Eine "Katholisch.at"-Reportage von Georg Pulling, Henning Klingen und Andreas Gutenbrunner
Die Kirche "Maria am Gestade" im ersten Bezirk ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als pünktlich um 18 Uhr die Repräsentanten der christlichen Kirchen festlichen Einzug halten. Kardinal Christoph Schönborn feiert gemeinsam mit den Vertretern der christlichen Kirchen - unter ihnen der evangelische Superintendent Hansjörg Lein und der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos - die Eröffnung der zweiten "Langen Nacht der Kirchen". Der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura entzündet die "Sibiu-Kerze". Sie leuchtet mit dem Symbol der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung auf, die 2007 im rumänischen Sibiu stattfinden soll. Wie Kardinal Schönborn erklärt, stellt dieser ökumenische Gottesdienst einen wichtigen Schritt auf dem Weg nach Sibiu 2007 dar.
"Christsein öffnet Grenzen", so lautet das Motto dieses Eröffnungsgottesdienstes. Und so ruft der Wiener Erzbischof allen Anwesenden zu, dass die Öffnung der Grenzen zwischen den Kirchen, zwischen Sprachen, Kulturen und Völkern, in der gemeinsamen Verbundenheit mit Gott möglich ist. Schülerinnen und Schüler aus dem Gymnasium Friesgasse und dem Lycee francais zeigen in kurzen szenischen Darstellungen auf, wie Grenzen überwunden werden können.
Superintendent Lein trägt die Lesung vor, die evangelisch-methodistische Pastorin Anke Neufeldt zeigt sich in ihrer Ansprache dazu überzeugt: "Gottes Geist sprengt alle Grenzen und verbindet die Menschen". Der Friedensgruß, bei dem sich Christen aller Konfessionen die Hände reichen, wird zu einem interreligiösen Schulterschluss. Dieser reicht an diesem Abend bis in die gelungene musikalische Zusammenarbeit hinein; so begleiten die Capella Albertina Wien, ein rumänisch-orthodoxer Chor und die Evangelische Studentengemeinde Wien den Gottesdienst mit ihren Liedern. Superintendent Lein wünscht Kardinal Schönborn noch einen "gesegneten Nacht", bevor er, wie alle anderen auch, in die "Lange Nacht" hinaus entschwindet.
Unterdessen ist Altsuperintendent Peter Karner in der Reformierten Stadtpfarrkirche bereits in seinem Element. Gemeinsam mit Edith Leyrer gibt er einige Schmankerl von Johann Nestroy zum Besten, musikalisch unterstützt durch Klaus Hehn und Andras Fekete, die mit Wiener Liedern für eine stimmungsvolle Atmosphäre in der voll besetzten Kirche sorgen. Das sein Programm um 18 Uhr zeitgleich mit dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft beginnt, stört den Pfarrer, der neben Luther und Nestroy auch den Prediger Abraham a Sancta Clara zu seinen Vorbildern zählt, wenig. "So viele Fußballverrückte gibt es hier nicht", ist er sich sicher, und mit unverholenem Stolz auf die voll besetzten Bänke fügt er hinzu: "Außerdem spielt ja der entscheidende Vertreter des wirklich schönen und geistvollen Fußballs gar nicht mit: die österreichische Nationalmannschaft..."
Für die "Lange Nacht" sei vor allem eines wichtig, betont Karner: "Dass die Kirchen bewußt absichtslose Programme machen und nicht mit der Brechstange zu missionieren versuchen". Lieber sollte sie die Gelegenheit nutzen und sich "in ihrer Buntheit und mit ihrem Können" präsentieren. "Man lädt sich ja auch nicht Gäste ein, um sie zu bekehren". Diese Praxis sei "insbesondere bei den evangelikalen Christen anzutreffen", und mit süffisantem Lächeln fügt er hinzu: "Und wenn mir so etwas passieren sollte, trinke ich meinen letzten Grappa und geh'".
