Gedenkausstellung "1938 - Kirche im Kulturkampf" in Herzogenburg
Chronologie der Ereignisse eines der schwierigsten Jahre der jüngeren österreichischen Kirchengeschichte - Wiener Diözesanarchivarin Fenzl und Kirchenhistoriker Liebmann informieren mit begleitenden Vorträgen über "Kirche und Nationalsozialismus"
St. Pölten, 3.10.08 (KAP) Unter dem Titel "1938 - Kirche im Kulturkampf" veranschaulicht ab 10. Oktober im Prälatensaal des Stiftes Herzogenburg eine Gedenkausstellung die Chronologie eines der schwierigsten Jahre in der jüngeren österreichischen Kirchengeschichte. Von der Erklärung der österreichischen Bischöfe vom 18. März 1938, in der sie "Ja" zum "Anschluss" sagten, über den unmittelbar danach einsetzenden nationalsozialistischen Kirchenkampf und die Ereignisse und Folgen der Rosenkranzfeier im Wiener Stephansdom am 7. Oktober zeichnet die Ausstellung mit Schautafeln, Bildern und filmischen Dokumenten die Geschichte nach.
Schwerpunkt der Ausstellung, die der Publizist und Schriftsteller Prof. Kurt Dieman konzipiert hat, sind die Ereignisse rund um die Rosenkranzfeier im Stephansdom und den Sturm der Hitlerjugend auf das Erzbischöfliche Palais am nächsten Tag. Dieman ist einer der wenigen Zeitzeugen von damals, die heute noch am Leben sind. Zahlreiche der Ausstellungsstücke, die in Herzogenburg zu sehen sein werden, stammen ursprünglich aus seiner Sammlung.
Zu sehen sind u.a. Bilder der von der Hitlerjugend (HJ) verwüsteten Räume im Wiener Erzbischöflichen Palais. Kammerschauspieler Fritz Muliar hat für die Dokumentationsschau die zentralen Passagen der Ansprache von Kardinal Theodor Innitzer bei der Rosenkranzfeier nachgesprochen und aufgenommen ("Unser Führer ist Christus").
Aus der Sammlung von Prof. Dieman können die Stiftsbesucher auch Bischofsstab, Mitra und Talar von Weihbischof Jacob Weinbacher sehen, der am 8. Oktober 1938 als Sekretär Kardinal Innitzers einem Fenstersturz nur knapp entkommen war. Weinbachers Augenzeugenbericht über die damaligen Ereignisse ist in der Ausstellung in einem Filmausschnitt ebenso zu sehen wie der Bericht des späteren Diözesanbischofs von Graz-Seckau, Josef Schoiswohl. Er war 1938 Domkurat in St. Stephan und hat als solcher die Ereignisse hautnah miterlebt. Schoiswohl wohnte im Curhaus am Stephansplatz unmittelbar neben Domkurat Johannes Krawarik, den die HJ bei ihrem Sturm auf das Curhaus aus dem Fenster stürzte.
Erinnert wird in der Ausstellung zudem an die letzte Fronleichnamsprozession mit Kardinal Innitzer vor dem Zweiten Weltkrieg im Juni 1939, die zu einer "geistigen Demonstration" für Freiheit und Recht wurde. Auch der Angriff von Mitgliedern der Hitlerjugend auf Kardinal Innitzer am 2. Juli 1939 in Königsbrunn am Wagram ist dokumentiert. Der spätere Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym rettete Innitzer laut Augenzeugenberichten damals durch beherztes Eingreifen vor einer HJ-Gruppe, die den Kardinal mit Eiern, Gemüse und Steinen bewarf und ihn tätlich angriff.
"Haben wir aus 1938 gelernt?"
Eröffnet wird die Dokumentationsschau im Prälatensaal des Stiftes am 10. Oktober um 19 Uhr von Propst Prälat Maximilian Fürnsinn. Annemarie Fenzl, die Diözesanarchivarin der Erzdiözese Wien, beginnt dabei mit einem Vortrag zum Thema "Kirche und Nationalsozialismus in Wien, die Rolle von Kardinal Theodor Innitzer und das Verhältnis von Juden und Christen" eine Reihe von drei Bedenkveranstaltungen die, parallel zur Ausstellung stattfinden.
Am 17. Oktober veranschaulicht der Kirchenhistoriker Prof. Maximilian Liebmann bei einem Vortrag im Stift Herzogenburg die Situation der österreichischen Stifte in der NS-Zeit. Den Abschluss der Bedenkveranstaltungen bildet am 24. Oktober um 19 Uhr ein Podiumsgespräch unter dem Titel "Haben wir aus 1938 gelernt?" mit Prof. Dieman, dem Soziologen Leopold Rosenmayr, Dieter Kindermann von der "Kronenzeitung", Kammerschauspieler Prof. Fritz Muliar und dem jungen Augustiner-Chorherrn Petrus Stockinger. (Informationen: Internet: www.stift-herzogenburg.at).






