Jean-Michel di Falco wird den Journalisten in Cannes an Ort und Stelle Rede und Antwort stehen - Weltweit unterschiedliche kirchliche Reaktionen auf den umstrittenen Film mit fantastischem Inhalt
Paris-Berlin-Rom, 15.5.06 (KAP) Der französische "Medien-Bischof" Jean-Michel di Falco Leandri wird bei der Premiere des "Da Vinci-Code" bei den Filmfestspielen in Cannes unter den Zuschauern sein. Der Bischof werde sich den Eröffnungsfilm des Festivals am Mittwochabend ansehen und stehe anschließend den Journalisten zur Verfügung, teilte die Französische Bischofskonferenz mit. Für den Donnerstag sei zudem eine Pressekonferenz Di Falcos in Cannes vorgesehen.
Weltweit sind die kirchlichen Reaktionen auf den umstrittenen Film mit fantastischem Inhalt - eine Mixtur aus Verschwörungstheorie, halbverdauter Gnosis und New Age - unterschiedlich. Der Berliner Kardinal Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, sagte in einem Radio-Interview im Zusammenhang mit dem Film und dem zu Grund liegenden Bestseller von Dan Brown, die Kirche habe nichts zu verstecken und sie habe keine Angst davor, hinterfragt zu werden. Der Film könne Anlass für Gespräche über den Glauben und über die Bibel sein. Der Zuschauer solle sich selbst mit der biblischen Figur der Maria Magdalena oder mit dem Opus Dei beschäftigen.
Auch Belgiens Kirche hat keine Angst vor dem "Da Vinci-Code". Zwar sei richtig, dass auch fiktive Darstellungen die Mentalitäten beeinflussen, erklärten die belgischen Bischöfe am Montag in Brüssel. Die wahre Herausforderung sei aber nicht der Kommerzfilm von Ron Howard, sondern der derzeitige Mangel an religiöser Kultur, der auch Katholiken betreffe. Zum Glück gebe es aber heute mehr Möglichkeiten denn je, sich über die christliche Botschaft zu informieren.
Bestätigung für Vorurteile
Viele fühlten sich bei der Lektüre des Romans von Dan Brown in ihren Vorurteilen gegenüber der katholischen Kirche bestätigt, sagte der Basler Generalvikar, Roland-B. Trauffer, in einem Radiointerview. Trauffer bedauerte insbesondere den leichtfertigen Umgang des Autors mit Fakten. Schon zu Beginn des Bestsellers, dessen Verfilmung jetzt in die Kinos kommt, springe er mit Zahlen leichtfertig um. Die "umgekehrte Pyramide" im Pariser Louvres bestehe nicht aus 666 Glasplatten, sondern in Wahrheit aus 784. Die vom Autor verwendete Zahl sei "natürlich sehr symbolhaft" (sie steht in der Bibel als "Symbol des Bösen"). Insgesamt bezeichnete Trauffer "Sakrileg", wie der Roman auf Deutsch heißt, als ein "schädliches Buch". Der Roman habe letztlich kein anderes Ziel, als die Kirche und kirchliche Organisationen zu verunglimpfen.
Zum "gelassenen Umgang" mit Film und Buch hat der deutsche Theologe und Krimi-Experte Lutz Lemhöfer Weltanschauungsbeauftragter der Diözese Limburg) die katholische Kirche aufgerufen. Die Christen sollten demonstrieren, "dass das Christentum mit Spott und Kritik sehr souverän und gelassen umgehen kann", sagte er in einem Interview mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Nach Einschätzung Lemhöfers steht die große Aufmerksamkeit für den Bestseller Dan Browns und den darauf beruhenden Film auch im Zusammenhang mit der großen Medienöffentlichkeit für Papst und Kirche. Wenn kirchliche Events wie der letzte Weltjugendtag in Köln so viel Interesse und Sendezeit erhielten, dürfe sich niemand wundern, dass auch "kritische Töne gleich zu so einer Riesennummer werden".
Lemhöfer äußerte handwerkliche Kritik am Buch "Sakrileg". Zwar kämen Freunde von Spannung und wilden Verfolgungsjagden auf ihre Kosten. Die handelnden Personen blieben allerdings sehr blass, die meisten Charaktere seien holzschnittartig gezeichnet. "Wer psychologisch hintergründige Krimis mit religiösem Tiefgang liebt, der ist mit diesem Buch eher schlecht bedient", so Lemhöfer.
Pseudo-Wissen breitet sich aus
Problematisch ist nach Einschätzung Lemhöfers, dass viele Leser auf Grund mangelnden religiösen Wissens die vermeintlichen Sachdarstellungen für bare Münze nehmen. Die religiöse Desorientierung der Halbgebildeten werde noch weiter ansteigen. "Schon jetzt hört man gelegentlich, dass Schüler für Referate 'Sakrileg' ernsthaft als seriöse Quelle ansehen oder dass in Diskussionen mit Pseudo-Wissen aus dem Roman argumentiert wird - übrigens vor allem von Leuten, die sich für besonders aufgeklärt und gebildet halten". Die Kirche sollte den Film nach Auffassung Lemhöfers deshalb als Aufhänger für Aufklärung und Information nutzen und über "Sakrileg" diskutieren.
Auch der stellvertretende Vorsitzende der Katholischen Filmkommission Deutschlands, Wolfgang Hußmann, sagte am Montag in einem Radiointerview, das Buch sei ein guter Thriller, aber keine kirchenhistorische Literatur. Brown erkläre ständig neue Behauptungen zur Wahrheit, ohne diese belegen zu können, kritisierte Hußmann.
"Frei erfunden"
Für frei erfunden hält der Kunsthistoriker Alessandro Vezzosi auch die Aussagen Dan Browns über Leonardo Da Vinci und sein Werk. Der Direktor des Leonardo-Museums von Vinci in der Toskana betonte im Gespräch mit "Radio Vatikan", die These, dass auf der berühmten Abendmahlsdarstellung von Leonardo der Heilige Johannes in Wahrheit als Maria Magdalena gemeint sei, stelle "blühenden Unsinn und eine sicherlich werbewirksame Effekthascherei" dar. In der ganzen Malerei der Renaissance werde der Heilige Johannes stets mit sehr weichen, jugendlichen Gesichtszügen dargestellt. Um Dan Brown zu entlarven, reiche es, Leonardos Werke im Original zu betrachten, betonte Vezzosi: "Das Buch spielt die Größe Leonardos herunter. An einer Stelle des Buches wird er zu einem zaubernden Alchimisten, dabei kämpfte er gegen jede schwarze Magie. Er hatte den Anspruch, rein wissenschaftliche Forschungen zu betreiben mit aufrichtigen Methoden. Dass er Folterinstrumente gebaut haben soll, ist eine reine Erfindung, ebenso dass er Leichen wieder ausgegraben hätte. Das ist abwegig". Dann gebe es da noch die Hypothese des angeblich heuchlerischen Verhaltens Leonardos gegenüber der Kirche, um sich Aufträge zu sichern; dabei habe der Künstler nur ganz wenige religiöse Gemälde fertig gestellt.