Zu den Highlights dieser Langen Nacht, die allein im ersten Wiener Gemeindebezirk sämtliche 26 teilnehmenden Kirchen sehr gute Besucherzahlen beschert, gehört zweifellos auch die Lichtinstallation im Stephansdom. Mit 300 Lampen wird der Innenraum der Kathedrale in immer neue, färbige Lichtphasen getaucht. Von seinem Regiepult auf der Orgelempore aus verwandelt der deutsche Künstler Stefan Knor den Dom auf diese Weise mal in ein leuchtend weiß-gelbes, mal in ein tiefblaues Gotteshaus. Dompfarrer Anton Faber, der über vier Stunden lang im Eingangbereich ausharrt und zahllosen bewegten und faszinierten Besuchern Hände schüttelt, strahlt zufrieden: "Ich habe bereits in Deutschland einige Kirchen in dieser Art illuminiert gesehen und wollte das auch unbedingt einmal für den Stephansdom haben", erklärt der Dompfarrer. "Da kommt die Lange Nacht natürlich gerade recht". Rund 15.000 Besucher lockt in dieser Nacht der schimmernde Glanz der bis auf den Stephansplatz leuchtenden Fensterscheiben an.
Zur gleichen Zeit, als der Stephansdom im Licht erstrahlt, beginnen der evangelische Oberkirchenrat Michael Bünker und Pfarrer Sepp Lagger in der Simmering-Glaubenskirche eine Lesung der besonderen Art. Sie haben - "extra für die Lange Nacht", wie Bünker eingangs betont - das Markusevangelium in den Dialekt ihrer Kärtner Heimat übertragen. Die Besucher machen sich auf einen langen Abend gefasst.
Zurück im ersten Bezirk: Tausende Menschen drängen in die Montecuccoli-Gruft in der Kirche "Am Hof", die nur in der Langen Nacht zugänglich ist und nach Restaurierungsarbeiten wieder verschlossen wird. Eine weitere Attraktion: Die Besucher können den Kirchenrestauratoren bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen.
Einige Straßen weiter wird unterdessen im wahrsten Sinne des Wortes die evangelisch-lutherischen Stadtkirche gestürmt, wo Michael Kohlmeier ansetzt, aus seinem Buch "Nachts um eins am Telefon" zu lesen. Kohlmeier ist der "Staraufputz" für die Präsentation der Telefonseelsorge.
Nicht nur im ersten Bezirk herrscht reges Treiben, auch die Organisatoren in den Kirchen außerhalb des Rings freuen sich über den regen Besuch in den offenen Gotteshäusern. Besonders gut kommen die Führungen auf die höchsten Kirchtürme Wiens, etwa in der Pfarrkirche Breitenfeld im achten Bezirk und in St. Othmar unter den Weißgerbern im dritten Bezirk, an.
In der rumänisch-orthodoxen Kirche im elften Bezirk ist an diesem Abend eine Besonderheit zu hören. Erstmals trägt Bischofsvikar Nicolae Dura den "Hymnos Akathistos" in deutscher Sprache vor. Der Gesang des Priesters und des Chores erfüllt den orthodoxen Gottesraum. Im Anschluss erklärt Dura den Besuchern, wie die rumänische Gemeinde Gottesdienst feiert.
Einen Stock tiefer - im gemütlichen Untergeschoß der Kirche - diskutiert Dura dann mit der langjährigen Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen, Oberin Gleixner, und dem Journalisten Franz Hummer über Rumänien und die Ökumene. Wer noch nicht wußte, dass in sibiu über 1.100 Studenten Theologie studieren, der weiß es jetzt, ebenso dass die evangelische Kirche im land in den vergangenen 15 Jahren von 80.000 auf 15.000 Mitglieder schrumpfte. Dass die Christen Rumäniens die Solidarität der österreichischen Christen dringend brauchen, ist allen klar.
