1967 hatte bereits das damalige sowjetische Staatsoberhaupt Nikolai Podgornyj Paul VI. bei einer Privataudienz die Aufwartung gemacht. Doch anders als Gorbatschow stand Podgornyj nur formell an der Spitze der UdSSR; die tatsächliche Herrschaft im Kreml übte damals der "Generalsekretär" der Kommunistischen Partei, Leonid Breschnjew, aus.
Die Begegnung zwischen Johannes Paul II. und Gorbatschow war nach amtlicher Sprachregelung ein "offizieller Besuch", mehr als eine Privataudienz also und weniger als ein Staatsbesuch. Schließlich unterhielten die UdSSR und der Heilige Stuhl keine diplomatischen Beziehungen. Entsprechend unspektakulär fiel die Begrüßung aus: Hammer und Sichel und Tiara wehten jedenfalls nicht gemeinsam im römischen Wind. Der fehlende protokollarische Pomp tat der historischen Bedeutung der Begegnung jedoch keinen Abbruch.
Sieben Jahrzehnte waren Christen in der Sowjetunion gewaltsam unterdrückt und verfolgt worden. Nun erwies der oberste Repräsentant dieser militant atheistischen Ideologie einem Papst die Reverenz, der nicht müde wurde, den Kommunismus zu geißeln. Und mehr noch: Gorbatschow schüttelte einem Papst die Hand, der offen die polnische Gewerkschaft "Solidarnosc" in ihrem Aufbegehren gegen die Warschauer KP-Führung unterstützt und so zur Auflösung der kommunistischen Machtstrukturen beigetragen hatte.
Es war kein Zufall, dass es ausgerechnet im Dezember 1989 zwischen Johannes Paul II. und Gorbatschow zu einem Gespräch in der päpstlichen Privatbibliothek kam. Die politische Nachkriegsordnung war aus den Fugen geraten: Der Eiserne Vorhang bestand nicht mehr. Der "Ostblock" befand sich in Auflösung, auch in der "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken" machten Gorbatschow die zentrifugalen Tendenzen schwer zu schaffen.
In dieser angespannten Lage kam es für den Kreml-Chef auch auf die Unterstützung durch die "Divisionen des Papstes" an: die 13,5 Millionen Katholiken in der UdSSR. Der Heilige Stuhl forderte für diese Minderheit - aber auch für alle anderen Christen und an Gott Glaubenden - seit langem Religionsfreiheit von den Moskauer Machthabern. Erste Fortschritte hatte man nach Gorbatschows Machtübernahme 1985 schon erreicht: Im März und Juli 1989 etwa konnte Johannes Paul II. katholische Bischöfe für die Sowjetrepubliken Litauen und Weißrussland ernennen.
Nach dem 75-minütigen Gespräch - die Erleichterung stand Gastgeber und Gast auf die Stirn geschrieben - kündigte Gorbatschow an, sein Land werde in Kürze ein Gesetz über die Gewissens- und Religionsfreiheit erlassen. Ein Jahr später trat es in Kraft; nach zwölf weiteren Monaten löste sich die Sowjetunion auf. Zwischen Gorbatschow und Johannes Paul II. entwickelten sich in den folgenden Jahren freundschaftliche Kontakte. Der Staatsmann wurde regelmäßiger Gast im Vatikan.
Bis heute nur zum Teil verwirklicht ist ein Vorhaben, das der Kreml-Chef damals erwähnte: Eine Papstreise in die seinerzeitige Sowjetunion. Johannes Paul II. besuchte später mehrere der selbstständig gewordenen früheren Teilrepubliken der UdSSR; nach Moskau kam er jedoch nicht.






