Kurt Dieman erinnert sich an das Fronleichnamsfest des Jahres 1939 - Im Ausland wurde aufmerksam registriert, wie die Fronleichnamsprozession mit Kardinal Innitzer zu einer "geistigen Demonstration" für Freiheit und Recht wurde
13.6.03 (KAP-ID) An das letzte Fronleichnamsfest in Wien vor dem Zweiten Weltkrieg - 1939 - erinnert sich der Publizist Prof. Kurt Dieman. Der "Stadtumgang" mit Kardinal Theodor Innitzer in diesem letzten "Friedensjahr" war zugleich eine - in London, Washington, Paris und Moskau aufmerksam registrierte - Manifestation des geistigen Widerstands gegen das NS-Regime. Der "Kathpress"-Informationsdienst dokumentiert den Beitrag Diemans:
Ein begeisterter Fußgänger war ich nie. Eher ein begeisterter Autofahrer. Auch das bin ich nicht mehr, seit ich mit den Siebenmeilenstiefeln der rasenden Zeit meinem "Achtziger" entgegeneile. Noch sehe ich meinen bischöflichen Freund, Jacob Weinbacher, mit einem Curgeistlichen von St. Stephan im Torbogen des "Zwettl-Hofes" stehen und jammern: "Wir beklagen unser Schicksal, dass wir so alt haben werden müssen!" Das war vor fast einem Vierteljahrhundert. Ich habe mir den Ausspruch gemerkt
An "Umgängen" habe ich, mit Ausnahmen, selten teilgenommen: An Wallfahrten nie. Nur einmal bin ich einem "Umgang" auf längerem Fußweg entgegengegangen, mitgegangen bin ich nur am Rande. Ich mischte mich ins Spalier, und das in wechselnden Positionen, um das "Ereignis" vielseitig beobachten zu können. Das war vor 64 Jahren, und das "Ereignis" - in des Wortes ureigenster Bedeutung - war der Fronleichnamsumgang von St. Stephan anno 1939. Das war der zweite Fronleichnamsumgang dieser Art nach der Besetzung Österreichs durch deutsche Truppen ein Jahr zuvor. Er sollte der letzte vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sein! Ob das jemand, der damals dabei war, ahnte? Schon möglich - vielleicht sogar. Der "Friede", den Hitler der Welt vorgaukelte, war Chimäre: das Versatzstück einer Schmierenkomödie
Mein Fußmarsch zu dem "Ereignis" umfasste die verhältnismäßig lange Wegstrecke von Weinhaus, dem Mittelteil des Bezirkes Währing, bis zum Stephansplatz: Das waren rund fünf Kilometer. Der nicht eben begeisterte Fußgänger schritt sie - ganz ungewohnt - genüsslich aus, denn es sollte, wie das "Ereignis" selbst, eine Demonstration, eine Provokation der neuen Machthaber sein. Und für so etwas war und bin ich immer zu haben.
Ich hatte meinen schwarzen "Tennisanzug" angezogen; so wurde damals, aus unerfindlichen Gründen, ein dunkler Zweireiher mit Nadelstreifen genannt. In der einen Hand hielt ich meinen "Homburg" - ein Requisit des Antimilitarismus -, in der anderen meinen "Schott". Natürlich ließ ich dessen bunte Bändchen lustig im lauen Morgenwind flattern. Das waren meine ganz persönlichen "Demonstrationsfähnchen". Sie sollten alle, die mir begegneten und Anhänger der neuen Machthaber waren, sichtlich herausfordern. Das konnte man sich doch getrauen! Es hatte viele Möglichkeiten für solche Herausforderungen gegeben. In Berichten der Gestapo und des SD (Sicherheitsdienst) ist davon zu lesen.
So gerüstet, schritt ich zunächst am Fleischerladen des Herrn Steindl vorbei, der jetzt mit dem Parteiabzeichen auf dem Schlächterwams seine Kundschaft bediente. Dass dies kein "Oberer", der "Hausvertrauensmann" oder der "Blockwart", beanstandete? Der Herr Steindl wollte halt auch "demonstrieren"! Er war kein "Bockerer", sondern das Gegenteil davon. Das sollte man ihm nicht, nach mehr als einem halben Jahrhundert, nachtragen! Sein Beinschinken war vorzüglich und zerging buchstäblich auf der Zunge.
