Der Kardinal wandte sich unter Berufung auf neue Forschungsergebnisse gegen eine Interpretation des Mauerfalls als eine "protestantische Revolution". Es sei eine breite Bürgerbewegung gewesen, die die Freiheit erkämpft habe. Lehmann machte zugleich deutlich, dass die evangelische Kirche mit ihren Friedensgebeten und ihrem Eintreten für Gewaltlosigkeit eine bedeutende Rolle bei den Ereignissen gespielt habe. Zugleich hätten auch ökumenische Initiativen wie die Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (1988 bis 1989) dazu beigetragen, dass DDR-Bürger unter dem Schutz der Kirchen demokratische Spielregeln einüben und ihr Verlangen nach Freiheit formulieren konnten.
Mit Blick auf die katholische Kirche in der DDR sagte der Kardinal, sie sei als "eine Minderheit in der christlichen Minderheit" insgesamt einigermaßen intakt geblieben und habe trotz der repressiven Kirchenpolitik der SED eine "Art von Gegenwelt" ausbilden können. In Nischen wie der Katechese, der Caritas und den kirchlichen Krankenhäusern habe sie ihr Leben freier gestalten können. "Man darf trotz einiger Missgriffe und persönlicher Verfehlungen sagen, dass dem Ministerium für Staatssicherheit kein großer Einfluss auf den Weg der katholischen Kirche in der DDR gelungen ist", fügte er hinzu.
Zugleich sei das Verhältnis zu den Machthabern lange von einer "politischen Abstinenz" oder "loyalen Distanz" geprägt gewesen, sagte der Kardinal. Schon um die Einheit der Diözese Berlin zu erhalten, sei die Kirche an einer Art "friedlicher und gedeihlicher Zusammenarbeit" interessiert gewesen. Anders als die weitaus größere evangelische Kirche habe sie einer frontalen Auseinandersetzung mit den atheistischen Machthabern leichter ausweichen können. Das bedeutete nach Darstellung des langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz allerdings keine Sprachlosigkeit. So hätten sich die katholischen Bischöfe 1972 zur Abtreibungsgesetzgebung, 1974 zum sozialistischen Bildungssystem und 1981 zur Jugendweihe öffentlich geäußert.






