Ansprache Papst Benedikts XVI. vor dem diplomatischen Corps
Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren,
ich begrüße Sie mit großer Freude, die Sie als Botschafter die edle Aufgabe erfüllen, Ihr Land bei der türkischen Republik zu vertreten und den Nachfolger Petri in dieser Nuntiatur begrüßen wollten. Ich danke Ihrem Vizepräsidenten, dem Herrn Botschafter aus dem Libanon, für die freundlichen Worte, die er eben an mich gerichtet hat. Ich freue mich, Ihnen die Wertschätzung des Heiligen Stuhles zu bestätigen, die wir wiederholt für Ihre Aufgabe zum Ausdruck gebracht haben, und die heute eine immer globalere Dimension annimmt. Wenn Ihre Mission Sie vor allem dazu bringt, die legitimen Interessen jeder Ihrer Nationen zu schützen und zu fördern, so gilt doch, dass alle Diplomaten in einem ständig sich erneuernden Geist dazu eingeladen sind, die „Kunsthandwerker der Völkerverständigung, der internationalen Sicherheit und des Friedens zwischen den Nationen zu sein."
Ich möchte zunächst vor Ihnen die Erinnerung an die bemerkenswerten Türkei-Besuche meiner beiden Vorgänger wachrufen: Papst Paul VI. kam 1967 und Papst Johannes Paul II. 1979 in die Türkei. Und auch an Papst Benedikt XV. ist hier zu denken, den unermüdlichen Mahner zum Frieden im Ersten Weltkrieg, sowie an den seligen Papst Johannes XXIII., den „Freund der Türken". Er wirkte als apostolischer Delegat und Administrator des lateinischen Vikariats in Istanbul und hinterließ bei allen den Eindruck des aufmerksamen und gütigen Hirten, denn er war besonders darauf bedacht, die türkische Bevölkerung kennen zu lernen, deren dankbarer Gast er war. So bin auch ich voll der Freude, heute Gast der Türkei zu sein. Ich bin als Freund gekommen und als Apostel des Dialogs und des Friedens.
Vor mehr als 40 Jahren schrieb das Zweite Vatikanische Konzil, dass der Frieden nicht bloß die Abwesenheit von Krieg ist und sich nicht darauf beschränkt, das Gleichgewicht der gegnerischen Kräfte herzustellen. Vielmehr ist der Friede Ergebnis einer Ordnung, die der menschlichen Gesellschaft durch den göttlichen Schöpfer eingeschrieben ist. Der Friede muss von den Menschen realisiert werden, die beständig eine immer vollständigere Gerechtigkeit erlangen.
In der Tat haben wir gelernt, dass der wahre Frieden Gerechtigkeit braucht, um die wirtschaftlichen Ungleichgewichte und die politische Unordnung zu korrigieren, die jeweils Spannungsfaktoren und Bedrohungen für die ganze Gesellschaft darstellen. Die jüngsten Entwicklungen von Terrorismus und bestimmten lokalen Konflikten haben auch deutlich gemacht, wie nötig es ist, die Entscheidungen der internationalen Organisationen zu respektieren und zu unterstützen und ihnen gleichzeitig die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen, Konflikten vorzubeugen und dank neutraler Einsatzkräfte Neutralitätszonen zwischen den Kriegsparteien einzurichten. Das alles aber bleibt wirkungslos, wenn es nicht Frucht eines echten Dialogs ist, das heißt, eine aufrichtige Begegnung der Bedürfnisse der betroffenen Parteien, um so zu akzeptablen und dauerhaften politischen Lösungen zu gelangen, die Menschen und Völker respektieren. Ich denke vor allem an den Konflikt im Nahen Osten, der auf beunruhigende Weise andauert und das gesamte internationale Leben beeinträchtigt - mit dem Risiko, Randkonflikte und Terrorakte sich ausbreiten zu sehen. Ich begrüße die Anstrengungen zahlreicher Länder, darunter der Türkei, die sich für die Wiederherstellung des Friedens im Libanon einsetzen, der heute nötiger denn je ist. Noch einmal rufe ich vor Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren Botschafter, dazu auf, darüber zu wachen, dass die internationale Gemeinschaft nicht ihrer Verantwortung beraubt wird, und dass sie alle Anstrengungen nutzt, um den Dialog zwischen allen Streitparteien zu fördern. Nur der Dialog kann den Respekt des anderen garantieren, gleichzeitig legitime Interessen wahren und Gewaltanwendung eine Absage erteilen.