Das Geschäft nebenan war schon geraume Zeit geschlossen. Am 9. November des Vorjahres war der Rollbalken aufgebrochen und das gesamte Inventar in Brand gesteckt worden. Zum Glück griff das Feuer nicht auf das ganze Haus über! Die Feuerwehr war rasch zur Stelle. Nur die Frau Stiassny, die jüdische "Bandlkramerin", die hier mit Hosenknöpfen, Nähnadeln, Wollknäueln und ein wenig Unterwäsche ihr "Vermögen" gemacht hatte, war verschwunden. Wohin, fragte niemand
Das schöne, mit Goldbuchstaben ausgelegte Ordinationsschild unseres Hausarztes, des Medizinalrates Dr. Kris, neben einem Haustor am Aumannplatz angebracht, war längst abmontiert, auch dasjenige meines Kinderarztes, des Dr. Silberbuch, der gegenüber vom Schubertpark ordinierte. Er war stolz darauf, im Krieg als Offizier gedient zu haben, weshalb er auch dem "Verband jüdischer Frontkämpfer" angehörte, in dessen Vorstand mein Großvater ehrenhalber eingetreten war. Auch nach dem Verbleib der beiden beliebten Ärzte wurde nicht viel gefragt. Menschen verschwanden zu jener Zeit oft über Nacht. Hoffentlich war dem Dr. Kris und dem Dr. Silberbuch die Überfuhr nach Amerika gelungen, munkelte man in Kreisen ehemaliger Patienten. Öffentliche Herumfragerei schien nicht ratsam: Wer wollte, inmitten all des "Heldenhaften", schon den Helden spielen?
Endlich stieß ich auf einen Trupp "Hitler-Jugend"! Die Burschen marschierten durch die Währingerstraße und sangen auf abgehackte Weise irgend ein Lied von "Flatternden Fahnen". Verächtliche Blicke aus ihren Reihen fing ich befriedigt auf. Dann rief ein so genannter "Politischer Leiter", ein "Goldfasan" (wegen der pompösen Aufmachung vom Volksmund so geheißen), von der anderen Straßenseite zu mir herüber: "Pfaffenknecht!, Innitziant!" Letztere Bezeichnung erfreute sich seit dem Oktober 1938 gelegentlichen Gebrauches in einschlägigen NS-Kreisen.
"Innitzer und Jud - eine Brut"
So fand das "Innitzer und Jud - eine Brut!" sein Echo, das auf einem Transparent bei der Bürckel-Kundgebung "gegen den politischen Katholizismus" und gegen den Kardinal am 13. Oktober des Unheilsjahres 1938 auf dem Heldenplatz zu lesen stand. Anschließend an die politische Orgie wurde dieses Transparent mit einigen anderen und einer an einem Galgen aufgehängten Puppe im Kardinalstalar am Erzbischöflichen Palais mit seinen 1.248 eingeschlagenen Fensterscheiben und dem aufgesprengten Tor vorbeigetragen.
Bei der Kreuzung Währingerstraße/Semperstraße warf ich einen Blick zu dem Haus mit dem auffallenden Risalit hinüber, wo Egon Friedell am 16. März, ein Jahr zuvor, aus einem Fenster im 3. Stock in den Tod gesprungen war, um der Verhaftung durch SA-Männer zu entgehen. Angeführt hatte sie der Korbhändler Swoboda aus der Nachbarschaft. Mit dem Geschrei "Wohnt hier der Jude Friedell?" waren sie die Stiege hinaufgestürmt und hatten in die Eckwohnung Einlass begehrt.
Je mehr ich mich der Inneren Stadt annäherte, umso mehr mussten mir viele Menschen auffallen, die, so wie ich, dem selben Ziel zuzustreben schienen. Beim Schottentor entleerten sich für diese Tageszeit ungewöhnlich überfüllte Straßenbahnwaggons der Linien 41, 38 und 39. Auch die Autobusse, die durch die Schottengasse und über die Freyung fuhren, waren gut besetzt, obwohl ihre Fahrkarten um fünf Groschen - nein "Pfenning" - teurer waren als diejenigen der Straßenbahn.
