Bischofssynode: 55 Vorschläge für den Papst
Inoffizielle italienische Arbeitsübersetzung der Abschlussthesen wurde veröffentlicht - Die Botschaft der Synodalen "an das Volk Gottes" zeigt die Handschrift des Präsidenten des Päpstlichen Kultur-Rates, Erzbischof Ravasi=
Vatikanstadt, 26.10.08 (KAP) Als Schlussergebnis der dreiwöchigen Weltbischofssynode zum Thema Bibel liegen 55 Abschlussthesen ("Propositiones") vor, aus denen der Papst ein nachsynodales Schreiben für die Gesamtkirche erstellen wird. Das lateinische Original wird nicht veröffentlicht, es liegt aber eine inoffizielle italienische Arbeitsübersetzung vor. Die "Propositiones" wurden alle mit sehr großer Mehrheit angenommen, sie spiegeln die großen Linien der Wortmeldungen und Debatten der Synode. Wie schon in der abschließenden "Botschaft an das Volk Gottes" unterstreichen die Synodenteilnehmer auch in den "Propositiones" die untrennbare Verbindung von wissenschaftlicher Bibelforschung und geistlicher Lektüre.
Die Synodalen betonen in ihren Thesen die zentrale Bedeutung der Heiligen Schrift für die Kirche. Sie äußern die Hoffnung, dass bei den Christen immer mehr das Bewusstsein wachse, dass nicht ein Buch Grundlage ihres Glaubens ist, sondern Christus als das "lebendige Wort Gottes". Sie fordern eine weitere Verbreitung der Bibel durch mehr Übersetzungen und eine bessere Präsentation durch die Predigten. Dazu gehöre eine gründlichere Ausbildung der Prediger und aller, die mit der Verkündigung des Gotteswortes zu tun haben. Zugleich unterstreichen sie die Bedeutung des Lektorendienstes, den Männer und Frauen wahrnehmen sollen. Die Synodalen appellieren an alle Geistlichen, die Schriftlesungen bei der Messfeier nicht durch andere Texte zu "ersetzen". Kein literarischer oder geistlicher Text habe die Tiefe der Bibel als Wort Gottes, heißt es in den Thesen.
Weiter plädieren die Synodalen für eine Verbreitung der Bibel in den Familien und in kleinen Gemeinschaften. Mit Nachdruck verweisen sie auf den Einsatz für die Armen, Schwachen und Unterdrückten. Das Wort Gottes fordere Liebe und Gerechtigkeit gegenüber allen, heißt es in den Thesen.
Der Dialog mit dem Judentum gehört nach Ansicht der Synodenteilnehmer zur "Natur der Kirche". Denn die Christen verdankten den Juden das Erste Testament. Das jüdische Bibelverständnis könne auch die christliche Bibel-Lesung inspirieren. Ausdrücklich plädieren die Bischöfe aber auch für den Dialog und die Zusammenarbeit mit dem Islam. Dieser Dialog müsse jedoch auf Gegenseitigkeit beruhen und unter Achtung von Gewissens- und Religionsfreiheit erfolgen. Wichtig sei der Respekt vor dem Leben und den Menschenrechten, vor allem auch denen der Frau.
Echte Erfahrung der Gemeinschaft
"Die Synode war eine echte Erfahrung der Gemeinschaft", betonte Kardinal Marc Ouellet, Generalrelator der Synode, kurz nach Ende der letzten Versammlung in der Synodenaula im Gespräch mit "Radio Vatikan". "Wir sind gemeinsam vorangegangen, haben Fragen vertieft, aufeinander gehört und wirklich verstanden, wie notwendig es ist, das Wort Gottes heute zu verkünden", sagte der Erzbischof von Quebec.
Für die Verkündigung des Evangeliums sei mit dieser Synode "eine neue Jahreszeit" angebrochen, so Ouellet: "Die Kirche lernt ihr Fundament neu kennen, und das ist das Wort Gottes. Und ihr Auftrag ist es, das Wort Gottes in der Welt zu verkünden, auf ihre Fragen zu antworten und sie zu hinterfragen".
Bei der Synode sei klar geworden, dass die Bibel wieder "das Buch aller" werden muss, nicht nur der Spezialisten. Sie sei vor allem ein Buch des Gebets, der Meditation und der inneren Erneuerung: "Und die führt zu Mission, zu Kommunikation".
Großes Anliegen Liturgie
Ein großes Anliegen war den Synodenvätern die Liturgie als Ort des "Dialoges mit Gott", so Ouellet. Viele Vorschläge an den Papst behandeln daher die Liturgie, fordern eine Überarbeitung der Leseordnung, ein Direktorium für die richtige Predigt und teilweise so konkrete Dinge wie einen angemessenen Ort für die Aufbewahrung der Bücher oder gute Mikrofonanlagen.
Die Synodalen hätten die Erfahrung der Jünger von Emmaus gemacht, sagte der kanadische Kardinal: "Brannte nicht unser Herz...?" Das Wort Gottes müsse jetzt durch alle möglichen Formen des Dialogs verkündet werden, "mit diesem Herzen, das vom Wort berührt wurde, und jetzt nichts anderes will, als es weiter zu erzählen".
