Mariazell als Gnadenort der „Magna Domina Hungarorum" ist in besonderer Weise mit der ungarischen Geschichte verbunden. Davon zeugt beispielsweise das Tympanonrelief über dem Haupteingang der Basilika: Unmittelbar neben der Schutzmantelmadonna kniet König Ludwig I. von Ungarn mit einem Votivbild, das er als Dank für den Sieg über feindliche Völker im Jahr 1365 gestiftet hat. Diese berühmte Marien-Ikone , die vermutlich um 1360 von Andrea Vanni, einem Künstler aus Siena, geschaffen wurde, befindet sich in der Schatzkammer von Mariazell und wird noch heute insbesondere von den ungarischen Pilgern sehr verehrt. Eine Statue von König Ludwig I. von Ungarn befindet sich links beim Haupteingang zur Basilika und ein Freskenzyklus an der Innenseite der Kuppel thematisiert in mehreren Darstellungen die Verbindung des ungarischen Königs mit Mariazell.
Schon im Mittelalter war Mariazell ein Wallfahrtsort, der neben deutschsprachigen Gläubigen auch viele Pilger aus Mähren, der Slowakei und Ungarn anzog und schließlich eine Vergrößerung der Kirche notwendig machte. Die grundlegende bauliche Umgestaltung und Erweiterung im Barock gab der Wallfahrtskirche das heute noch charakteristische Aussehen. Gerade dieser Umbau zwischen 1644 und 1704 weist starke Bezüge zu Ungarn auf: Von den zwölf Seitenkapellen wurden vier von ungarischen Adeligen errichtet, drei davon dienten der Verehrung ungarischer Heiliger.
Nach der kommunistischen Machtergreifung in Budapest im Jahr 1947 war Mariazell für Exil-Ungarn der einzige erreichbare „ungarische" Wallfahrtsort. Dass er auch zum Symbol des Widerstands gegen den Totalitarismus wurde, zeigte sich darin, dass der von den Kommunisten verfolgte Primas von Ungarn und Erzbischof von Esztergom, Kardinal Jozsef Mindszenty, am 15. Mai 1975 in der Ladislaus-Kapelle der Basilika seine vorläufig letzte Ruhestätte fand. Kardinal Mindszenty, der 1971 Ungarn verlassen musste und dann die meiste Zeit seines Exils in Wien verbrachte, hatte noch am Vorabend seines Todes am 5. Mai 1975 sein Testament wie folgt ergänzt: „Sollte ich in der Verbannung sterben, so bestatten Sie mich vorübergehend in der Wallfahrtsbasilika von Mariazell." Zuvor hatte er festgelegt: „Wenn über dem Lande Mariens und des heiligen Stephan der Stern des Moskauer Unglaubens niederfällt, so überführt meinen Leib in die Basilika von Esztergom." Dieser Verfügung entsprechend wurden am 4. Mai 1991 - zwei Jahre nach dem Zusammenruch der kommunistischen Regime in Europa - die sterblichen Überreste des Kardinals in seine ungarische Heimat überführt. Seither kommen nach wie vor jährlich tausende Pilger - darunter immer mehr Fußwallfahrer - aus Ungarn nach Mariazell, wo in der Basilika ein Stück Stacheldraht aus dem Eisernen Vorhang an der ungarischen Grenze an das Geschenk der wiedergewonnenen Freiheit erinnert.






