Aidsexpertin der Caritas, Dzwinka Tschajkiwska, berichtet im "Kathpress"-Gespräch über die Situation von Straßen- und Migrantenkindern und die Betreuung von Betroffenen durch Hauskrankenpflege
Wien, 18.07.10 (KAP) HIV/Aids ist in der Ukraine stark verbreitet. Die Caritas Ukraine betreut dort Betroffene - Kinder und Erwachsene - in verschiedenen Projekten, von der Hauskrankenpflege bis zum Zentrum für Straßenkinder. "In der Ukraine ist die Stigmatisierung von HIV- bzw. Aidsbetroffenen sehr hoch", berichtete Dzwinka Tschajkiwska, Ärztin und Aidsberaterin der Caritas Ukraine, im Gespräch mit "Kathpress" in Wien. So könnten z.B. HIV-positive Kinder kaum Kindergärten besuchen, weil sie dort oft abgelehnt würden. In manchen Fällen, in denen HIV-infizierte Kinder von Kindergärten aufgenommen werden, würden die Kleinen oft unter Isolation und Mobbing der anderen leiden, so Tschajkiwska.
In Kindertageszentren der Caritas können Eltern ihre von HIV betroffene Kinder aber ohne Probleme abgeben: "Für uns ist das keine Frage. Wir machen keine Unterschiede", erklärte die Ärztin entschieden. "Die Idee der Caritas ist es, keine Projekte nur für Betroffene zu machen, weil das auch wieder stigmatisiert." Demnach stünden die Türen der Tageszentren - ebenso wie bei allen anderen Caritas-Projekten in der Ukraine - allen, Gesunden wie Kranken, offen.
Eine HIV-Infektion müsse in den Zentren auch nicht angegeben werden: "Aber es ist natürlich wichtig, dass Menschen das offen sagen können", betonte die Expertin. Auch würde dies helfen, ein Umdenken in der Gesellschaft herbeizuführen, das die Caritas zu erreichen versucht: nicht nur, um Stigmatisierungen zu vermeiden, sondern um einen besserem Kampf gegen die Epidemie führen zu können.
Arbeit mit Straßenkindern mobil und "stationär"
Tageszentren bietet die Hilfsorganisation auch Straßenkindern, unter denen Aids ein großes Problem darstellt: Denn sexueller Missbrauch und Gewalt ebenso wie Drogen prägten oft den Alltag auf der Straße. "Unsere Aufgabe ist es, die Kinder zu schützen und sie auch vorzubereiten", so Tschajkiwska. "Wir informieren, wohin sich die Kinder wenden können, wo sie Hilfe bekommen, nicht nur psychische oder medizinische, sondern auch justische."
Mobile Teams der Tageszentren für Straßenkinder rückten zu Plätzen aus, an denen sich die jungen obdachlosen Menschen bevorzugt sammeln, und informierten über die Zentren. Die Kinder würden eingeladen, vorbeizukommen: "Wenn sie das nicht wollen, fragen wir, ob sie was brauchen, und bringen es ihnen", berichtete die Ärztin.
"Wir wissen nicht, wie viele von ihnen infiziert sind", so Tschajkiwska. Tests für Kinder unter 14 Jahren seien nur mit Zustimmung der Eltern erlaubt; viele würden sich aber nicht um diese Fragen kümmern. "Wir versuchen also, mit Eltern und Kindern zu arbeiten", erklärte die Expertin. So probieren die Helfer auch, Mütter und Väter aufzuklären und dazu zu bringen, sich für Gesundheit zu interessieren.
Neun Tageszentren für Straßenkinder betreibt die Caritas derzeit in der Ukraine, in naher Zukunft sollen es bereits einige mehr sein. In den Einrichtungen stehen Duschen, Waschmaschine, Küche und Kleidung bereit. U.a. beschäftigen sich Sozialarbeiter und Psychologen mit ihnen: Es werde gemalt, gestickt, genäht, Schmuck hergestellt, Fußball gespielt und bei den Hausarbeiten mitgeholfen, erzählte Tschajkiwska.
In den Zentren werden Straßenkinder "von ganz klein" bis 15 Jahre betreut. Oft würden die Jugendlichen auch darüber hinaus unterstützt, manche arbeiteten dann bei der Caritas mit. Auch Sommerlager würden für die Kinder organisiert: Es sei wichtig, dass die Kleinen einige unbeschwerte Tage unter Gleichaltrigen verbringen könnten, so die Ärztin.
