Wien, 06.06.2009 (KAP) Die Christen sind dazu aufgerufen, ein wesentlicher "Motor der Gesellschaft" zu sein und - auch bei sinkenden Mitgliedszahlen -"kraftvoll und selbstbewusst in die Öffentlichkeit hinein wirken". Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn bei einer Diskussion mit dem Politologen Prof. Anton Pelinka in der Wiener Kalvarienbergkirche im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen". Christen hätten heute die Aufgabe, sich als "Kontrastgesellschaft in einer Mehrheitsgesellschaft" neu zu definieren. So könnten sie eine wichtige neue Perspektive in die gesellschaftlichen Diskurse sowie in die Politik einbringen, indem sie das Leben "im Horizont der Geschichte Gottes mit den Menschen" sehen. Diese Perspektive schütze die Christen vor einem "hedonistischen Individualismus", der "das Leben ohne Rücksicht auf Verluste ausquetscht bis zum Letzten". Der Politologe Prof Anton Pelinka hingegen betrachtet die öffentliche Rolle der Christen mit größerer Skepsis. Insbesondere durch die Ausrichtung auf die Vorstellung vom ewigen Leben betreibe das Christentum laut Pelinka eine "Entpolitisierung", da es den innerweltlichen Handlungsdruck reduziere. Gegen Instrumentalisierung von Religion Prof. Pelinka warnte außerdem vor einer politischen Instrumentalisierung von Religion, wie dies im aktuellen EU-Wahlkampf zu beobachten sei. Die USA könnten als positives Beispiel eines "entspannteren Umgangs mit Religion in der Öffentlichkeit" angesehen werden. Während in Europa Religion manipulativ als politischer Kampfbegriff verwendet werde, gebe es in den USA eine "authentischere" Verbindung von persönlichem Glaubenszeugnis und politischem Engagement, so Pelinka. Einig waren Kardinal Schönborn und Prof. Pelinka im Hinblick auf die Herausforderung, die durch den demografischen Wandel in Europa entstanden ist. Pelinka mahnte aber angesichts der vereinzelt geäußerten These eines überproportionalen Zuwachses der Muslime zu größerer Gelassenheit. Eine politisch demoralisierte und von Perspektivlosigkeit bedrohte Jugend stelle aber ein Phänomen dar, dem Kirchen wie Politik in gleichem Maße ratlos gegenüber stünden. Kardinal Schönborn rief in diesem Zusammenhang dazu auf, die "Netzwerke der Solidarität" zu erhalten, die gerade die Kirche durch ihre zahlreichen Pfarrgemeinden und sonstigen Einrichtungen errichtet hat. Diese "Netzwerke" leisten gerade in Krisenzeiten auch für die Gesellschaft einen enormen Dienst, "für den wir eigentlich auch einmal Dank von Seiten der Öffentlichkeit erwarten können", sagte der Wiener Erzbischof. Mit Sorge betrachte er darüber hinaus, dass man angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise den Sozialstaat durch Rettungspakete überlaste und den nächsten Generationen ein kaum zu schulterndes Schuldenproblem weiterreiche. In diesem Zusammenhang erinnerte Kardinal Schönborn an die Prinzipien der katholischen Soziallehre. Diese seien zwar kein Garant für eine krisenfeste Wirtschaft, sie würden aber - so Kardinal Schönborn unter Verweis auf die Sozialenzyklika "Centesimus Annus" von Johannes Paul II. - anstelle eines "hemmungslosen Turbokapitalismus" ein Modell der sozialen Marktwirtschaft einfordern. Die Enzyklika "Centesimus annus" habe prophetische Kraft. Angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise ist die "Zeit zum Umdenken und Teilen gekommen". Das betonte der frühere Bundeskanzler Alfred Gusenbauer bei der "Langen Nacht der Kirchen" in der Herz