Wien, 05.06.2009 (KAP) "Mitgestalten und mitbestimmen kann man nur, wenn man drin bleibt - das gilt für die Kirche genauso wie für andere Organisationen": Auf diesen Nenner brachte Wissenschaftsminister Johannes Hahn in der Wiener Franziskanerkirche die Überzeugung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer "Lange Nacht der Kirchen"-Diskussionsrunde zum Thema Kirchenaustritt. Ein Kirchenaustritt sei ein untaugliches Mittel, um Einfluss zu nehmen und verpufft auch als Unmutsäußerung schnell, so der Tenor der Veranstaltung in der Wiener Franziskanerkirche. Mit dem Minister und Wiener ÖVP-Obmann am Podium: Josef Weiss, der Leiter der Abteilung Kirchenbeitrag in der Finanzkammer der Erzdiözese Wien, Hans Peter Hurka von der Plattform "Wir sind Kirche", Stefan Bazalka von der Katholischen Jugend, die Salvatorianerin Sr. Melanie Wolfers, die evangelische Pfarrerin Elisabeth Kluge und "Gastgeber" P. Gottfried Wegleitner OFM, der Guardian des Wiener Franziskanerklosters. Johannes Hahn berichtete über seinen Kirchenaustritt Ende der achtziger Jahre als Konsequenz aus seinem damaligen "Taufscheinchristentum" ohne besondere Berührungspunkte zur Kirche; eine beträchtliche Kirchenbeitragsvorschreibung habe damals den Anstoß gegeben, der Kirche den Rücken zu kehren. Mit diesem Zustand sei er aber nie wirklich zufrieden gewesen, so Hahn, erst recht nicht nach der Geburt seines Sohnes, als sich ihm vermehrt Fragen nach Gott und dem Sinn des Lebens gestellt hätten. Die geglückte religiöse Sozialisation seines Sohnes habe schließlich den Weg zur Rückkehr in die Kirche geebnet. Jetzt fühle er sich in der Kirche wohl, Strukturdebatten tangierten ihn dabei kaum, sagte der Minister: "Vielleicht ist es eine Alterserscheinung, aber ich finde immer mehr zu meinem kindlichen Glauben zurück." Hahn billigte der Kirche als einer Gemeinschaft, die seit 2.000 Jahren besteht, eine große innere Kraft zu. Viel entscheidender als die äußere Gestalt der Kirche wäre es, diese Kraft gesellschaftlich zur Wirkung zu bringen, denn "das Christentum ist für das Funktionieren der Gesellschaft sehr wichtig". "Ohne Geld ka Musi": Dieser Wiener Spruch trifft laut Josef Weiss auch auf die Kirche zu. Die Kirche sei "kein Sparverein" und hänge nicht vom Geld ab, aber bei geringer werdenden Mitteln könnten viele für die Gesellschaft wertvolle Dienste und Investitionen nicht getätigt werden. Weiss gestand zu, dass der Gedanke, mit dem Zudrehen des Geldhahns Einfluss auf den Kirchenkurs zu nehmen, nahe liege - aber dieser Schritt sei kein taugliches Mittel. Oft führe gerade ein Kirchenaustritt zu verhärteten Fronten. "Unzeitgemäße" Strukturen verstellen laut Hans Peter Hurka den Blick vieler auf das Wesentliche des Christentums. Die Plattform "Wir sind Kirche" habe nach den jüngsten Turbulenzen um die Lefebvrianer und die dann zurückgenommene Ernennung eines Linzer Weihbischofs das Treuhandkonto "Esperanza" eingerichtet, auf dem Austrittswillige ihren Kirchenbeitrag "parken" und so ihrem Unmut gegen Missstände Ausdruck verleihen könnten. KJ will "Auftreten statt austreten" Ärger über römische Entscheidungen sei auch der Anlass für die Aufsehen erregende T-Shirt-Aktion der Katholischen Jugend mit dem Slogan "Auftreten statt austreten" gewesen, erzählte Stefan Bazalka. Er wünschte sich Freiräume für jugendgemäße Ausdrucksweisen des Glaubens und für die Vielfalt des Kircheseins. Eine Kluft zwischen der Kirche und der modernen Lebenswelt, die sich z.B. in einer unterschiedlichen Sprache äußere, ortete auch Sr. Melanie Wolfers. Ohne von ihrem Grundauftrag abzurücken, die Menschen mit Gott in Verbindung zu bringen, müsse die Kirche doch auf jeweilige Zeitumstände eingehen. Pfarrerin Elisabeth Kluge beobachtet heute die verbreitete Mentalität, nach dem zu fragen, "was mir die Kirche bringt". Neben dem Solidaritätsschwund gebe es auch einen deutlichen Mangel an Ansprechbarkeit für Transzendenz, die letztlich zur Distanzierung von den Kirchen führe. Er sei rund um Sakramentenempfang immer öfter mit "Kirchenfernen" konfrontiert, die jedoch durchaus ansprechbar für "letzte Fragen" sind, erzählte P. Wegleitner. Die Zukunft der Kirche hänge letztlich nicht von Strukturfragen ab, sondern vom Glauben.