Feste Partnerschaften "schmackhaft" machen
Die Helfer sind in der Ukraine auch vorsorglich tätig: Im Rahmen von Präventionsprogrammen klären die Caritas-Mitarbeiter die Heranwachsenden auf und versuchen, ihnen stabile Partnerschaften und Ehen mit "einer gesunden, schönen sexuellen Beziehung" mit nur einem Partner "schmackhaft" zu machen. Dabei gehe man natürlich nicht mit "erhobenen Zeigefinger" vor: "Wir sagen nicht, was anderes ist schlecht, sondern wir versuchen einfach, den Kindern die Chancen eines anderes Sexuallebens zu vermitteln", so Tschajkiwska. Denn die ursprünglich von der Bevölkerung eher als "Krankheit von Drogensüchtigen" wahrgenommene Infektion bzw. Erkrankung HIV/Aids werde mittlerweile auch immer stärker über sexuelle Kontakte übertragen.
Auch bei Migranten-Kindern setzen die Helfer an: Während hier die Eltern meist ins Ausland gingen um zu arbeiten, blieben die Kinder währenddessen bei ihren Großeltern in der Ukraine zurück, berichtete Tschajkiwska. Diese wüssten oft nicht, wie sie den Nachwuchs aufklären und auf den Umgang mit ihrer Sexualität vorbereiten sollen. Also seien die Helfer auf zwei Seiten tätig: Einerseits versuche man, den Kindern spielerisch oder über Begegnungen mit prominenten Sängern oder Sportlern Informationen über ihre Sexualität, über HIV und Aids zu vermitteln, andererseits arbeite man mit den Großeltern und Angehörigen, so die Ärztin.
Begleitung bis zuletzt
Auch HIV-positive bzw. Aids-kranke Erwachsene würden von Caritas-Mitarbeitern betreut, großteils auf Basis der Hauskrankenpflege: Hier besuchten Pfleger, Krankenschwestern, Sozialmitarbeiter, Priester und pastorale Berater die Betroffenen zu Hause. Eine Krankenhaus-Station für Palliativ-Care und Hospiz gebe es ebenso, schilderte die Expertin.
Auch Begleitung bei anti-retroviraler Therapie werde durch Caritas-Mitarbeiter durchgeführt: "Anti-retrovirale Therapie bekommt man nur in staatlichen Aids-Zentren, dort ist es kostenlos. Man muss dort registriert sein", berichtete Tschajkiwska. Da viele mit der Therapie beginnen, aber bei Einsetzen von Nebenwirkungen diese wieder beendeten, sei Unterstützung durch die Helfer notwendig; und so arbeite man mit dem Staat zusammen, dem die nötigen Kapazitäten für eine Begleitung fehlten.
Priester werden geschult
Oft suchten HIV-infizierte bzw. an Aids-erkrankte Menschen bei Priestern Rat und Hilfe. Dann sähen sich Priester mit Problemen konfrontiert wie etwa dem einer infizierten Frau, deren Ehemann nichts von der Infektion wisse. In von der Caritas organisierten Schulungen würden Priester entsprechend auf das Thema vorbereitet. So könnten geschulte Priester auch die Beziehungen zwischen HIV-Betroffenen und gesunden Menschen in ihren jeweiligen Pfarrgemeinden verbessern und Stigmatisierungen abbauen.
"Aids ist generell ein großes Problem in der Ukraine", so Tschajkiwska. "Es betrifft alle Gesellschaftsgruppen." Auch die Mutter-Kind-Übertragung sei nach wie vor vergleichsweise hoch, weil Schwangere nicht schnell genug zum Arzt gingen. Den Betroffenen fehle meist entsprechendes Wissen um die Krankheit bzw. Infektion. Einen Zugang zu diesen Menschen zu finden, sei oft nicht einfach.
HIV und Aids könne man zudem nicht als ein rein gesundheitliches Problem sehen: "Es hat Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Lebens. Deshalb lässt die Caritas Ukraine das Thema seit 2009 in alle ihre Projekte einfließen", berichtete die Ärztin.
Generell wolle man die Strukturen und die Mentalität der Gesellschaft verändern, um Verbesserungen betreffend HIV/Aids zu ermöglichen. "Die Idee ist, nicht in Konkurrenz mit dem Staat zu treten, sondern in Nischen tätig zu sein, die er nicht ausfüllt", so Tschajkiwska. Dazu arbeite man auch eng mit staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen an Ort und Stelle sowie internationalen Partnern und verschiedenen Caritas-Organisationen zusammen.






