische A.B. sowie knapp 4.000 Katholik/innen – und zwar, wie versichert wird, in einem gelungenen Miteinander. An die 10.000 Burgenländer/innen zählen sich zur ungarischen Volksgruppe, viele von ihnen gehören der Reformierten Kirchengemeinde an. So finden die Gottesdienste in der Oberwarter Reformierten Kirche abwechselnd auf Deutsch und Ungarisch statt, und die Kirchengemeinde ist auch stolze Besitzerin der zweitgrößten ungarischen Bibliothek Österreichs. Maria Harmer war anlässlich des Ö1-Schwerpunktes "9 x Österreich. Erkundungen im Burgenland" an Ort und Stelle und hat mit Gemeindemitgliedern gesprochen.
Erst Jakobsweg, dann Hadsch – Ein Pilger auf dem Weg zu sich
Damit die Seele Schritt halten kann: Gehen ist das beste Tempo für Körper, Geist und Seele, das belegen nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch die Erfahrungen von mehr und mehr Wanderbegeisterten und Pilger/innen. Zu einem richtigen Trend ist diese Art der Bewegung in den vergangenen Jahren geworden. Dabei ist die Lebenskunst des Gehens schon Jahrhunderte alt und vielen Religionen und Traditionen bekannt: Auf dem Weg durch Natur und Welt mag manche und mancher näher zu sich selbst, zu einer spirituellen Quelle finden. So kann Pilgern als die älteste, bis in die Spätantike zurückreichende Form des bewussten Wanderns bezeichnet werden. Für den Grazer Thair Abud war es das Gehen des „Jakobswegs“ nach Santiago des Compostela, das ihn auf die Idee gebracht hat, auch von Graz nach Mekka zu aufzubrechen. Dabei hat der Sohn einer Deutschen und eines Irakers erfahren, dass ihn, wie er sagt, sein Wandern immer mehr zu Gott führt. Die außergewöhnliche Geschichte des mittlerweile 56-Jährigen hat Kerstin Tretina in LEBENSKUNST zum ersten Mal 2015 erzählt: Der frühere General Manager eines österreichischen Unternehmens im arabischen Raum hat sein Leben drastisch geändert, als seine Schwester an Brustkrebs erkrankte. Er ging den „Jakobsweg“ von Graz nach Finisterre, um seine Schwester moralisch zu unterstützen und mit Reise-Nachrichten von ihren Schmerzen abzulenken. Heute ist Thair Abud Weit- und Weltwanderer. Seine Geschichte wird im Rahmen des multimedialen ORF-Schwerpunkts „Vom Gehen, Wandern und Pilgern“ erneut wiedergegeben.
Vom Reichtum des großen Ganzen – Bibelessay zu Markus 10, 17.19-22
Er ist einer jener Heiligen, denen gleich mehrere christliche Kirchen einen Gedenk- oder Festtag gewidmet haben – und zwar am 3. und 4. Oktober: Franziskus, kurz Franz, aus Assisi; gestorben mit 44 Jahren am 3. Oktober 1226. Einer der biblischen Texte, die an diesem Sonntag für evangelische Gottesdienste vorgesehen sind, passt sehr gut zu Franz von Assisi, meint die evangelische Theologin und Religionspsychologin Susanne Heine – als Kontrastbeispiel. Von einem Mann ist da im ältesten Evangelium, im Markus-Evangelium, die Rede, der sich von seinem Vermögen nicht trennen und somit nicht in letzter Konsequenz Jesus nachfolgen kann. Was dieser namenlose Mann nicht geschafft hat, bringt 1000 Jahre später Franziskus zustande. Er verlässt sein reiches Elternhaus, verzichtet auf sein Erbe und lebt als Einsiedler. Susanne Heine fühlt den Umständen nach, die ihn dazu bewogen haben, und kommt zu dem Schluss, für Franz von Assisi bildet alles ein großes Ganzes: Mensch und Natur, Tiere und Pflanzen, Gestirne und Erde, „weil Gott sie alle geschaffen hat“.
Ein Zuhause für alle – Den Oikos Gottes erneuern
„Ökologie“ wird nicht von ungefähr vom altgriechischen Wort oikos (Haus) hergeleitet, und ökologische Verantwortung tut not: Droht doch das gemeinsame Haus einzustürzen. Die Erde steht unmittelbar vor ihrer Erschöpfung, mahnt der Autor und Kulturpublizist Hubert Gaisbauer. Auch er in Anlehnung an Franz von Assisi – und an die Umwelt-Enzyklika „Laudato si“, in der der eine Franziskus, der Papst, den anderen Franziskus, aus Assisi, zitiert: „Laudato si’, mi’ Signore‚ gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter“, schreibt Franzskus von Assisi in seinem Sonnengesang. Und der Franziskus von Rom ergänzt: „Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat“. Hubert Gaisbauer plädiert, auf die aus Stürmen, Überflutungen und Dürrekatastrophen bestehenden Hilferufe zu hören und nennt als Beispiele besagten alten Papst und eine weltbekannte junge Aktivistin: „Ein aktives Bekenntnis für die Schöpfung ist keine Frage des Alters, sondern der Intelligenz.“
Redaktion & Moderation: Doris Appel