Wie ich in meiner ersten Botschaft zum Weltfriedenstag schrieb, ruft die Wahrheit des Friedens alle Menschen dazu auf, fruchtbare und aufrichtige Beziehungen zu pflegen. Sie ermutigt dazu, die Wege der Vergebung und der Versöhnung zu beschreiten, in den Debatten transparent zu sein und zum eigenen Wort zu stehen."
Die Türkei fungierte immer als Brücke zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa, als Kreuzungspunkt der Kulturen und Religionen. Im vergangenen Jahrhundert erwarb das Land die Voraussetzungen, ein großer moderner Staat zu werden, vor allem durch die Entscheidung zu einer säkularen Regierung mit einer klaren Trennung zwischen Zivilgesellschaft und Religion. Beide sollten selbständig in ihrem jeweiligen Bereich sein und gleichzeitig den anderen respektieren. Die Tatsache, dass die Bevölkerungsmehrheit dieses Landes muslimisch ist, ist ein bedeutendes Element im Leben der Gesellschaft, und der Staat muss dem Rechnung tragen. Und doch erkennt die türkische Verfassung das Recht jedes Bürgers auf Religions- und Gewissensfreiheit an. Die zivilen Autoritäten jedes demokratischen Landes stehen in der Pflicht, die tatsächliche Freiheit aller Gläubigen zu garantieren und ihnen zu erlauben, das Leben ihrer religiösen Gemeinschaft frei zu organisieren. Naturgemäß hoffe ich, dass Gläubige, welcher Religionsgemeinschaft auch immer sie angehören, aus diesen Rechten weiterhin Nutzen ziehen. Denn ich bin sicher, dass Religionsfreiheit ein grundlegender Ausdruck menschlicher Freiheit ist, und dass eine aktive Anwesenheit von Religionen in der Gesellschaft eine Quelle des Fortschritts und der Bereicherung für alle ist. Dies setzt natürlich voraus, dass die Religionen nicht die politische Macht zu beeinflussen suchen, denn das ist nicht ihr Gebiet, und es setzt auch voraus, dass die Religionen es rundweg ablehnen, Gewaltanwendung als legitimen Ausdruck von Religion zu dulden. In dieser Hinsicht schätze ich die Arbeit der katholischen Gemeinde in der Türkei, die klein an Zahl ist, aber alles in ihrer Macht stehende zur Entwicklung des Landes beiträgt, besonders in der Erziehung für Jugendliche und in der Friedensarbeit unter allen Bürgern.
Wie ich jüngst bemerkt habe, bedürfen wir sehr eines echten Dialogs zwischen Religionen und Kulturen, der dazu in der Lage ist, uns beizustehen in einem Geist fruchtbringender Zusammenarbeit, um die Spannungen zu überwinden. Dieser Dialog muss verschiedene Religionen dazu befähigen, einander besser kennen zu lernen und mehr zu respektieren, um in der Suche nach Gott und nach Glück an der Erfüllung des edelsten Auftrags des Menschen zu arbeiten. Für meinen Teil möchte ich aus Anlass meines Türkeibesuches meine große Wertschätzung der Moslems nochmals zum Ausdruck bringen und sie dazu ermutigen, die Zusammenarbeit im gegenseitigen Respekt fortzusetzen, um die Würde jedes Lebewesens zu fördern, ebenso wie das Wachstum einer Gesellschaft, in der persönliche Freiheit und Fürsorge für andere Frieden und Gelassenheit für alle bedeuten. Auf diese Art werden Religionen dazu in der Lage sein, ihre Rolle zu spielen beim Beantworten der zahlreichen Herausforderungen, die unserer Gesellschaft entgegensieht. Die Anerkennung der positiven Rolle der Religionen im Geflecht der Gesellschaft kann und muss uns dazu veranlassen, die Kenntnis über den Menschen auszuschöpfen und seine Würde zu respektieren, indem man ihn in den Mittelpunkt der politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Aktivitäten stellt. Unsere Welt muss realisieren, dass alle Völker durch eine tiefe Solidarität miteinander verbunden sind, und sie müssen dazu ermuntert werden, auf ihren historischen und kulturellen Unterschieden nicht um der Konfrontation willen zu bestehen, sondern um gegenseitigen Respekt zu fördern.
