Frage
Es ist teilweise schon angesprochen worden, Heiliger Vater. Moderne Gesellschaften orientieren sich in wichtigen Entscheidungen zu Politik und Wissenschaft nicht an den christlichen Werten, und wenn die Kirche bemerkt wird - das wissen wir aus Umfragen -, dann oft als warnende Stimme oder gar als bremsende Stimme. Müsste die Kirche nicht aus dieser defensiven Rolle heraus und positiver in die Zukunft blicken und auch positiver gestalten?
Benedikt XVI.
Ja, ich würde sagen, das ist auf jeden Fall ein Auftrag an uns, dass wir deutlicher machen, was wir denn positiv wollen. Dass wir es vor allen Dingen im Miteinander der Kulturen und der Religionen zur Geltung bringen. Denn der afrikanische Kontinent, die afrikanische Seele, auch die asiatische Seele ist erschreckt, bei uns eine kalte Rationalität zu sehen. Wichtig ist zu zeigen, dass es nicht nur dieses gibt. Und umgekehrt, für unsere laizistische Welt ist es wichtig zu sehen, dass für den Dialog mit den anderen Welten gerade auch der christliche Glaube nicht ein Hindernis, sondern eine Brücke ist. Man darf nicht meinen, die rein rationale Kultur, die hätte es aufgrund ihrer Toleranz leichter, mit den anderen Religionen zu Rande zu kommen. Ihr fehlt weitgehend das religiöse Organ und gerade damit eigentlich der Bezugspunkt, auf den hin die anderen ansprechen und angesprochen werden wollen. Insofern müssen wir zeigen, können wir zeigen, dass gerade für die neue Interkulturalität, in der wir leben, die pure, von Gott losgelöste Rationalität nicht genügt, sondern eine weite Rationalität nötig ist, die Gott in der Einheit mit der Vernunft sieht, und dass unser christlicher Glaube, der sich in Europa entwickelt hat, auch ein Mittel ist, um Vernunft und Kultur zueinander zu bringen und in einer verständnisvollen Einheit auch des Handelns miteinander zu halten. In dem Sinn haben wir, glaube ich, einen großen Auftrag, dass wir zeigen: Dieses Wort, das wir haben, gehört nicht in die Mottenkiste der Geschichte, sondern es ist jetzt gerade notwendig.






