Kirche gedenkt der Ereignisse des Oktober 1938 - Kardinal Schönborn feiert am 7. Oktober im Stephansdom Gottesdienst in Erinnerung an "Rosenkranzfeier" vor 60 Jahren - Gedenk-Initiativen der "Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände" und der Katholischen Jugend der Erzdiözese Wien
Wien, 16.9.98 (KAP) Die katholische Kirche in Österreich will im Oktober und November der Ereignisse vor 60 Jahren - Sturm auf das Erzbischöfliche Palais und Novemberpogrom - gedenken. Auch die Delegiertenversammlung zum "Dialog für Österreich" vom 23. bis 26. Oktober im Bildungshaus St. Virgil geht auf die Ereignisse ein. Im "Arbeitsdokument" wird darauf verwiesen, daß die Delegiertenversammlung in jenen Tagen stattfindet, in "denen sich der Sturm der Hitlerjugend auf das Erzbischöfliche Palais in Wien und die Greuel der Novemberpogrome 1938 - der sogenannten 'Kristallnacht' - zum 60. Mal jähren". Diese Erinnerung verpflichte "zur Wachsamkeit gegenüber allen Versuchen, die Menschenwürde und Menschenrechte auszuhöhlen"; es gelte, allen solchen Versuchen "entschlossen und klar entgegenzutreten".
Der Oktober 1938 hatte in Wien zu einer scharfen Konfrontation zwischen dem NS-Regime und der katholischen Kirche geführt. Mit einem Gedenkgottesdienst im Stephansdom am Mittwoch, 7. Oktober, 18 Uhr, werden in der Erzdiözese Wien die Ereignisse vom 7./8. Oktober 1938 - Rosenkranzfeier der Jugend in St. Stephan und nachfolgender NS-Sturm auf das Erzbischöfliche Palais - in Erinnerung gerufen. Den Gottesdienst hält Kardinal Dr. Christoph Schönborn.
Die Katholische Jugend der Erzdiözese Wien und die "Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände" (AKV) haben rund um den doppelten Gedenktag 7./8. Oktober eine Reihe von Initiativen vorbereitet.
Geistiger Widerstand
"Die machtvolle Demonstration vor allem junger Katholiken, die mutige Haltung Kardinal Innitzers und die Reaktion der Nationalsozialisten beendeten die nach dem 'Anschluß' bei manchen herrschende Euphorie, öffneten so manchem Mitläufer die Augen über das wahre Gesicht des Regimes und signalisierten dem NS-System, daß es im Kampf um die Herzen nicht gesiegt hatte und im explizit österreichischen Katholizismus einen zähen Gegner haben würde", faßt AKV-Präsident Dr. Johannes Martinek die historische Bedeutung des 7./8. Oktober zusammen.
Martinek präsentiert am Dienstag, 29. September um 10 Uhr im Wiener "Club Stephansplatz 4" die AKV-Broschüre "Auf zum Schwure! - Die Jugendfeier am 7. Oktober 1938", in der u.a. der Grazer Kirchenhistoriker Univ.Prof. Dr. Maximilian Liebmann über "Kirche und 1938" schreibt. Eine zweite Broschüre zu dem Thema hat der Archivar des Katholischen Jugendwerks und Augenzeuge des 7. Oktober 1938, Otto Urban, herausgegeben. Die Dokumentation mit Zeitzeugenberichten ist als Heft Nr. 31/1998 der "Mitteilungen des Dokumentationsarchivs des Katholischen Jugendwerkes Österreichs" erschienen.
In den Berichten werden sowohl die Details des gewaltsamen NS-Sturms auf das Erzbischöfliche Palais am 8. Oktober 1938 als auch das Ereignis beschrieben, das voranging: das "Rosenkranzfest" im Stephansdom am 7. Oktober. Mit mehr als 7.000 Teilnehmern war es die größte Widerstandsmanifestation der gesamten Nazizeit in Deutschland und Österreich. Es ging um geistigen Widerstand gegen die Nazi-Ideologie. Das damals von Kardinal Theodor Innitzer von der Kanzel im Dom aus ausgesprochene Bekenntnis "Einer ist euer Führer; euer Führer ist Christus" gab Tausenden Jugendlichen Hoffnung und Mut.
