Hilfe für nicht-arische Katholiken: Innitzers "andere Seite"
Wiener Diözesanarchivarin Fenzl zum März 1938 als auch "kirchlichen Tiefpunkt" - Gründung und Erhaltung der "Hilfsstelle für nicht-arische Katholiken" 1940 war jedoch Zeugnis von großem Mut
27.3.08 (KAP-ID) Der März 1938 ist mit dem "Anschluss" an Hitlerdeutschland nicht nur ein Tiefpunkt in der österreichischen Geschichte, sondern auch in der österreichischen Kirchengeschichte. Das stellte die Wiener Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl im "Kathpress"-Gespräch zu den Ereignissen vor 70 Jahren fest. Aber der ungeschönte Blick auf das damalige Verhalten der Kirchenleitung dürfe nicht nur die "beschämenden" Episoden herausstellen.
Zu den für heutige Generationen kaum nachvollziehbaren Vorgängen zählt die Erklärung der österreichischen Bischöfe vom 18. März 1938, in der ein Ja zum "Anschluss" empfohlen wurde. Anstößig sei vor allem das mit "Heil Hitler" unterfertigte Begleitschreiben zur Erklärung, das vom damaligen Wiener Erzbischof Kardinal Theodor Innitzer unterzeichnet wurde. "Unkommentiert" werfe es auch heute noch ein schlechtes Licht auf die Kirche von damals, so Fenzl.
Adolf Hitler hatte Innitzer bei einem Gespräch am 15. März versichert, die Kirche in Österreich werde Loyalität zum neuen Staat nicht bereuen - laut Einschätzung von Kirchenhistorikern eine bloße Finte, wie auch die spätere Haltung der Nazis gegenüber der Kirche zeige. Dass die Kirchenleitung auf ein "Ja" zu Anschluss einschwenkte, erklärt der Grazer Kirchenhistoriker Prof. Maximilian Liebmann auch mit der allen Bischöfen gemeinsamen Überzeugung, wonach - laut dem heiligen Paulus im Römerbrief - jede staatliche Obrigkeit von Gott eingesetzt sei. Zudem wurde den Bischöfen die "Feierliche Erklärung" vom damaligen Gauleiter Josef Bürckel aufgesetzt, der einen Gegenentwurf der Bischöfe ablehnte. Von Bürckel "beraten", unterschrieb Innitzer das Begleitschreiben handschriftlich mit dem Gruß "< Heil Hitler".
Diese Vorgänge dürfen in einem kirchlichen Beitrag zur Darstellung der Ereignisse der Jahre 1938-45 nicht ausgeklammert werden, so Fenzl. Es dürfe keine Schönfärbung der Geschichte geben. Aber es müsse auch die andere Seite der Medaille der Haltung der Kirche gegenüber den NS-Machthabern beleuchtet werden.
Die Hoffnung auf einen kirchenfreundlichen Kurs des neuen Regimes erfüllte sich nicht. Bald wurden kirchliche Zeitungen und Vereine verboten. Auch das Konkordat wurde aufgehoben. Spätestens mit den antikatholischen Ausschreitungen vom Oktober 1938 war die "Appeasement-Phase" von Seiten der Kirche zu Ende. Innitzer sprach vor Tausenden Jugendlichen im Stephansdom den durchaus politisch gemeinten Satz zu: "Unser Führer ist Jesus Christus!" Verfolgung und Widerstand bestimmten die folgenden Jahre.
"Hilfe ohne Unterschied der Person"
Fenzl erwähnt in diesem Zusammenhang den Hirtenbrief Kardinal Innitzers vom 17. September 1941. Darin sprach er sich - nach der niederträchtigen Verordnung des "Judensterns" - für eine "Liebe ohne Grenzen (...) und Hilfe für alle, die uns Nächste geworden sind, ohne Unterschied der Person" aus.
Zur anderen Seite der Medaille gehöre auch die Tatsache, dass Kardinal Innitzer durch die in seinem Palais im Dezember 1940 eingerichtete "Hilfsstelle für nicht-arische Katholiken" in persönlicher Verantwortung das Leben von jüdischen Menschen gerettet oder wenigstens ihr Schicksal erleichtert habe. Die Gründung und Aufrechterhaltung dieser Einrichtung habe großen Mut erfordert, so die Leiterin des Diözesanarchivs.
Die "Hilfsstelle" kümmerte sich zunächst um die vielen Wiener Katholiken jüdischer Herkunft, die plötzlich völlig entrechtet waren, später aber auch um jüdische Menschen unterschiedlicher Konfession. Der "Stall" im dritten Hof des Erzbischöflichen Palais war für viele Katholiken jüdischer Herkunft in den düsteren Jahren des Zweiten Weltkriegs der einzige Ort in Wien, an dem sie frei atmen konnten.
