1989 habe für viele Länder in Mittel- und Osteuropa einen Neubeginn gebracht, sagte der Generalsekretär des Internationalen Kolpingwerks, Hubert Tintelott, bei der Präsentation der Erklärung in Preßburg (Bratislava). Heute zeige sich aber, dass sich nicht für alle Menschen die Erwartungen von 1989 erfüllt haben. Es gelte nun, sich wieder an beide Dimensionen des christlichen Menschenbildes zu erinnern, so Tintelott: "Freiheit wird oft ausschließlich verstanden als individuelle Freiheit. Freiheit bedeutet aber auch ein Stück Verantwortung für den einzelnen bei der Gestaltung der Gesellschaft".
Konkret werden in der "Erklärung von Bratislava" unter dem Titel "Freiheit verpflichtet - Zukunft verantwortlich gestalten" vier Themenbereiche angesprochen: In der Arbeitswelt will das Kolpingwerk dafür eintreten, Grundprinzipien für eine menschenwürdige Arbeit durchzusetzen. Zweiter Punkt ist die Stärkung der Familie als Grundzelle der Gesellschaft. Gleichzeitig sieht Kolping auch eine besondere Aufgabe in der Begleitung Alleinerziehender und von Menschen aus zerbrochenen Familien. Angesichts des zunehmenden Einflusses populistischer und demokratiefeindlicher Kräfte möchte der katholische Verband seine Mitglieder noch stärker zu aktivem demokratischen Handeln und der Übernahme politischer Verantwortung motivieren.
Vierter Bereich ist das Themenfeld internationale Solidarität. Durch eine verstärkte Entwicklungszusammenarbeit müssten "an den Rand gedrängten Völkern" neue Perspektiven eröffnet werden.
Europa darf keine Festung werden
Tintelott: "Wir wollen nicht, dass Europa eine Festung wird, sondern dass Europa offen bleibt für die Welt". Fragen von Asyl und Migration müssten daher gelöst werden, gleichzeitig müsse Europa aber auch seine Verantwortung für das weltweite Gemeinwohl wahrnehmen. Dazu gehöre auch, die Ursachen der Wanderungsbewegungen zu überwinden.
Der slowakische Ex-Premierminister Jan Carnogursky appellierte in seiner Festrede, auch angesichts der aktuellen Krisen die Hoffnung auf eine positive Gestaltung der europäischen Zukunft nicht aufzugeben. Heute würden nicht mehr autoritär geführte Staaten die Bürger gefährden, sondern unverantwortlich handelnde Privatunternehmen, sagte Carnogursky. Diese schweren Probleme könnten aber gelöst werden: "Sie sind nichts im Vergleich zur Situation, als in Berlin-Friedrichstraße amerikanische und sowjetische Panzer einander gegenüberstanden".
"Man muss auch heute 'arbeiten, beten und träumen'", sagte der slowakische Politiker, der einer der Begründer der christlichen Demokratiebewegung in seinem Land war. Auch der Traum vom Fall der Grenzen in Europa habe sich schlussendlich erfüllt.
Erfolgreiche Aufbauarbeit
Am Kolping-Kongress in der slowakischen Hauptstadt nahmen in den vergangenen drei Tagen 220 Delegierte aus 19 Ländern Europas teil. Im "Kathpress"-Gespräch freute sich Generalsekretär Tintelott über die bisherige Aufbauarbeit von "Kolping" in den Reformstaaten. In Mittel- und Osteuropa gebe es heute mehr als 10.000 Mitglieder in 400 neuen Kolpingfamilien. "In einigen dieser Ländern ist 'Kolping' wieder lebendiger Teil der Zivilgesellschaft", so Tintelott. Der katholische Sozialverband hat in vielen Ländern gesellschaftliche Aufgaben in der Jugend- und Familienarbeit sowie der beruflichen Bildung und Sozialarbeit übernommen.
Für den Bundesvorsitzenden des deutschen Kolpingwerks, den CDU-Bundestagsabgeordneten Thomas Dörflinger, ist das 20-Jahr-Gedenken des Falls des Eisernen Vorhangs auch Anlass, über die bisherige Entwicklung nachzudenken. Die in diesen Tagen besonders präsenten Bilder von 1989 riefen vieles in das Gedächtnis zurück, das bereits in Gefahr stand, vergessen zu werden, so Dörflinger im "Kathpress"-Interview. Das deutsche Kolpingwerk stelle sich in diesen Tagen aber auch der Verpflichtung, "über die Frage nachzudenken, was an Einheit noch gestaltbar ist und in den kommenden 20 bis 25 Jahren gestaltet werden muss". Zentral seien hier die Probleme in der Arbeitswelt, so Dörflinger. Das Kolpingwerk wolle hier auf Europa-Ebene für Mindeststandards zugunsten der Arbeitnehmer eintreten.
In den neuen deutschen Bundesländer sei es bisher erst in Ansätzen gelungen, verbandliche Strukturen zu entwickeln, stellte Dörflinger fest. Dieser Befund gelte nicht nur für das Kolpingwerk, sondern auch allgemein für Akteure der gesellschaftspolitischen Ebene. Hier zu reüssieren, sei wichtig für das Gelingen von Einheit. Dörflinger: "Die Geschichte zeigt: Wo vernünftige bürgerschaftliche und ehrenamtliche Strukturen herrschen, sind die Einwohner weniger empfänglich für extremistische Botschaften".
Jugend baut Europa
Am Kolping-Kongress in Preßburg nahmen auch zahlreiche junge Delegierte des Sozialverbandes aus ganz Europa teil. Besonders wichtig sei der Jugend in den Gesprächen das Thema Bildungsmobilität gewesen, berichtete die österreichische Kolping-Präsidentin Christine Leopold im "Kathpress"-Gespräch. "Es fasziniert mich immer wieder, wie ernsthaft sich die Jugend mit dem Thema 'Ost-West' und der Entwicklung der Länder im gemeinsamen Europa auseinandersetzen", so Christine Leopold, die u.a. mit Kolping-Ehrenpräses Ludwig Zack und Bundespräses Dechant Gerald Gump nach Bratislava gekommen war.
Im Interview erinnerte Leopold auch an die zahlreichen Kolping-Kontakte zwischen Ost und West, die teils bereits vor 1989 von Österreich aus geknüpft wurden. Bis heute gebe es etwa Partnerschaften einzelner Kolpingfamilien, die bis nach Moldawien und Rumänien reichen. Ziel sei, so Leopold, "auch in Zukunft die Solidarität mit unseren Nachbarn in einem vereinten Europa durch Partnerschaften auf gleicher Augenhöhe immer wieder zu praktizieren".
Das Kolpingwerk wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom Kölner Priester Adolph Kolping gegründet. Der Sozialverband ist heute weltweit in mehr als 60 Ländern mit rund einer halben Million Mitglieder vertreten. Der Verband gliedert sich in örtliche Gruppen, die sogenannten Kolpingfamilien. Sie wiederum sind in Diözesan- und Nationalverbänden zusammengefasst. Zur Zeit gibt es etwa 5.000 Kolpingfamilien weltweit.