In der Kapuzinerkirche im ersten Bezirk kann man da schon auf einen langen Fußballabend zurück blicken. Im Vorfeld hat es einige Aufregung gegeben, als bekannt wurde, dass das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft auf einer Großbildleinwand in der Kirche zu sehen sein wird. Schließlich findet die Übertragung nicht in der Kirche sondern im Innenhof des Kapuzinerklosters statt. Rund 30 Fußballanhänger und zugleich Besucher der "Langen Nacht" sind dabei, als Deutschland Costa Rica mit 4:2 schlägt. "Es wird wohl nie mehr die Möglichkeit geben, in einem Kloster Fußball zu schauen", begründete ein Besucher sein Kommen. Ein anderer betrachtete Fußball "als ein Stück Leben - und gerade das soll doch in der Kirche greifbar werden". Sein Sitznachbar outet sich - obwohl Österreicher - als Deutschland-Fan, die Dame mittleren Alters neben ihm wiederum interessiert sich eigentlich gar nicht für das Spiel, wohl aber für die anschließende Diskussion in der Kirche. Da geht es nämlich unter dem Titel "Wie gnädig ist der Fußballgott?" um den Zusammenhang zwischen Religion und Sport. In lockerer Gesprächsatmosphäre erörtern die Wiener Religionssoziologin Regina Polak und der Linzer Theologe Ansgar Kreutzer die vielen Facetten dieser teils spannungsvollen, teils erstaunliche Parallelen aufweisenden Verbindung von Sport und Religion.
Kreutzer, der über dieses Thema unlängst ein Buch veröffentlicht hat, hält fest, dass Fußball "ein Spiegelbild unserer Leistungsgesellschaft" ist. Der Kern der Faszination liege aber darin, dass die Leistungen "nicht allein durch finanzielle Macht käuflich sind" und es auch immer wieder sein kann, "dass der Schwächere den Stärkeren besiegt". Fußball sei "der Ort des Unvorhergesehenen", und zugleich für zahlreiche Menschen ein Ort religiöser Erfahrungen. Kreutzer sieht zumindest zwei Parallelen zwischen Sport und Religion allgemein: Beides bedeute für Menschen eine "Quelle der Sinnstiftung" und biete eine "Aura des Heiligen". Polak fügte dem hinzu, dass gerade an dieser religiösen Seite des Sports das "Doppelgesicht des Religiösen" sichtbar werde, insofern Sport wie Religion zum einen "Gewalt kanalisiert, ritualisiert und zähmt", zum anderen jedoch den Kreislauf der Gewalt auch immer wieder von sich aus in Gang setzt.
Allmählich neigt sich die "Lange Nacht der Kirchen" ihrem Ende zu. Gegen 23.30 Uhr endet in der Simmeringer Glaubenskirche auch die Lesung von Oberkirchenrat Bünker aus dem "Kärntner Markusevangelium". Über 100 gespannte Zuhörer harren bei Gesängen des eigens engagierten Kärntner Chores bis zum Schluss aus und lassen die Nacht noch bei einem Glas Wein ausklingen.
In vielen Kirchen findet gegen Mitternacht noch ein meditativer oder spiritueller Ausklang statt. So auch im Stephansdom, der immer noch sehr gut besucht ist. "Ich hatte das Gefühl, überall freudig erwartet worden zu sein", zieht eine Besucherin der "Langen Nacht" Resümee. Oft ganz nebenbei ergaben sich auch anregende Gespräche mit anderen Besuchern und Vertretern der Kirchen. In vielen Kirchen bekam man eine kleine Kerze in die Hand gedrückt, konnte sich einen Bibelspruch mitnehmen und wurde mit Kaffee und Kuchen verwöhnt. Wer es lieber deftiger mochte, hatte zum Beispiel im Heiligenkreuzerhof die Gelegenheit sich nach dem "Kirchengenuss" mit Würsteln, Bier und Stiftswein zu stärken.






