Fußballbegeisterung kann mehr sein als bloße Unterhaltung
Wortlaut der Ansprache des Erzbischofs von München und Freising, Joseph Kardinal Ratzinger, in der Sendung "Zum Sonntag" des Bayerischen Rundfunks am 3.6.78.
Wenn man in diesen Tagen des Juni 1978 in die Zeitungen oder in die Rundfunk- und Fernsehprogramme blickt, kann man sehr schnell feststellen, daß es e i n beherrschendes Thema gibt: die Fußballweltmeisterschaft. Im Jahr 1970 waren es 700 Millionen Menschen, die sich über das Fernsehen daran beteiligten; diesmal werden es sicher noch mehr sein. Fußball ist zu einem globalen Ereignis geworden, das die Menschen rund um unseren Erdkreis über alle Grenzen hinweg in ein und derselben Seelenlage, in Hoffnungen, Ängsten, Leidenschaften und Freuden verbindet. Kaum irgend ein anderer Vorgang auf der Erde kann eine ähnliche Breitenwirkung erzielen. Das zeigt, daß hier etwas Urmenschliches angesprochen sein muß und es steht die Frage auf, worin diese Macht eines Spiels begründet liegt. Der Pessimist wird sagen, es sei das Gleiche wie im alten Rom. Die Parole der Massen lautete: panem et circenses, Brot und Zirkus. Brot und Spiele seien nun einmal der Lebensinhalt einer dekadenten Gesellschaft, die keine höheren Zwecke mehr kennt. Aber selbst wenn man diese Auskunft annähme, würde sie noch keineswegs ausreichen. Es müßte noch einmal gefragt werden: Worin liegt die Faszination des Spiels, daß es mit gleicher Wichtigkeit neben das Brot tritt? Darauf könnte man abermals im Blick auf das alte Rom antworten, der Schrei nach Brot und Spielen sei eigentlich der Ausdruck für das Verlangen nach dem paradiesischen Leben gewesen, nach einem Leben der Sättigung ohne Mühsal und der erfüllten Freiheit. Denn das ist letztlich mit dem Spiel gemeint: in Tun, das ganz frei ist, ohne Zweck und ohne Nötigung, und das dabei doch alle Kräfte des Menschen anspannt und ausfüllt.
In diesem Sinn wäre das Spiel also eine Art von versuchter Heimkehr ins Paradies: das Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags und seiner Lebensbesorgung in den freien Ernst dessen, was nicht sein muß und gerade darum schön ist. Demgemäß überschreitet das Spiel in gewisser Hinsicht das Alltagsleben; es hat aber zunächst, vor allem beim Kind, noch einen anderen Charakter: Es ist Einübung ins Leben. Es symbolisiert das Leben selbst und nimmt es sozusagen in einer frei gestalteten Weise voraus. Mir scheint, die Faszination des Fußballs bestehe wesentlich darin, daß er diese beiden Aspekte in einer sehr überzeugenden Form verbindet. Er nötigt den Menschen, zunächst sich selbst in Zucht zu nehmen, so daß er durch Training die Verfügung über sich gewinnt, durch Verfügung Überlegenheit und durch Überlegenheit Freiheit. Er lehrt ihn aber dann vor allem auch das disziplinierte Miteinander; als Mannschaftsspiel zwingt er zur Einordnung des Eigenen ins Ganze. Er verbindet durch das gemeinsame Ziel; Erfolg und Mißerfolg jedes einzelnen liegen in Erfolg und Mißerfolg des Ganzen. Und er lehrt schließlich ein faires Gegeneinander bei dem die gemeinsame Regel, der man sich unterstellt, in der Gegnerschaft das Verbindende und Einende bleibt und überdies die Freiheit des Spielerischen, wenn es mit rechten Dingen zugeht, den Ernst des gespielten Gegeneinander wieder in die Freiheit des beendigten Spiels auflöst. Im Zusehen identifizieren sich die Menschen mit dem Spiel und den Spielern und sind so selber am Miteinander und Gegeneinander, an seinem Ernst und seiner Freiheit beteiligt: Die Spieler werden zum Symbol des eigenen Lebens; das wirkt wieder auf sie zurück. Sie wissen, daß die Menschen in ihnen sich selbst dargestellt und bestätigt finden.
Natürlich kann dies alles verdorben werden durch einen Geschäftsgeist, der das Ganze dem düsteren Ernst des Geldes unterwirft und das Spiel aus einem Spiel in eine Industrie verkehrt, die eine Scheinwelt von erschreckendem Ausmaß hervorbringt. Aber selbst diese Scheinwelt könnte nicht bestehen, wenn es nicht den positiven Grund gäbe, der dem Spiel zugrundeliegt: die Vorübung des Lebens und die Überschreitung des Lebens in Richtung des verlorenen Paradieses. Beide Male aber geht es darum, eine Disziplin der Freiheit zu suchen; in der Bindung an die Regel das Miteinander, das Gegeneinander und das Auskommen mit sich selbst zu üben. Vielleicht könnten wir, indem wir dies bedenken, wirklich vom Spiel her das Leben neu erlernen. Denn in ihm wird Grundlegendes sichtbar: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, ja, die Brotwelt ist eigentlich nur die Vorstufe für das eigentlich Menschliche, für die Welt der Freiheit. Die Freiheit aber lebt von der Regel, von der Zucht, die das Miteinander und das rechte Gegeneinander, die Unabhängigkeit vom äußeren Erfolg und von der Willkür erlernt und eben damit wirklich frei wird. Das Spiel ein Leben - wenn wir in die Tiefe gehen, könnte das Phänomen einer fußballbegeisterten Welt uns mehr geben als bloße Unterhaltung.
Quelle: www.kirche-am-ball.de / ORDINARIATS-KORRESPONDENZ (ok 03 - 15/78)






