Lebenskunst
30.1. | 07:05 | Ö1
Berufen zum Dienst für Gott und die Menschen – Bibelessay zu Jeremia 1, 4-5, 17-19
Nach der Präsentation des Gutachtens zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising werden – zumindest in Bayern – zahlreiche Austritte aus der römisch-katholischen Kirche erwartet. Auf der anderen Seite tritt eine große Gruppe queerer kirchlicher Mitarbeitender in Deutschland ganz bewusst auf – und nicht aus. Sie wollen ihre sexuelle Orientierung nicht länger verschweigen müssen. Nicht nur heterosexuelle Menschen sind zum kirchlichen Dienst berufen, so ihre Botschaft, wohl aber verantwortungsvolle, reife und empathische Persönlichkeiten. Eine Berufungsgeschichte steht auch auf dem liturgischen Leseplan der katholischen Kirche am Sonntag, dem 30. Jänner. Für den katholischen Theologen und Professor für Judaistik an der Universität Wien, Gerhard Langer, ist der Text aus dem alttestamentlichen Buch Jeremia ein Bild dafür, wie der Gott der Bibel mit Menschen kommuniziert: Propheten und Prophetinnen seien nicht nur Mahner und Tröster, „sie sind ein Weg, um Gottes Willen in der Welt verstehbar zu machen“.
„Stell dich in die Zeit, bereit für ihre Fragen“ – Unterwegs in den Spuren Hildegard Burjans
Von Hildegard Lea Burjan, geb. Freund, stammt das Zitat. Die Philosophin wurde 1883 in eine jüdisch-liberale Familie in Görlitz, Schlesien, geboren, wurde österreichische Sozialpolitikerin und schließlich Gründerin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, die mittlerweile besonders in Zusammenhang mit dem Wiener „Hospiz Rennweg“ bekannt ist. 1909 konvertierte sie zur katholischen Kirche, 1933 starb sie in Wien; am 29. Jänner 2012, vor genau zehn Jahren, fand im Wiener Stephansdom ihre Seligsprechung statt. Hildegard Burjans Leben war von vielfältigen Spannungen gekennzeichnet: zwischen Politik und Kirche, zwischen Ehe, Familie und Gründung der Schwesterngemeinschaft, zwischen Verpflichtungen in ihrem großbürgerlichen Haushalt und dem Engagement für die Ärmsten der Gesellschaft, zwischen ihrem einfachen Glauben und dem tatkräftigen, mutigen Auftreten als Frau in der Kirche. Brigitte Krautgartner hat sich auf ihre Spuren in Wien begeben.
Kaddisch beten – aber wie?
Larry, ein atheistischer Jude aus Brooklyn, ist nach dem Tod seines geliebten Vaters ein Nervenbündel. Nach dem jüdischen Gesetz muss er elf Monate lang das Kaddisch für seinen Vater beten: Das Gebet ist der Heiligung des göttlichen Namens gewidmet und wird stellvertretend für Verstorbene gesprochen. Fieberhaft sucht Larry nach einem Ausweg – und findet ihn, wie so vieles, im Internet, bei der Website kaddish.com. Ein frommer Jeschiwa-Schüler in Jerusalem wird das Kaddisch für seinen Vater beten, während Larry so weitermachen kann wie bisher – oder doch nicht? „Eine übermütige, warmherzige Geschichte über Glaube, Identität und Familie“, hat die Financial Times den vor Kurzem in Deutsch erschienenen Roman von Nathan Englander bezeichnet, in dem ein Mann mehrere Glaubenswandlungen durchmacht. Wolfgang Popp hat ihn gelesen und mit dem Autor gesprochen.
Rückblick auf ein Leben in Achtsamkeit – Zum Tod von Thich Nhat Hanh
„Thich Nhat Hanh ist einer der bedeutendsten und einflussreichsten buddhistischen Lehrer unserer Zeit. Nach mehr als 65-jähriger Lehrtätigkeit ist er am 22.1.2022 um Mitternacht im Alter von 95 Jahren in die große Verwandlung eingegangen“, schreibt die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft zum Tod des vietnamesischen Mönchs, Schriftstellers und Lyrikers in seinem Haus in Tu-Hieu-Tempel in Hue, Vietnam. Mit seinem Einsatz für den Frieden in seinem Heimatland in den 1960er Jahren wurde der Begründer des sogenannten Engagierten Buddhismus zur Lichtgestalt für spirituell aufgeschlossene Hippies und für Friedensbewegungen weltweit – und zur persona non grata für die politischen Verantwortlichen in Vietnam. Fast vier Jahrzehnte musste Thich Nhat Hanh im Exil in Europa leben, insbesondere in Frankreich. Dort hat er auch in der Nähe von Bordeaux das Praxiszentrum "Plum Village" etabliert. Seine buddhistische Praxis verbindet spirituelle Übung mit sozialem und politischem Engagement. Kerstin Tretina über einen stillen Erneuerer und Übersetzer buddhistischer Lehren ins Heute.
Moderation: Karoline Thaler
Redaktion: Doris Appel