Mit Ausbruch des Krieges hatte das NS-Regime seine antijüdische Politik verschärfen lassen. Juden - die "nicht-arischen Katholiken" gehörten dazu - durften nur noch innerhalb festgelegter Zeiten ihre Wohnungen verlassen. Auf ihre mit einem "J" gekennzeichneten Lebensmittelmarken erhielten sie viel weniger Nahrungsmittel als die übrige Bevölkerung. Die Hilfsstelle unterstützte sie bei der Besorgung von Nahrungsmitteln und Gegenständen des täglichen Gebrauchs, aber auch bei der Organisation von Arztbesuchen und anderem.
Ein ganz wichtiger Aspekt der Arbeit der "Hilfsstelle" sei zuerst die Hilfe zur Ausreise aus Österreich gewesen, so lange das noch möglich war. "Sie hat geholfen, Geld, Visa und Schiffsplätze zu besorgen. Und da hat auch Kardinal Innitzer persönlich - das kann man den Berichten entnehmen - ganz Großartiges geleistet, einfach indem er Geld aufgetrieben hat." In der damaligen Situation sei das bereits eine Form von Widerstand gewesen, so Fenzl; denn es sei nicht einfach gewesen, Gelder aufzutreiben und sie ins Palais zu schleusen: "Die Gestapo hat das Palais genauestens beäugt, und ein Informant saß sogar in der Portierloge. Aber es gab eben immer wieder Menschen, Katholiken, die sich dies getraut haben und so zu kleinen, stillen Helden geworden sind".
Ab 1941 wurde ein Auswandern ins Ausland völlig unmöglich. Die Todesmaschinerie, die vom Reichssicherheitshauptamt geplant wurde, begann auch für "nicht-arische Katholiken" zu laufen. Ab September 1941 wurde im Deutschen Reich und in weiteren von Deutschen besetzten Gebieten der gelbe Stern als Zwangskennzeichnung für Juden eingeführt. Die Pflicht zum Tragen des "Judensterns" sowie die Erfassung und Kennzeichnung der von Juden bewohnten Häuser und Wohnungen waren bereits vorbereitende Maßnahmen für die Deportationen. Dasselbe gilt für die Anordnung, dass ohne vorherige Zustimmung der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" kein Jude übersiedeln darf.
Innitzers Nein zur Verlegung der Hilfsstelle
Als ab September 1941 viele Menschen, die den "Judenstern" tragen mussten, Hilfe suchend im Wiener Erzbischöflichen Palais ein- und ausgingen, mehrten sich die "kritischen Stimmen", die eine Verlegung der Hilfsstelle wünschten, schildert Fenzl. Doch Kardinal Innitzer entgegnete stets: "Die Hilfsstelle bleibt, und wenn sie mir nochmals das Palais stürmen und zerstören, will ich das gerne auf mich nehmen."
Gertrud Steinitz-Metzler, eine der Mitarbeiterinnen der "Hilfsstelle", hat diesem Werk christlicher Nächstenliebe in ihrem Buch "Heimführen will ich euch von überall her" ein Denkmal gesetzt. Wie Fenzl berichtet, hätten an die 25 Frauen in der "Hilfsstelle" mitgearbeitet: "Die meisten von ihnen waren 'nicht-arische Katholikinnen', die durch Zufall oder durch Information zur Hilfsstelle gekommen sind. Man hat sich in der Hilfsstelle getroffen und dort eine Art 'Fürsorge-Arbeit' geleistet. Wien, insbesondere der 2. Bezirk, war zu dieser Zeit ja eine besondere 'Sammelstelle' für Juden aus ganz Österreich, die hier zusammengezogen und letztlich deportiert wurden. Während dieser Zeit des Abwartens und der Ungewissheit über die eigene Zukunft hat die Hilfsstelle ihre Arbeit geleistet." Die Hilfe umfasste die Besorgung von Nahrungsmitteln und Gegenständen des täglichen Gebrauchs, die Organisation von Arztbesuchen und vieles mehr.
"Zwischen allen Stühlen"
Diesen "nicht-arischen Katholiken" gegenüber hatten "arische Katholiken" meist "ein reserviertes Verhältnis", erinnert Fenzl. Andererseits war diese Opfergruppe durch die Konversion außerhalb des Judentums und der Kultusgemeinde stehend. "Das heißt, die Situation der nicht-arischen Katholiken war wirklich schlimm", betont Fenzl.
Zwischen Februar 1941 und Oktober 1942 fuhren vom Wiener Aspangbahnhof insgesamt 47 Transporte mit etwa 50.000 jüdischen Bürgern zunächst in Ghettos, später in Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten ab. Die zur Deportation bestimmten Personen mussten sich in einem der beiden Wiener Sammellager, die in der Leopoldstadt eingerichtet wurden, einfinden.
