Der Ökumenische Patriarch ist das geistliche Oberhaupt von mehr als 350 Millionen orthodoxen Christen in aller Welt
Istanbul, 28.11.06 (KAP) Die Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. ist der Höhepunkt der Türkeireise von Papst Benedikt XVI. Der Patriarch ist das geistliche Oberhaupt von mehr als 350 Millionen orthodoxer Christen weltweit. Der Titel "Ökumenischer Patriarch" geht auf die Antike zurück; er signalisiert die weltweite Verantwortung des Erzbischofs des "Neuen Rom", auch wenn die heutigen türkischen Machthaber sich mit dieser Funktion des Patriarchen nicht anfreunden können. Der Ökumenische Patriarch ist nach orthodoxem Kirchenrecht u.a. verantwortlich für die Diaspora, für gesamtorthodoxe Synoden und Begegnungen sowie für den zwischenkirchlichen und interreligiösen Dialog; er wird aber auch aktiv, wenn sich orthodoxe Bischöfe an ihn als Letztinstanz wenden oder wenn Krisensituationen sein Eingreifen erfordern, wie es zuletzt im Patriarchat von Sofia, im Patriarchat von Jerusalem und in der Kirche von Zypern notwendig war. Freilich sind seine Kompetenzen nicht mit denen des römischen Papstes zu vergleichen, denn das orthodoxe Kirchenrecht geht von der "Autokephalie" (Selbständigkeit der Teilkirchen aus.
Patriarch Bartholomaios I. wurde 1940 auf der türkischen Ägäis-Insel Imbros geboren, sein weltlicher Name lautet Dimitrios Archondonis. Nach seinem Theologiestudium an der Theologischen Hochschule von Chalki studierte er am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom sowie in der Schweiz und in München. 1961 wurde er zum Diakon, 1969 zum Priester geweiht.
Von 1968 bis 1972 war er Assistent an der Theologischen Hochschule von Chalki, dann bis 1990 Bürochef seines Vorgängers, Patriarch Dimitrios. 1973 wurde er zum Metropoliten von Philadelphia gewählt, 1990 zum Metropoliten von Chalkedon (Kadiköy). Im Jahr 1991 wurde er zum Erzbischof von Konstantinopel, dem "neuen Rom", und zum Ökumenischen Patriarchen gewählt. Damit ist er der 270. Erzbischof der Kirche, die vom Apostel Andreas im 1. Jahrhundert gegründet wurde.
"Grüner Patriarch"
Bartholomaios I. setzt sich sowohl für innerorthodoxe Belange wie für die ökumenische Begegnung mit den anderen Christen ein. Auch interreligiöse Begegnungen zwischen Christen, Muslimen und Juden werden von ihm gefördert. Sein persönliches Engagement gilt der Unterstützung derjenigen traditionell orthodoxen Länder, die jahrzehntelang in Verfolgung hinter dem "Eisernen Vorhang" lebten. Durch Initiativen zur Förderung des Friedens, der religiösen Freiheit, der Menschenrechte, vor allem aber der Umwelt wurde Bartholomaios I. international bekannt. Insbesondere sein Engagement zur Bewahrung der Schöpfung - u.a. mit den "schwimmenden Symposien" im Schwarzen Meer, in der Adria, auf der Donau und am Amazonas - brachten ihm den Übernamen des "grünen Patriarchen" ein.
Mit Österreich verbunden
Bartholomaios I. ist tief mit Österreich verbunden. Oft hielt er sich zu privaten Besuchen in Österreich auf. Im Jahr 2004 war er offiziell - auf Einladung von Bundespräsident und Bundeskanzler - zu Gast. Dabei wurde er u.a. durch die Verleihung von zwei Ehrendoktoraten (Theologie in Graz, Rechtswissenschaften in Wien) geehrt.
In seiner Dankansprache in Graz ging Bartholomaios I. auf unterschiedliche Aspekte über das richtige Verständnis des Papstamtes ein. Dabei regte er unter anderem einen vertiefenden Dialog über diesen für die Ökumene zentralen Punkt an. So machte sich der Patriarch für eine Neubewertung des Konzils von Konstantinopel stark. Es fand 879/880 statt und zählt bislang nicht zu den sieben von der orthodoxen und der katholischen Kirche gemeinsam anerkannten Ökumenischen Konzilien. Die Beschlüsse dieses Konzils standen im Zeichen der "Communio" (Gemeinschaft) der Kirchen aus dem Prinzip "Einheit in Vielfalt". Das Konzil als 8. Ökumenisches Konzil anzuerkennen würde daher einen großen Schritt in der Ökumene bedeuten, so Bartholomaios I. damals.
Grundsätzlich betonte der Ökumenische Patriarch in Graz die Notwendigkeit eines "echten Dialogs für Einheit und Versöhnung" der christlichen Kirchen. Dabei würdigte er die ökumenischen Bemühungen der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Graz, aber auch die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung, die 1997 in der steirischen Landeshauptstadt stattgefunden hatte. Das Grazer "Klima des Dialogs" zwischen den Konfessionen bezeichnete Bartholomaios I. bei seinem Besuch 2004 als beispielhaft auch für die Politik.
Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel geht der Überlieferung nach auf den Apostel Andreas zurück, der das Evangelium am Bosporus verkündet habe. Er gilt als der "erstberufene Apostel" Christi und ist Patron der Kirche von Konstantinopel. Das Fest des Heiligen Andreas wird am 30. November begangen. Bei der feierlichen Liturgie des Patriarchen zum diesjährigen Andreas-Fest in der Georgskathedrale wird Papst Benedikt XVI. anwesend sein.






