Letzter noch lebender Innitzer-Gardist erinnert an KZ-Opfer
Zeitzeuge Hermann Lein weist auf Nach-Geschichte des 7. Oktobers 1938 hin
Wien, 7.10.98 (KAP) Auf ein stärkeres Gedenken der "Innitzer-Gardisten", die im Oktober 1938 von den Nazis nach Dachau und später Mauthausen geschickt wurden, hat der einzige noch lebende "Gardist", Hermann Lein, am Mittwoch in einem "Standard"-Interview gedrängt. Anlaß war der Gedenkgottesdienst am Mittwochabend im Wiener Stephansdom für die Ereignisse vor 60 Jahren. Der Oktober 1938 hatte in Wien zu einer scharfen Konfrontation zwischen dem NS-Regime und der katholischen Kirche geführt. Bei dem Gedenkgottesdienst im Stephansdom wurden die Ereignisse vom 7./8. Oktober 1938 - Rosenkranzfeier der Jugend in St. Stephan und nachfolgender NS-Sturm auf das Erzbischöfliche Palais - in Erinnerung gerufen. Den Gottesdienst hielt Kardinal Dr. Christoph Schönborn.
Lein würdigte das Gedenken in Form des Gottesdienstes und der anschließenden Enthüllung einer Tafel zum Gedenken an die Opfer, übte aber Kritik an der von der "Arbeitsgemeinschaft katholischer Verbände" (AKV) publizierten Broschüre "Auf zum Schwure: Die Jugendfeier vom 7. Oktober 1938". In der Festbroschüre finde sich kein Hinweis auf die "Innitzergardisten", so Lein: "Es ist schon komisch, daß die fünf jungen Menschen nicht erwähnt werden."
Die Verhaftung der fünf "Innitzer-Gardisten" (die Bezeichung kam erst durch die SS im KZ Mauthausen auf) Hermann Lein, Ferdinand Habel, Hans Eis, Josef Kaspar und Franz Ranftl wird in der September-Nummer der "Mitteilungen des Dokumentationsarchivs des Katholischen Jugendwerkes Österreichs" dokumentiert. Habel starb am 3. Februar 1940 im KZ Mauthausen an Hungertyphus, Eis starb am 6. Juli 1940 an den Folgen einer Infektion, die er sich im Mauthausner Revierdienst zugezogen hatte, Kaspar wurde 1940 aus Mauthausen entlassen und starb später an der Ostfront, Ranftl überlebte Haft und Krieg, ist aber heute nicht mehr am Leben. Einziger überlebender "Innitzer-Gardist" ist Hermann Lein. Die "Innitzer-Gardisten" kamen sowohl aus dem CV (Ferdinand Habel) als auch aus "Bund Neuland" (Hans Eis), dem "Reichsbund" und der KJ (Katholischen Jugend). Alle waren sie beim Rosenkranzfest am 7. Oktober im Stephansdom dabei.
Harte Unterdrückung der Kirche
In einem "Kathpress"-Gespräch erinnerte die Zeithistorikerin Univ.Prof. Dr. Erika Weinzierl an die im Vergleich zu Deutschland um vieles härtere Unterdrückung der Kirche im "konkordatsfreien Raum" der Ostmark. Es habe auch eine "viel deutlichere Zurückhaltung" der Bischöfe und Priester in der Frage des "gerechten Krieges" gegeben. Das Wissen um Hitlers doppelbödige Kirchenpolitik von März/April 1938 und um den Sturm auf das Erzbischöfliche Palais im Oktober habe dazu beigetragen.
Am Tag vor dem Sturm auf das Palais hatten sich nach der Rosenkranzandacht im Dom spontan Jugendliche vor dem Erzbischöflichen Palais versammelt. Sprechchöre mit dem Ruf "Wir wollen unseren Bischof sehen!" wurden angestimmt - eine glatte Provokation in den Augen der NSDAP-Funktionäre, die natürlich die Anspielung auf die Hitler-Parolen merkte.
Am darauffolgenden 8. Oktober schlug das Regime zurück: HJ- und SA-Trupps in Zivil stürmten das Erzbischöfliche Palais. Das Regime hatte die "Rosenkranz-Kundgebung" als unerträgliche Provokation empfunden. "Spontan", tatsächlich aber gut organisiert, stürmten die Schlägertrupps, bestehend aus 17- bis 25-Jährigen, das Erzbischöfliche Palais und das Curhaus am Stephansplatz 3. Kardinal Innitzer konnte im letzten Moment in Sicherheit gebracht werden, das Palais wurde total verwüstet. Ein Christusbild, das die Nationalsozialisten mit ihren Dolchen zerfetzten, hängt heute im Konsistorialsaal des Palais. Im Curhaus fiel den Nazischlägern der Domkurat Johannes Krawarik in die Hände. Er wurde aus dem Fenster geworfen und zog sich derart schwere Verletzungen zu, daß er bis Februar 1939 im Spital bleiben mußte.
Die Polizei sah dem Treiben der Nazis untätig zu. Der nationalsozialistische Polizeipräsident saß im Kaffeehaus und schaute auf die Uhr, ob die mit der Parteileitung vereinbarte Zeitspanne für die inszenierten Ausschreitungen schon abgelaufen war.
Genauso verhielten sich die Polizeiverantwortlichen dann einen Monat später, während der - ebenfalls zu einem großen Teil inszenierten - Plünderungen und Zerstörungen der "Reichskristallnacht".
Der ehemalige Widerstandkämpfer Fritz Molden erinnert in einer Broschüre der "Österreichischen Widerstandsbewegung" zum Jahr 1938, daß einige Stunden vor dem Sturm auf das Palais der Stephansplatz bereits voll von HJ und Gestapo gewesen sei. Ein paar hundert katholische Jugendliche seien zusammengeströmt, weil sie die Kundgebung vom Vorabend wiederholen wollten. Molden: "Wir haben gedacht, wir machen gleich noch eine Kundgebung, wurden aber dort von der HJ und von der Gestapo sofort geschnappt. Ich habe zum ersten Mal die 'Liesl', das Polizeigefängnis betreten. Aber als Vierzehnjähriger wurde ich noch in der Nacht wieder nach Hause geschickt, aber viele meiner Freunde sind dort zum ersten Mal gesessen."