Die Kirche hat, wie Sie wissen, von ihrem Gründer einen spirituellen Auftrag erhalten, und deshalb beabsichtigt sie nicht, ins politische oder wirtschaftliche Leben direkt einzugreifen. Und doch wünscht sie, eingedenk ihrer Sendung und ihrer langen Erfahrung in der Geschichte der Gesellschaften und Kulturen, ihre Stimme im Konzert der Nationen hörbar zu machen, damit die grundlegende Menschenwürde, besonders der Schwächsten, immer geachtet wird. Vor dem Hintergrund der Globalisierung erwartet der Heilige Stuhl von der internationalen Gemeinschaft, dass diese sich noch besser organisiert, um Regeln zur Beherrschung der wirtschaftlichen Entwicklung und der Märkte zu erstellen, ja um zu regionalen Verständigungen zwischen den einzelnen Ländern zu gelangen. Ich zweifle nicht daran, meine Damen und Herren, dass es Ihnen in Ihrerm Auftrag als Diplomaten am Herzen liegt, die Einzelinteressen Ihrer Länder und die Notwendigkeit, sich miteinander zu verständigen, in Einklang zu bringen, um sich so in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen.
Die Stimme der Kirche in der diplomatischen Welt hat sich immer durch den - in das Evangelium eingeschriebenen - Willen ausgezeichnet, der Sache des Menschen zu dienen, und ich würde dieser fundamentalen Verpflichtung nicht nachkommen, betonte ich nicht vor Ihnen die Notwendigkeit, noch intensiver die Menschenwürde in das Herz und die Mitte unserer Bemühungen zu stellen. Die außerordentliche Weiterentwicklung der Wissenschaft und der Technik, die die heutige Welt erlebt - mit ihren fast unmittelbaren Folgen für die Medizin, für die Landwirtschaft und die Produktion von Nahrungsmitteln, aber auch auf die Wissenskommunikation - darf nicht ohne Ziel und ohne Bezug erfolgen, wenn es um die Geburt des Menschen geht, um seine Erziehung, seine Weise zu leben und zu arbeiten, um sein Altern und seinen Tod. Es ist mehr denn je notwendig, den heutigen Fortschritt wieder einzuschreiben in die Kontinuität unserer menschlichen Geschichte und ihn zu lenken, wie es der Vision entspricht, die uns alle erfüllt: nämlich die Menschheit groß zu machen, was bereits im Buch Genesis auf seine Weise ausgedrückt ist: „ Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde und unterwerft sie euch." (Gen 1,28)
Erlauben Sie mir schließlich - und dabei denke ich an die allerersten christlichen Gemeinschaften, die in diesem Land entstanden sind und an den Apostel Paulus, der persönlich mehrere von ihnen gegründet hat - was Paulus den Galatern geschrieben hat: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!" Ich wünsche mir, dass das Verständnis zwischen den Nationen, dem ihr alle dient, dazu dient, die Humanität des Menschen zu fördern, der nach dem Bild Gottes geschaffen wurde. Ein so hohes Ziel bedarf des Beitrags aller. Deswegen will die katholische Kirche die Zusammenarbeit mit der orthodoxen Kirche verstärken; und ich hoffe wirklich sehr, dass meine baldige Begegnung mit Patriarch Bartholomaios I. im Phanar dazu beiträgt. Wie es das II. Vatikanische Konzil unterstrichen hat, möchte die Kirche mit den Gläubigen und den Führern aller Religionen zusammenarbeiten, besonders mit den Moslems, um „einzutreten für den Schutz und die Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen." Ich hoffe, dass meine Reise in dieser Hinsicht reiche Frucht bringt.
Meine Damen und Herren Botschafter, von ganzem Herzen rufe ich auf Sie persönlich, Ihre Familien und alle ihre Mitarbeiter den Segen des Allerhöchsten herab.
Quelle und Übersetzung: Gudrun Sailer / P. Max Cappabianca OP, Radio Vatikan