"Wir wollen unseren Bischof sehen!"
Die Jugendlichen versammelten sich nach der Andacht im Dom spontan vor dem Erzbischöflichen Palais. Sprechchöre mit dem Ruf "Wir wollen unseren Bischof sehen!" wurden angestimmt - eine glatte Provokation in den Augen der NSDAP-Funktionäre, die natürlich die Anspielung auf die Hitler-Parolen merkte.
Am darauffolgenden 8. Oktober schlug das Regime zurück: HJ- und SA-Trupps in Zivil stürmten das Erzbischöfliche Palais. Das Regime hatte die "Rosenkranz-Kundgebung" als unerträgliche Provokation empfunden. "Spontan", tatsächlich aber gut organisiert, stürmten die Schlägertrupps, bestehend aus 17- bis 25-jährigen das Erzbischöfliche Palais und das Curhaus am Stephansplatz 3. Kardinal Innitzer konnte im letzten Moment in Sicherheit gebracht werden, das Palais wurde total verwüstet. Ein Christusbild, das die Nationalsozialisten mit ihren Dolchen zerfetzten, hängt heute im Konsistorialsaal des Palais.
Im Curhaus fiel den Nazischlägern der Domkurat Johannes Krawarik in die Hände. Er wurde aus dem Fenster geworfen und fiel auf einen Sandhaufen. Trotzdem zog er sich so schwere Verletzungen zu, daß er bis Februar 1939 im Spital bleiben mußte. Zuvor wurde ihm mehr als eine Stunde ein Arzt verweigert.
Die Polizei sah dem Treiben der Nazis untätig zu. Der nationalsozialistische Polizeipräsident saß im Kaffeehaus und schaute auf die Uhr, ob die mit der Parteileitung vereinbarte Zeitspanne für die inszenierten Ausschreitungen schon abgelaufen war. Genauso verhielten sich die Polizeiverantwortlichen dann einen Monat später, während der - ebenfalls zu einem großen Teil inszenierten - Plünderungen und Zerstörungen der "Reichskristallnacht".
Gedenktafel für "Innitzergardisten"
Ein besonderes Anliegen zum heurigen 60-Jahr-Gedenken ist die Errichtung einer Gedenktafel oder eines Erinnerungsmals für die im KZ Mauthausen bzw. an den Folgen der KZ-Haft verstorbenen "Innitzergardisten". Die "Innitzergardisten" bildeten den inneren Kreis der nach der Auflösung der katholischen Organisationen nach dem "Anschluß" weiterhin tätigen Aktivisten aus der Katholischen Jugend (KJ) und dem "Bund Neuland". Im KZ Mauthausen starb Ferdinand Habel aus der Katholischen Jugend; an den Folgen einer in KZ-Haft zugezogenen Infektion starb Hans Eis aus dem "Bund Neuland".
Österreichs Kirche lernte schon 1938
In einem "Kathpress"-Gespräch betonte die Zeithistorikerin Univ.Prof. Dr. Erika Weinzierl die um vieles härtere Unterdrückung der Kirche in Österreich im Vergleich zu Deutschland und die - ebenfalls im Vergleich zu Deutschland - "viel deutlichere Zurückhaltung" der Bischöfe und Priester in der Frage des "gerechten Krieges". Das Wissen um Hitlers doppelbödige Kirchenpolitik von März/April 1938 und um den Sturm auf das Erzbischöfliche Palais habe mit dazu beigetragen.
So habe es etwa in Wien - anders als in Deutschland - nirgends Glockengeläut bei der Eroberung Warschaus im September 1939 gegeben, erinnerte Wienzierl. Erst 1941, mit Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion, hätten die österreichischen Bischöfe - zusammen mit ihren deutschen Mitbrüdern - ein gegen den "Bolschewismus" gerichtetes Hirtenwort mit einer kriegszustimmenden Tendenz unterzeichnet.