Auf dem Graben und in seinen Zufahrtsstraßen, vor allem auf dem Kohlmarkt gab es schon einiges Gedränge auf den Gehsteigen. Die bunten Bändchen flatterten aus meinem "Schott" immer noch munter im Wind. Wien ist eine windige Stadt. Dem dauernden Luftzug, der durch die Gassen und über die offenen Plätze fegt und der mitunter recht unangenehm empfunden wird, verdankt diese Stadt ihr "gutes Klima".
Auf dem Stephansplatz angelangt, war es nur mit einiger Mühe möglich, vorwärts zu kommen. Ich dürfte gerade den richtigen Zeitpunkt erreicht haben, um vor dem alten schönen Haas-Haus, errichtet nach Plänen der Opernbaumeister Siccardsburg und van der Nüll, zum Riesentor hinüberschauen zu können, als dort aus der gewaltigen Kulisse die Spitze der Fronleichnamsprozession ins Freie trat. Von den Domtürmen hub ein mächtiges Geläute an und überdröhnte das Orgelrauschen, das aus dem Dom heraus noch zu hören war. Das Gemurmel der Massen, das Kreischen aufgescheuchter Vögel, das Intonieren eines Bläserensembles und das zunächst noch zaghafte Einsetzen des Volksgesanges, schuf ein Klanggemälde, das die ganze Stadt einzubeziehen schien und einen Namen hatte: "Fronleichnam in Wien, wie es einmal war".
Aus dem Riesentor heraus, das gewöhnlich verschlossen war und nur anlässlich besonderer Feierlichkeiten geöffnet wurde, schob sich nunmehr, dem Vortragskreuz folgend, eine riesige Schar von Priestern und Ordensleuten, auch Klosterfrauen. Einige Hundert dürften es wohl gewesen sein, die Alumnen aus dem Priesterseminar in der Boltzmanngasse mitgerechnet. Alle Wiener Pfarren und Klöster hatten stattliche Deputationen zum "Umgang" von St. Stephan beordert. Die örtlichen Fronleichnamsumgänge fanden üblicherweise am Sonntag nach dem eigentlichen Feiertag statt.
Immer wieder unterbrachen Kirchenfahnen, auf hohen, im Sonnenschrein goldglänzenden Gestängen mitgeführt, die Prozession, zunächst der Geistlichkeit, und überstrahlten diese mit leuchtender Farbenfreude. Dem niederen Klerus und den Ordensleuten schloss sich der höhere und höchste an: Zuerst kamen die Ehrendomherrn mit violetter Mozetta über dem Rochett (Chorrock), dann einige päpstliche "Hausprälaten" (heute "Ehrenprälaten" genannt), erkenntlich an dem violetten Mantelett, diesem weitgehend aus der Kirchenmode gekommenen geistlichen Kleidungsstück.
Jetzt trat das Domkapitel auf, in strenger Rangordnung selbstverständlich. Die "einfachen" Kanoniker (Domkapitulare) waren noch in die dekorative, dunkelviolette Cappa mit dem hellvioletten Schulterkragen gehüllt, die sie freilich nicht aufgelöst, sondern nur über den linken Arm geschlungen und mit einer Masche zusammengehalten, tragen durften.
Den sogenannten "Dignitären" - alle infulierte Prälaten - und den beiden Bischöfen, dem Weihbischof Kamprath, der Generalvikar und Dompropst war, und dem Bischof Seydl, der den Rang eines Domkustos einnahm, schritten jeweils Alumnen voran, die ihre Mitren, mit einem Schultervelum ausgerüstet, in Händen hielten. Die "Dignitäre" und die Bischöfe trugen alle prächtige, goldgestickte Paramente: eine ziemliche Last für die schon in fortgeschrittenem Alter stehenden Herrn. Besonders der Domdechant, Prälat Merinsky, tat sich bei derartigen "Funktionen" nach einem kleinen "Schlagerl" schwer.
