Der Phanar ist Sitz des Ökumenischen Patriarchen, aber kein Kirchenstaat wie der Vatikan - "Kathpress"-Hintergrundbericht von Christoph Arens
Istanbul, 27.11.06 (KAP) Es ist eine christliche Insel in islamischer Umgebung: Hinter hohen Mauern aus byzantinischer Zeit liegt im Istanbuler Stadtteil Fener (Phanar) der Sitz des Ökumenischen Patriarchat. Patriarch Bartholomaios I. ist Oberhaupt der orthodoxen Christen und damit "Erster unter Gleichen" unter den Bischöfen der orthodoxen Weltkirche, der von Russland bis Amerika mehr als 300 Millionen Gläubige angehören.
Das Ökumenische Patriarchat ist kein Kirchenstaat wie der Vatikan. Und der Patriarch hat auch keine umfassende Rechtsgewalt wie der Nachfolger Petri in Rom. Dennoch sehen türkische Politiker und Ideologen den Phanar als gefährlichen "Fremdkörper". Nach türkischer Auffassung ist der Patriarch nur geistliches Oberhaupt der griechischen Restminderheit in Istanbul. Jede Erwähnung seiner Rolle als Ökumenischer Patriarch durch ausländische Staatsoberhäupter oder Regierungen führt regelmäßig zu Protesten aus Ankara.
Diese Empfindlichkeiten hängen mit der wechselhaften Geschichte der Stadt zusammen, die einmal als zweites Rom ("Nea Roma") galt und für sich in Anspruch nahm, politischer und geistlicher Mittelpunkt der Christenheit zu sein. Politisch machte Kaiser Konstantin die eher kleine griechische Stadt Byzantion am Bosporus im Jahr 324 zur kaiserlichen Hauptstadt, die zu seinen Ehren ab 330 den neuen Namen Konstantinopel erhielt und in Konkurrenz zu Rom trat. Besonders unter Kaiser Justinian I. (527-565), dem letzten großen Herrscher der Spätantike, gelangte Konstantinopel zu Ruhm und wurde prächtig ausgebaut. Im Mittelalter war die Stadt lange Zeit die reichste und größte Stadt Europas (aber das war sie natürlich auch unter den osmanischen Sultanen und ist es heute wieder).
Bereits im 1. Jahrhundert hatte der Apostel Andreas nach der Überlieferung hier einen Bischofssitz gegründet. Die Konzilien von Konstantinopel (381) und Chalcedon (451) beschlossen eine Rangerhöhung der Bischofsstadt. Sie nahm nun die zweite Stelle nach Rom ein; der Patriarch stand über den alten Patriarchaten Alexandrien, Antiochien und Jerusalem.
Glanz und Macht Konstantinopels brachen aber im zweiten christlichen Jahrtausend schrittweise zusammen: Nach den Ereignissen des Jahres 1054 wurde der Patriarch von Konstantinopel endgültig zum Gegenspieler des Papstes in Rom (obwohl das den Zeitgenossen offensichtlich noch nicht bewusst war). Noch tiefer wurde der Graben zwischen griechischer und lateinischer Christenheit, als 1204 ein westliches Kreuzfahrerheer unter venezianischer Führung die Hauptstadt des Oströmischen Reiches eroberte und plünderte. Seitdem kam das oströmische Kaiserreich, die "Basileia ton Romaion", aus der Defensive nicht mehr heraus: Am 29. Mai 1453 machten die Truppen des türkischen Sultans Mehmet I. Fatih der geschwächten christlichen Herrschaft ein Ende. Die Stadt wurde zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches.
Dennoch blieb die Metropole am Bosporus Sitz des Patriarchen und Lebensraum vieler orthodoxer Christen. Noch 1914 war jeder zweite Einwohner Istanbuls Christ. Das Miteinander der Religionen führt allerdings bis heute immer wieder zu Spannungen. Die Konflikte luden sich insbesondere durch das schwierige Verhältnis zwischen Griechenland und der Türkei auf. Auch in der Folge des Konflikts um Zypern kam es nach den antigriechischen Exzessen von 1955 zu neuen Auswanderungswellen von Christen aus der Türkei und besonders aus Istanbul.
Der Phanar erstrahlt heute wieder in neuem Glanz, nachdem es nach jahrzehntelangem Tauziehen mit den Stadtbehörden endlich möglich war, den Sitz des Patriarchen würdig zu restaurieren. Den türkischen Nationalisten von heute, die schon an der blo0en Existenz des Patriarchats Anstoß nehmen, würde eine Geschichtslektion gut tun. Denn der Patriarch war auch in der Zeit des Osmanischen Reiches eine der zentralen Persönlichkeiten. Wie selbstverständlich in osmanischer Zeit des Miteinander der Religionen war, zeigt eine vergilbte Fotografie im Gang, der zum Thronsaal des Patriarchen führt: Auf dem Lichtbild aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind der Metropolit, der Mufti und der armenische Bischof von Konya (Ikonion) in Anatolien im angeregt-freundschaftlichen Gespräch zu sehen.






