Auf dem Konzil von Nizäa wurde im Kanon 6 erstmals die Zuordnung der drei Patriarchate Rom, Alexandria und Antiochia untereinander in ihrer zeremoniellen Rangfolge mit Alexandria an der Spitze festgelegt. Papst Damasus I. (366 - 84) ließ dem Konzil von Konstantinopel 381 eine neue Rangliste vorlegen, die Rom vor Alexandria und Antiochia reihte, aber im Endeffekt noch dahingehend abgewandelt wurde, dass der neue Patriarch der Reichshauptstadt Konstantinopel an die zweite Stelle gesetzt wurde.
Der Patriarch von Alexandria weigerte sich, diese Rangfolge anzuerkennen. Daher fand die Anerkennung dieser Reihenfolge offiziell erst 870 auf dem IV. Konzil von Konstantinopel statt, als die alexandrinische Reichskirche neben den abtrünnigen Kopten nur noch eine kleine Gemeinde war. Das Patriarchat Jerusalem wurde 451 in Chalkedon als fünftes Patriarchat eingerichtet und von allen Konzilsvätern als fünftes Patriarchat anerkannt. In den Schriften der antiochenischen Patriarchen Flavianus (Ende des 4. Jh.s) und Anastasios I. (6. Jh.) wurden diese Tatsachen für den Rang des eigenen Patriarchates festgehalten, das sich mit dem vierten Platz abfinden musste.
Aus weiteren Briefwechseln verschiedener, der Reichskirche angehörigen, antiochenischen Patriarchen des 1. Jt.s geht zudem hervor, dass man wiederholt den römischen Papst in rechtlichen, pastoralen und theologischen Angelegenheiten um Auskünfte bat und nicht den Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel, was die Rangfolge bestätigt, die in Konstantinopel 381 getroffen wurde.
Nach den Konzilen von Ephesos und Chalkedon kam es durch die Maßnahmen der Patriarchen von Alexandria und Antiochia zur internen Spaltung in diesen Patriarchaten, die zur Entstehung der orientalischen Nationalkirchen der Assyrer, Kopten, Syrer und Armenier beitrugen, die künf-tig versuchten, eigene Hierarchien auszubilden und aufzubauen. Das bedeutete in den östlichen Provinzen des oströmischen Reiches ein beständiges Gezerre zwischen der offiziellen Reichskir-che und den Ambitionen der Minderheitenkirchen. Für die Armenier und Assyrer entstand daraus jedoch die vorteilhafte Situation, ihre inneren Kirchenstrukturen festigen und auf die Bedürfnisse der Region abstimmen zu können, weil sie trotz wechselnder Landesherrn (Oströmer, Sasaniden, regionale Fürsten) durch spezielle Loyalitätsbezeugungen ihre Identitäten sichern konnten.
Erst Mitte des 7. Jh.s änderte sich dieser Status mit dem Aufstieg des Islams, der völlig neue Rahmenbedingungen zur Folge hatte. Den Kopten und Assyrern (die ostsyrischen Nestorianer) gelang es zunächst besonders gut, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen und von ihrer Warte aus zu nützen, um die eigene Machtbasis zu erhalten. Die Syrer (die westsyrischen Jakobiten) und die Armenier waren dagegen als religiöse Minderheiten im Grenzraum zwischen der muslimischen Umma und dem byzantinischen Reich plötzlich zwischen die politischen Fronten geraten und mussten einen jahrhundertelangen Kampf um ihr physisches und spirituelles Überleben führen, in dem sich die traditionell kriegerischen Armenier besser als die Syrer auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen konnten. Deshalb hatte man um 1000 n. Chr. folgendes Erscheinungsbild: die fünf alten Patriarchate der Reichskirche, dazu je ein Patriarchat/Katholikosat der Kopten (einschließlich Äthiopiens), Syrer, Armenier und Assyrer, die sich inzwischen bis Indien ausgebreitet hatten.
Nach dem Großen Schisma zwischen Rom und Konstantinopel war es vor allem der lateinischen Kirche seit dem 12. Jh. ein Anliegen, die politischen Umwälzungen, die durch die Kreuzzugsbewegung entstanden waren, für die Ausweitung ihres Machtbereiches auszunützen. Zunächst wurden die maronitischen Monotheleten und die Armenier einbezogen, später die Chaldäer, die Mel-kiten und die Syrer, zuletzt auch die Inder, die Kopten und die Äthiopier, sodass neben den bestehenden orientalischen Patriarchaten auch ihre katholischen Entsprechungen entstanden.
Ähnlich verfuhr man in Osteuropa mit den Orthodoxen. Zu jeder Gruppe wurde eine katholische Parallelgruppe, so genannte Unionskirchen, gegründet, um den weltumfassenden Anspruch der römischen Kirche zu dokumentieren. Dieses Konzept trug zwar mehr zum Unfrieden und zur Verwirrung aller bei, als dass es die Einheit der Christen befördert hätte, hatte aber letztlich in fast allen Bereichen zur Folge, dass dadurch auch unter den Orthodoxen ein politisches Selbstbewusstsein entstand. Das wurde zwar im 19. Jh. auf die Mühlen des Nationalismus umgeleitet, hatte aber letzten Endes einen klaren Einfluss auf die Entstehung des heutigen Europa. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass es ausgerechnet - und nur - in Russland nicht zur Entstehung einer russisch-katholischen Kirche (also einer unierten Parallelhierarchie) kam. Dort bestand kein Bedarf dazu, weil die Russen ihre eigenen politischen Institutionen aufgebaut hatten. Für die Christen des Nahen Ostens kam indessen diese Hilfestellung unter Umständen zu spät.
Der arabisch dominierte Islam hatte anders als die Osmanen die christlichen Gruppen im 19. Jh. schon weitgehend genug „destabilisiert", um ihren nationalen Auf- und Ausbruch noch zulassen zu müssen. So stand die als nebensächlich empfundene, theologischen Streitfragen und ihrer Entscheidung dienende Rangfolge und Zuordnung der alten christlichen Patriarchate als Institution in Osteuropa und Teilen Vorderasiens auch am Anfang der Ausbildung der modernen Staatenwelt.
Quelle: Pro-Oriente