Hinter den beiden Bischöfen gingen zwei Alumnen, die, nach Zeremoniärsart, die Soli Deo-Käppchen der Exzellenzen mit sich trugen. So viele Priesterstudenten gab es damals noch, um solche "Posten" ausreichend besetzen zu können. Das sollte bald anders werden. Traurig, nicht nur vom Standpunkt der Kirche aus betrachtet: Wo vorrangig der Erfolg zählt, bleibt für Berufungen wenig übrig
Nach einer halben Kompanie von Kerzenträgern, erschien nunmehr der "Pastoralist" unter dem Gewölbe des Riesentores. Ihm war der Bischofsstab, das "Pastorale", des Kardinals anvertraut. In der Krümme befand sich eine besonders schöne, auffallende Mariendarstellung. Dem "Pastoralisten" folgte der "Infularius", der die kostbare Mitra des Kardinals trug.
Endlich tauchte das Hauptstück - das Herzstück - des "Umganges", inmitten all der überschwänglichen Farbenpracht und der sich immer mehr zusammendrängenden Menschenmasse auf: Der "Himmel"! Weihrauchumwölkt und vom unentwegten Gebimmel der Ministrantenglöckchen silbertönend umrahmt, trug der Kardinal die Monstranz mit dem "Leib des Herrn" in Brotgestalt durch die Stadt, die sich in diesen Stunden anschickte, wieder zu sich selbst zu finden.
Diesen Vorgang vermochten nicht einmal vereinzelte Hakenkreuzfahnen zu stören, die da und dort, befehlsgemäß, oder den ungeschriebenen Gesetzen des Opportunismus folgend, aufgezogen worden waren. Gelenkter Propaganda gelang es in jüngster Zeit, Bilder von einem "Umgang" bei St. Stephan zu veröffentlichen, in denen Hakenkreuz- und Kirchenfahnen geschickt nebeneinander gesetzt wurden. Der "Fabrikant" könnte Joseph Goebbels heißen
Gleich hinter dem Himmel schritt, wie einst der Kaiser, der letzte, von der Bundesversammlung frei gewählte Bundespräsident, Wilhelm Miklas, im Cut und mit dem Zylinder in weißbehandschuhter Hand. In der Unheilsnacht vom 11. auf den 12. März 1938 hatte er am längsten dem Terror Hitlerdeutschlands und der Hitleranhänger in Österreich Widerstand geleistet. Der respektable Mann führte mit unverkürzter Würde den riesigen Zug der Gläubigen an, der sich hinter dem Himmel formierte. Massen, eng gedrängt, strömten aus dem Dom heraus; ihnen schlossen sich die zahllosen Menschen an, die auf dem Stephansplatz und auf dem Graben auf diesen Augenblick gewartet hatten. Wer nicht mitgehen wollte, drängte ins Spalier, um dieses zu verdichten.
Zu jener Zeit gab es bei einem Fronleichnamsumgang noch vier Altäre. Bei diesen wurden Teile aus dem Evangelium verlesen und der sakramentale Segen, gleichsam der ganzen Stadt, erteilt. Der erste Altar war vor dem Marco d'Aviano-Denkmal neben der Kapuzinerkirche aufgebaut, der zweite vor dem Portal des Palais Lobkowitz, der dritte vor dem Torhaus der Michaelerkirche und der vierte vor der Pestsäule auf dem Graben. So weit hatte der Kardinal die schwere Monstranz zu tragen. Er schien unter dieser Last nicht einzusinken, vielmehr aufzuwachsen. Dieser Fronleichnamsumgang war, im übertragenen Sinn, auch sein ganz persönlicher Triumphzug! Hätte man die Menschen, die an diesem großen kirchlichen und politischen Ereignis teilnahmen, an einem Ort zusammengeführt, wäre mit ihnen der Heldenplatz zu füllen gewesen. Das hätte eine andere Kundgebung ergeben als diejenige vom 15. März 1938.
