In den letzten Jahren wurden "Wunden" der Kirchengeschichte in Österreich im Sinne des Papst-Appells benannt
Wien, 8.3.00 (KAP) Die katholische Kirche in Österreich hat den Papst-Aufruf zur "Reinigung des Gewissens" in den letzten Jahren in manchem bereits vorweggenommen. "Steingewordener" Ausdruck ist vor allem die 1998 enthüllte Gedenktafel am Judenplatz in Wien, auf der auch der mittlerweile viel zitierte Satz steht: "Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenverfolgungen und erkennt ihr Versagen."
Die Gedenktafel der Erzdiözese Wien, die von Kardinal Christoph Schönborn initiiert worden war, enthält ein Schuldbekenntnis zur Täterschaft Wiener Christen beim Pogrom 1421 und der anschließenden Synagogenzerstörung sowie eine Erinnerung an die Fortsetzung der Judenverfolgungen in Wien bis zum Nationalsozialismus.
Zehn Jahre vorher, im Gedenkjahr 1988, hatte der damalige Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Salzburger Erzbischof Karl Berg, aufgerufen, "Schuld zu bekennen, Reue zu empfinden und um Verzeihung zu bitten". Das Gedenken an die Ereignisse von 1938 sollte, so Berg, aber auch Anlass sein, die Bereitschaft zur Versöhnung zwischen Christen und Juden anzustreben.
Erzbischof Berg erinnerte das österreichische Volk an dessen Verpflichtung, in der Erinnerung an die Ereignisse von 1938 "der Wahrheit ins Auge zu blicken". Er räumte ein, dass sich auch viele Österreicher von der Ideologie des Nationalsozialismus verführen ließen, manche hätten aus Überzeugung, andere aus Opportunismus an Verbrechen mitgewirkt. Wieder andere seien durch Gleichgültigkeit schuldig geworden. Man müsse sich den Anklagen stellen und den Mut haben, um Verzeihung zu bitten. Der damalige Vorsitzende der Bischofskonferenz legte dann ein Bekenntnis zu jenen ideellen Fundamenten ab, die in den Nachkriegsjahren gelegt wurden: Freiheit und Würde des Menschen, Anerkennung der Menschenrechte sowie eine freie Kirche in einem freien Staat.
Berg kam dann auch auf die seinerzeitige Empfehlung der österreichischen Bischöfe zu sprechen, am 10. April 1938 für den "Anschluss" zu stimmen. Zustandegekommen sei dies laut Berg "unter dem Eindruck einer bisher unbekannten Massenpsychose, unter dem Druck der Machthaber und in der Hoffnung, für die Kirche einen Raum des Wirkens zu sichern". Die Bischöfe hätten allerdings bald die "Fragwürdigkeit" dieser Erklärung erkannt. Gleichzeitig erinnerte der Salzburger Erzbischof an die Rosenkranz-Feier mit dem damaligen Wiener Erzbischof Kardinal Theodor Innitzer am historischen 7. Oktober 1938.
"Schwärende Wunde" Antisemitismus
Kardinal Franz König betonte im gleichen Jahr 1988 bei einer Gedenkmatinee in der Wiener Staatsoper, man könne die Vergangenheit nicht bewältigen, man müsse sie "bedenken und betrauern, damit nie wieder die Macht des Hasses, der Unmenschlichkeit und der Diktatur die Überhand gewinnt". Diese Form der Geschichtsbeurteilung sei, so Kardinal König, "ein Akt fern aller Tagespolitik und jeden Versuchs, die Geschichte als Arsenal zu verwenden, um Waffen für den politischen Tagesstreit zu schmieden".
Grundsätzlich vertrat Kardinal König die Auffassung, dass es "keine Kollektivschuld gibt, weil die Schuld immer den Kern der Einzelperson betrifft. Es gibt aber eine Schuldverwobenheit, die die Verpflichtung zu Reue und Solidarität in der Bereitschaft zur Wiedergutmachung beinhaltet". Die damaligen "Wunden sind nicht vernarbt, es lasten noch Unsummen von Leid auf Österreich".
Er müsse "mit schmerzlichem Bedauern eingestehen", meinte Kardinal König, "dass die Kirche, wenn auch nicht als einzige, zu wenig getan hat, um die Menschen gegen Hitler zu immunisieren". Die Christen sollten sich "der Schuld bewusst sein, einem nationalen Antisemitismus nicht genug entgegengetreten zu sein. Es ist dies die schwärende Wunde am Leib der Kirche, die viel Unheil über Menschen gebracht hat." Vergeben könne keinesfalls Vergessen heißen, so König. Hinter jedem Opfer der Ereignisse vor 50 Jahren stehe ein menschliches Schicksal, stehe ein Mensch, der "gedemütigt, gehetzt, geknechtet, gebrochen und der sinnlosen Vernichtung ausgeliefert wurde".
Zum Thema Christentum - Judentum betonte Kardinal König, dass erst das Zweite Vatikanische Konzil mit aller Entschiedenheit eine Mitschuld der Juden am Tod Christi zurückgewiesen und die untrennbare Verbundenheit von Altem und Neuem Testament bestätigt hatte.
Auch der damalige Innsbrucker Diözesanbischof Reinhold Stecher sprach im Bedenkjahr 1988 von einem "Schamgefühl" der Kirche. Dabei gehe es nicht sosehr um Einzelversagen oder um die Erklärung Kardinal Innitzers, die unter Druck und unter der Annahme, damit die Verfolgung zu verhindern, erfolgt sei, sondern um "jene Fehleinschätzung des christlichen Antijudaismus, die jahrhundertelang bei uns da war und bei manchem noch ist, und die dem Rassenwahn und dem Holocaust emotionale Vorarbeit geleistet hat".
Auch Erinnerung an Waldenser-Verfolgung
Aber auch die Erinnerung an die Waldenser-Verfolgung soll in der österreichischen Kirche nach dem Wunsch des Linzer Bischofs Maximilian Aichern nicht unterdrückt, sondern als düsteres Kapitel österreichischer Kirchengeschichte aufgearbeitet werden. Aichern hob deshalb 1997 die Bedeutung des damals in Steyr errichteten Waldenser-Mahnmals hervor. 1997 wurde der 600. Jahrestages des Massenprozesses der österreichischen Inquisition gegen mehr als 1.000 Waldenser gedacht, von denen viele danach den Feuertod erlitten hatten.
Aichern machte damals, vor drei Jahren, klar, dass die Katholiken mit der von Papst Johannes Paul II. in seinem Rundschreiben zur Jahrtausendwende "Tertio Millennio Adveniente" geäußerten Vergebungsbitte für die gravierenden Fehler der Vergangenheit ernst machen müssen. Das neue Mahnmal in Steyr für diese "Märtyrer ihres christlichen Glaubens" solle daran erinnern, "wie weit Fanatismus führen kann", so Bischof Aichern wörtlich.
Dass die Waldenser im 13. und 14. Jahrhundert in Österreich eine wichtige Rolle spielten, gehört zu den "ausgeblendeten" Kapiteln der österreichischen Kirchengeschichte. Die Waldenserkirche besteht heute noch in Italien, in den Gebirgstälern Piemonts hatte sie jahrhundertelange Verfolgung überdauert.






