Wien, 06.06.2009 (KAP) Eine Annäherung zwischen den christlichen Kirchen in ihrem Amtsverständnis wird noch ein langwieriges Stück ökumenischer Arbeit. Das wurde bei einer Diskussion während der "Langen Nacht der Kirchen" am Freitagabend an der Theologischen Fakultät der Universität Wien deutlich. An der Diskussion nahmen der Wiener katholische Ostkirchenexperte Prof. Rudolf Prokschi, der katholische Kirchenrechtler Prof. Ludger Müller, der evangelische Oberkirchenrat Prof. Raoul Kneucker und der evangelische Neutestamentler Prof. Wilhelm Pratscher teil. Die Schwierigkeiten liegen dabei aber weniger in der Definition der grundsätzlichen Aufgaben der kirchlichen Ämter und deren theologischer und kirchengeschichtlicher Herleitung, so der Tenor der Diskussion. Hier sei in den vergangenen Jahrzehnten bereits einiges aufgearbeitet worden. Die praktischen Ausprägungen und die auch innerhalb einzelner Kirchen vorhandenen unterschiedlichen Traditionen verstellten aber vielfach den Blick auf das Gemeinsame. Müller wies darauf hin, dass auf katholischer Seite das Zweite Vatikanische Konzil und in der Folge das Kirchenrecht in der Neufassung von 1983 nicht mehr von einer "Gegenüberstellung" von Priestern und Laien ausgehe, sondern von einem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen. Es gebe viele "Ämter", für bestimmte - Diakon, Priester und Bischof - sei die sakramentale Weihe Voraussetzung. Zudem habe, wie Müller hervorhob, das Konzil die "wahre Gleichheit unter allen Christgläubigen" betont. Die besondere Verantwortung der geweihten Amtsträger entbinde die "Laien" daher nicht davon, ihre Aufgaben wahrzunehmen; das Konzil wollte keine "Versorgungsmentalität", so der Kirchenrechts-Ordinarius. Der Neutestamentler Prascher wies darauf hin, dass sich im ersten christlichen Jahrhundert eine Ämterstruktur erst langsam herausgebildet habe. Deutlich sei der Übergang von den "Aposteln, Propheten und Evangelisten" zu den "Hirten und Lehrern". Im ersten Jahrhundert sei der Unterschied zwischen "Episkopos" und "Presbyter" nicht immer eindeutig, zudem hätten diese Amtsträger oft ein Legitimationsproblem gegenüber "Charismatikern". Im zweiten Jahrhundert deute sich dann aber bereits das Modell einer "apostolischen Sukzession" an. Und Ignatius von Antiochien unterscheide bereits zwischen dem Bischof und mehreren ihm zugeordneten Priestern. Prascher wies aber auch auf die Spannung und das Korrektiv hin, die sich für jedes kirchliche Leitungsamt aus den Evangelien ergeben, wenn es dort heißt, der Erste solle der "Diener aller sein" oder wenn Jesus sagt: "Ich bin euer Meister, ihr alle aber seid Brüder". Laut Einschätzung von Prof. Prokschi sehen die orthodoxen und altorientalischen Christen ihre Bischöfe und Priester in einem klaren Traditionsstrom von Jesus über die Apostel bis herauf zum heutigen Tag. Diese Sicht sei von den meisten nicht im Detail reflektiert, aber selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich sei für sie, dass Verheiratete zu Priestern geweiht werden. Das Weiheamt leite sich aus der sakramentalen Natur und Struktur der Kirche ab. Insgesamt seien die katholische und die orthodoxe Amtsauffassung nicht sehr weit voneinander entfernt, so die Einschätzung des Ostkirchenexperten. Der evangelische Oberkirchenrat Kneucker erinnerte an Aussagen der "Confessio Augustana", wonach "Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben hat". Sie spricht auch von der "einen, heiligen christlichen Kirche" als "Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden". Die evangelische Kirche kenne Amt und Ordination, es gelte aber auch die "Barmer Erklärung" von 1934, wonach die verschiedenen Ämter in der Kirche "keine Herrschaft der einen über die anderen" begründen, sondern "Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes sind". Ohne Ehrenamtliche würde die evangelische Kirche nicht funktionieren. Kneucker berichtete weiter, dass in der Praxis die Auffassung zwischen den evangelischen Geistlichen über ihr Amt oft stark differiere. Manche sähen sich nur "als theologisch gebildete Mitglieder der Gemeinde" und der Bischof sei "der erste Pfarrer".






