Frage
Heiliger Vater, von Europa aus hat sich das Christentum in alle Welt verbreitet. Nun sagen viele, die sich mit der Sache beschäftigen, die Zukunft der Kirche liegt auf anderen Kontinenten. Trifft das zu? Und anders gefragt: Welche Zukunft hat es in Europa, in dem Christentum eher zur Privatsache einer Minderheit verkümmert?
Benedikt XVI.
Ich würde es zunächst ein bisschen nuancieren. Entstanden ist das Christentum ja im vorderen Orient, wie wir wissen. Und lange Zeit hat es dort auch seinen Schwerpunkt gehabt und sich viel weiter nach Asien ausgedehnt, als uns heute nach der Veränderung durch den Islam bewusst ist. Allerdings hat es dann eben dadurch seine Achse erheblich nach dem Westen und nach Europa verschoben, und Europa - darauf sind wir auch stolz und freuen uns - hat das Christentum in seiner großen auch intellektuellen und kulturellen Gestalt weiter ausgebildet. Aber ich glaube, es ist schon wichtig, an die Christen im Orient zu erinnern, denn im Moment besteht die Gefahr, dass die Christen, die dort immer noch eine wichtige Minderheit sind, auswandern. Und dass gerade diese Ursprungsorte des Christentums leer werden von Christen, was eine große Gefahr ist. Wir müssen denen sehr helfen, dort bleiben zu können. Aber nun zu ihrer Frage: Europa war dann ohne Zweifel Zentrum des Christentums und der missionarischen Bewegung. Heute treten die andern Kontinente, die anderen Kulturen mit gleichem Gewicht in das Konzert der Weltgeschichte ein. Und insofern wird die Kirche vielstimmiger, und das ist auch gut so, dass die eigenen Temperamente, die eigenen Begabungen Afrikas, Asiens und Amerikas, besonders auch Lateinamerikas erscheinen können. Alle natürlich immer auch betroffen nicht nur von dem Wort des Christentums, sondern von der säkularen Botschaft dieser Welt, die die Zerreißprobe, die wir in uns selber hatten, auch in diese Kontinente hineinträgt. Alle Bischöfe aus den andern Erdteilen sagen, wir brauchen weiterhin Europa, auch wenn Europa nun einem größeren Ganzen zugehört. Wir haben weiter eine Verantwortung dafür. Unsere Erfahrungen, die theologische Wissenschaft, die hier gebildet wurde, alles, was wir an liturgischer Erfahrung, an Brauchtum, auch an ökumenischer Erfahrung gesammelt haben: all das ist auch für die anderen Kontinente wichtig. Insofern ist bedeutsam, dass wir jetzt nicht kapitulieren und sagen: „Naja, wir sind nur noch eine Minderheit, schauen wir mal, dass wir wenigstens in der Zahl beieinander bleiben", sondern weiterhin dynamisch bleiben und in Austausch treten. Dann werden Kräfte von dort auch zu uns kommen. Es gibt ja heute indische und afrikanische Priester in Europa, ebenso in Kanada, wo viele afrikanische Priester arbeiten, interessanterweise. Es gibt dieses gegenseitige Geben und Nehmen. Aber wenn wir auch in Zukunft mehr Empfangende werden, sollten wir immer auch Gebende bleiben und dazu den Mut und die Dynamik entwickeln.