Ein großer Teil der deportierten "nicht-arischen" Katholiken musste zuerst nach Theresienstadt. Fenzl: "Die Hilfsstelle hat es sogar geschafft, mit einzelnen Deportierten bis in dieses Lager hinein den Kontakt aufrecht zu erhalten. Auch im Lager selbst haben sich die nicht-arischen Katholiken schnell gefunden, da man sich ja aus der Hilfsstelle kannte. In Wien selbst lief es bei den Deportationen der nicht-arischen Katholiken so ab, dass Kardinal Innitzer und die Mitglieder der Hilfsstelle immer dabei waren, wenn ein Transport abging." Man habe dabei auch Dinge beredet, die heute vielleicht etwas schwer verständlich sind, etwa die Frage, wie man in einer fremden Umgebung ohne Priester so etwas wie Gottesdienst feiern könne. "Das war für viele sehr wichtig", so Fenzl.
Die internierten "nicht-arischen Katholiken" seien mit der Hilfestelle im Erzbischöflichen Palais in brieflichem Kontakt geblieben. "Das Gefühl, nicht ganz vergessen zu sein, war für diese Menschen eine große moralische Unterstützung", so die Leiterin des Diözesanarchivs.
Ilse Aichinger: "Selbstwertgefühl vermittelt"
Unter den Besuchern der "Hilfsstelle für nicht-arische Katholiken" fand sich auch die heute 86-jährige Schriftstellerin Ilse Aichinger. Sie sei in die Hilfsstelle gekommen, "um unter Menschen zu sein, mit denen man reden und sich austauschen konnte und wo man nicht bespitzelt wurde", so Aichinger im Gespräch mit "Kathpress". Die eigentliche Leistung der Hilfsstelle habe ihres Erachtens nach "nicht in materieller Hilfe" bestanden, sondern darin, "den Menschen Selbstwertgefühl zu geben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass ihre Existenz nicht ganz umsonst ist".
Aichinger, die der Hilfsstelle in ihrer Erzählsammlung "Kleist, Moos, Fasane" einen eigenen Text gewidmet hat, würdigt vor allem die Rolle von Jesuitenpater Ludger Born, der von Innitzer mit der Leitung der Hilfsstelle betraut worden war. Seine charismatische Persönlichkeit habe "Hoffnung geschenkt, wo es keine Hoffnung mehr gab". Aichinger: "Er gab den Menschen Selbstwertgefühl und Selbstgewissheit - und letztlich braucht man beides nicht nur zum Leben sondern auch zum Sterben".
Auch Lutheraner und Quäker halfen
Auch die Lutheraner und die Quäker halfen "Nichtariern", die laut "Nürnberger Rassegesetzen" Juden, aber in religiöser Hinsicht Christen oder Bekenntnislose waren. In der Alsergrunder Seegasse war der Stützpunkt der früheren "Schwedischen Gesellschaft für Israel", die von 1920-38 die Judenmission als Aufgabe ansah, nach dem "Anschluss" jedoch die Not der getauften Juden erkannte. Die Einrichtung musste den Namen in "Schwedische Mission Stockholm, Missionsstation Wien" ändern. Die Haupttätigkeit lag bei der Betreuung von Auswanderern, wofür ein eigenes Büro, später sogar eine eigene Kanzlei im Palais Rothschild in der Prinz Eugen-Straße, dem Sitz des Hauptquartiers Adolf Eichmanns, eingerichtet wurde. Über diese Tätigkeit und die Auseinandersetzung mit Eichmann hat Pfarrer Göte Hedenquist im "Christusboten" (Nr. 9, 1963, Seite 133ff.) ausführlich berichtet. Danach konnten mehr als 3.000 Christen jüdischer Abstammung und Juden in den Jahren 1938 bis 1940 ins Ausland gerettet werden.
Die Schwedische Mission betreute fast ausschließlich evangelische Juden und ihre Familienangehörigen. Pfarrer Hedenquist musste im März 1940 Wien verlassen; als sein Nachfolger übernahm Pfarrer Johannes Ivarsson die Leitung, bis die Missionsstation im Sommer 1941 auf Anordnung des NS-Regimes endgültig geschlossen werden musste.
Das Haus Taborstraße 1 in Wien 2 wiederum war Sitz der Quäkerhilfe. Hier wurde 1934-38 verfolgten Sozialdemokraten geholfen, nach 1938 konfessionslosen Juden. Zu dem Zeitpunkt war den Quäkern die Hilfe noch möglich, da ihr Mutterland, die USA, sich noch neutral verhielt.
Mit Kriegseintritt der USA 1941 änderte sich die Lage aber auch für die Quäker. Sie wurden nun unter Anschuldigung des Widerstandes gegen das Regime verhaftet und gefangen gehalten, nicht aber wegen ihrer religiösen Überzeugung. Die Hilfe für Bedürftige und Verfolgte konnte nur mehr aus dem Untergrund organisiert werden.