Nicht nur fromme Katholiken
Ich zwängte mich, zwischen Spalier und Häuserfronten, schrittweise vorwärts, um den "Umgang" aufmerksam zu verfolgen. Da fiel mir - und gewiss auch anderen - ein eleganter, größerer Herr auf, der wenige Schritte hinter dem Bundespräsidenten ging, laut mitbetete, mitsang, und, den Rosenkranz in Händen, bei jeder Segenspendung mit gekonnter Pose auf dem Pflaster oder dem Asphalt niederkniete: Das war der berühmte Burgschauspieler Raoul Aslan, den jedesmal ein Beifallsorkan umbrandete, nachdem er im "König Ottokar" die berühmte Rede des Ottokar von Horneck über Österreich gesprochen hatte: "...Es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde...!" Der "Höllenfürst" hatte sich in Gestalt des Braunauers seiner inzwischen unterwunden. Dagegen wollten die Tausenden und Abertausenden in Wiens Innenstadt, am Fronleichnamstag des Jahres 1939, aufbegehren
Was waren das für Menschen, die sich da um den "Himmel" von St. Stephan und den Kardinal scharten? Nur fromme Katholiken und gewohnheitsmäßige Kirchengeher? Keineswegs! Unter ihnen befanden sich auch viele "Ungläubige", die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben an einer kirchlichen Feier teilnahmen. Sie waren alle von einem Glauben erfüllt: Dem Glauben an Österreich und die Gewissensfreiheit
Als die Spitze der Prozession wieder das Riesentor erreicht hatte, war ihr Ende noch nicht abzusehen. Nachdem das "Großer Gott, wir loben dich" verklungen und der Gottesdienst im Dom beendet war, ging ich zum Palais hinüber. Dann erst wollte ich den Dom betreten. Eben bahnte sich der Kardinal, die rote "Cappa magna" über den Arm geschlungen, den Heimweg vom Adlertor zum Tor Nr. 7, durch welches die "nationalen" Vandalen in sein Haus eingebrochen waren. Etliche Leute knieten vor ihm nieder, versuchten seine Hand zu ergreifen, um den Ring zu küssen. Der stets freundliche, von einem bezwingenden, fast sieghaft zu nennenden Lächeln getragene "Doktor Theodor", wie er sich gerne am Telefon meldete, sagte dann gewöhnlich: "Bitte, keine Turnübungen!" Er segnete die Menschen, die auf ihn gewartet hatten, blieb bei Kindern stehen und machte ihnen ein Kreuzzeichen auf die Stirn.
Ehe ich mich in den Dom begab, schaute ich noch zu den Fenstern hinauf, hinter denen, wie ich wusste, noch die Trümmer der zerschlagenen Möbel herumlagen und die zerschnittenen Bilder an den Wänden hingen. Der Kardinal, der mich bereits durch diese Räume geführt hatte und mich noch mehrmals durch sie führen sollte, nannte sie immer nur: "Mein Museum!"
Eine der ovalen, separierten Oberlichter der Andreaskapelle zeigte noch - und das lange Zeit - ein kleines Loch, das von einem der Steinwürfe herrührte. Beim Neueinschneiden der Fensterscheiben wurde offensichtlich darauf vergessen. Wenn ich dieses Loches ansichtig wurde, und ich warf ihm stets einen Blick zu, wenn ich auf den Stephansplatz kam, war mir immer, als wäre irgendetwas von mir durch diese zeugenhafte Öffnung hindurchgefallen: nicht in eine Kapelle hinein, sondern in ein unbestimmbares Nirgends. Dieses war überall in der Stadt, seit wir hier heimatlos geworden waren.
Auch am Abend des selben Tages hörte ich wieder "Ausland", wie später auch, als dies bereits mit schweren Strafen bedroht war. Radio Straßburg und Radio London berichteten bereits von dem "sensationellen Ereignis" in Wien. Selbst in Moskau war dieses Ereignis, wie mir meine jetzt vor zehn Jahren verstorbene Frau erzählte, Tagesgespräch unter den österreichischen Emigranten bei der Komintern.
Jedem, der von einer österreichischen "Lebenslüge", oder gar von einer katholischen spricht, will ich, so schnell ich noch kann, entgegenstürmen und ihm das Kreuz der Wahrheit, der österreichischen und der katholischen Wahrheit, für die ich Zeuge bin, vor Aug
en halten.