Kein biblischer Fundamentalismus
Erkenntnisse der Bibelwissenschaft und spirituelle wie theologische Tradition müssen "unauflösbar verbunden sein". Das unterstrichen die Teilnehmer der Weltbischofssynode auch in ihrer "Botschaft an das Volk Gottes"; zugleich wiesen sie jede Form des Fundamentalismus zurück. Die Bibel erfordere eine historische und literarische Analyse; um den vollen Sinn der Texte zu verstehen, brauche es jedoch die Überlieferung der Gesamtkirche und den Glauben. "Wenn man bei dem bloßen 'Buchstaben' stehen bleibt, dann bleibt die Bibel nur ein feierliches Dokument der Vergangenheit, ein edles ethisches und kulturelles Zeugnis. Wenn man jedoch die Inkarnation (Menschwerdung Gottes) ausschließt, kann man in das Missverständnis des Fundamentalismus verfallen oder in einen vagen Spiritualismus oder Psychologismus", heißt es in der "Botschaft".
Eine "geistige Reise" sollte in der "Botschaft" dargestellt werden, "von der Ewigkeit und Unendlichkeit Gottes in unsere Wohnstätten und auf die Straßen unserer Städte", so Erzbischof Gianfranco Ravasi. Der Präsident des Päpstlichen Kultur-Rates war mit elf weiteren Synodenvätern für die Endredaktion verantwortlich. Das Haus der Kirche ruhe auf vier Säulen, hält die Botschaft entsprechend der Apostelgeschichte fest: Katechese und Unterricht, Brotbrechen, also die Eucharistie, Gebet, Gemeinschaft.
Ein Ziel der Synode war es, zum ökumenischen Dialog zu ermutigen. Erzbischof Ravasi meinte dazu im Gespräch mit "Radio Vatikan": "Zu dieser Kirche gehören - wenngleich nicht in voller Art und Weise - unsere orthodoxen und protestantischen Brüder, die dem Wort eine große Verehrung erweisen, hohen Respekt, und es wie wir ins Zentrum ihres Glaubens stellen. Deshalb können wir sagen, dass hier rund um das Wort Gottes bereits eine erste Einheit realisiert ist - im Warten auf die volle Einheit".
Auch den jüdisch-christlichen Dialog im speziellen und den interreligiösen im weiteren Sinn wollte die Synode fördern. Die Synodalen haben ihre Hausaufgaben gemacht und verbuchen die "intensive Begegnung mit dem jüdischen Volk". Ravasi: "Wir erinnern daran, dass die Juden immer das auserwählte Volk bleiben, das sozusagen ideell mit uns verbunden ist. Sie müssen auch für uns Zeugen sein. Durch das Alte Testament sind wir vereint".
Auch die islamische Welt habe in ihrer Tradition eine Verbindung zur Bibel. "Man kann fast sagen, dass alle biblischen Figuren und Themen, gleichwohl überarbeitet und manchmal auch entstellt, auch in der muslimischen Tradition auftauchen. Es ist also wichtig, dass wir einander und die Schriften gegenseitig kennen, damit man die gemeinsamen Wurzeln erkennen kann", betonte der Präsident des Kultur-Rates.
Der Dialog mit der Welt von heute veranlasste die Synodalen, intensiv über die Kommunikation und ihre Mittel nachzudenken. Die Sprache sei heute "vielleicht eines der brennendsten Probleme, die es anzugehen gilt", hielt Erzbischof Ravasi fest. Das Wort breite sich nicht nur durch die Missionare aus, "nicht nur, indem wir auf die Straßen unserer Stadt gehen", sondern auch - oft auch vor allem - über virtuelle Wege. TV und Internet, kulturelle wie gesellschaftliche Ereignisse sollen genutzt werden. Wie in der Sprache Jesu müssen in der Sprache der Kirche wieder mehr Symbole, tägliche Erfahrungen und Gleichnisse vorkommen. Vor allem gelte es, einen Wortschatz auszuarbeiten und zu entwickeln, "der Jugendliche und Kinder anspricht".
Der Text der "Botschaft" zeigt die Handschrift Ravasis, ist mehr spirituelle Lektüre denn konkrete Handlungsanweisung. Die Botschaft sei "nicht frei von Pathos", gesteht Ravasi, erst seit einem Jahr Bischof, aber erfahrener Exeget. Den Mitsynodalen und allen, die aus dieser Synode ihre Lehren ziehen, lege er ein Wort des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard ans Herz: "Wir müssen die Bibel als Brief sehen, den der Verliebte von seiner Geliebten erhält. Es braucht nicht nur theologische Finesse und exegetische Strenge, sondern auch Passion, Gefühl, guten Willen und Zustimmung, die im Herzen aufblühen".
Bischofsrat für die Nacharbeit
Für die Nacharbeit der am Sonntag zu Ende gegangenen Bischofssynode über die Bibel wurde ein aus 15 Mitgliedern bestehender Bischofsrat bestimmt. Zu seinen Aufgaben gehört vor allem die Unterstützung des Papstes bei der Abfassung des nachsynodalen Schreibens, mit dem die Ergebnisse des dreiwöchigen Bischofstreffens zusammengefasst werden. Dem Rat gehören auch acht Kardinäle an, u.a. Kardinal Ouellet. Aber auch der Sondersekretär der Synode, der kongolesische Erzbischof Laurent Monsengwo Pasinya (Kinshasa), wurde in das Gremium gewählt. Für den europäischen Kontinent gehören der irische Erzbischof Diarmuid Martin (Dublin) und Erzbischof Ravasi dem Bischofsrat an.