Jesu-Kirche in Ternitz. Das Europa der Zukunft müsse eine betont soziale Union sein, um den kommenden Herausforderungen begegnen zu können. Soziale Gerechtigkeit sei nicht nur ein ethisches Prinzip, sondern darüber hinaus auch "wirtschaftlich vernünftig", so der Altkanzler. Schließlich sei soziale Gerechtigkeit auch die unabdingbare Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Europa habe in allen diesen Aspekten die Möglichkeit, eine Vorreiterrolle zu spielen, betonte Gusenbauer. Es müsse stabile soziale Verhältnisse im Inneren schaffen und zugleich Solidarität mit ärmeren Regionen der Welt üben. So wie in den Jahren nach den Zweiten Weltkrieg der Wohlstand in Europa wuchs, müsse dies auch in anderen Ländern der Welt möglich sein. Gusenbauer wollte die derzeitige Krise - "bei der wir erst am Anfang stehen" - auch als Chance sehen, neue Umwelttechnologien voranzutreiben, die etwa einen effizienteren Umgang mit Energie ermöglichen. Das Ende eines "Wirtschaftens auf dem Rücken der Natur" sei absehbar, so der frühere Regierungschef. Das sei aber kein Rückschritt, die neue Technik würde vielmehr einen wesentlichen Fortschritt bedeuten. Zuletzt stellte Gusenbauer auch Werte wie Verantwortung, Solidarität und Mitgefühl ins Zentrum seiner Überlegungen. Die aktuelle Wirtschaftskrise mache deren Bedeutung im Vergleich zu materiellen Werten deutlich. Solidarität mit den Ärmsten in Afrika Die Solidarität der österreichischen Katholiken mit ihren Glaubensgeschwistern in Afrika stand im Mittelpunkt der "Lange Nacht"-Präsentationen der Päpstlichen Missionswerke ("Missio"- Austria). Mehrere hundert Menschen kamen in Wien zum Vortrag von Abbe Evariste Nambaje, der die seit 20 Jahren bestehende Partnerschaft der Pfarre Graz-Karlau mit der ruandesischen Pfarre Cyangugu vorstellte. Aus der anfänglichen Partnerschaft hat sich mittlerweile ein großes Hilfswerk entwickelt. Von dem grausam geführten Bürgerkrieg, in dem 1994 binnen weniger Monate 800.000 Menschen ihr Leben lassen mussten, wurde auch Cyangugu schwer betroffen. Nicht nur Kirchen, Pfarrhöfe, Schulen und andere Einrichtungen wurden zerstört, sondern auch Pfarrbewohner wurden zu tausenden ermordet. Allein in der Pfarrkirche fielen 6.000 Menschen, die sich dort in Sicherheit wähnten, dem Greuel des Terrors zum Opfer. Heute bemühe sich die Kirche, die Menschen miteinander zu versöhnen, schilderte der ruandesische Abbe. Eine dringende Voraussetzung sei die Wiederherstellung der kirchlichen Infrastruktur, so Nambaje. In seiner großer Pfarrgemeinde leben 32.000 Katholiken. Neben der Pfarrkirche existieren mehrere Filialkirchen, von denen die meisten mit steirischer Hilfe saniert oder neu gebaut wurden. Kirchen und Pfarrhöfe werden als Versammlungsräume instand gesetzt oder neu errichtet; Schulen werden wieder aufgebaut und Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche geschaffen. Als Konsequenz von Bürgerkrieg, Terror und AIDS-Epidemie sind viele Kinder und Jugendliche Vollwaisen. Aber auch 850 Witwen in dieser Pfarrgemeinde müssen nun ohne Familienerhalter für ihre Kinder sorgen. Staatliche Unterstützungen gibt es nicht. Für die Witwen und ärmsten Familien wurden mit Unterstützung der Katholiken aus Österreich 160 Häuser gebaut, berichtete Abbe Evariste. Zentrales Projekt sei derzeit ein Evangelisierungzentrum, das auch ein "Ort für Gerechtigkeit und für Gebet" werden soll.
"Netzwerke der Solidarität erhalten"
Alfred Gusenbauer: "Umdenken und Teilen"






