4.9.06 (katholisch.at) Dass die Evolutionstheorie durchaus mit dem Schöpfungsglauben vereinbar sei, strich der Wiener Chemiker und designierte Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Peter Schuster, am Wochenende bei seinem Hauptreferat in Castel Gandolfo heraus. Wie er im Gespräch mit Kathpress erklärte, habe er in seinem Referat vor Papst Benedikt XVI. und seinem Schülerkreis den gegenwärtigen Stand der naturwissenschaftlichen Beschäftigung mit der Evolutionstheorie dargelegt, die bei der Frage nach der Entstehung des Lebens auf der Erde in einem "schmalen Korridor an Möglichkeiten" münde, in dem auch die Idee der Schöpfung denkbar erscheine.
"Eine Theorie vom Rang der Newtonschen Mechanik"
Dennoch widerspreche die Idee einer Schöpfung nicht der Evolutionstheorie, so Schuster. Vielmehr müsse die Evolutionstheorie heute als eine Theorie "vom gleich Rang wie die Newtonsche Mechanik oder die Quantentheorie" gesehen werden, insofern sie experimentell überprüfbar sei. Dabei verwies der Chemiker auf die von ihm durchgeführten Computersimulationen auf der Basis von molekularen Evolutionsprozessen.
Weiters sei man durch Vergleiche der Ergebnisse der molekularen Experimente mit den paläobiologischen Fossilienfunden und den auf ihnen aufbauenden Evolutionsschemata zu den gleichen Ergebnissen gekommen. So habe man auf dem Niveau moderner, durch Computersimulationen gestützter Naturwissenschaften kontrollieren können, was die Paläobiologie zuvor auf der Basis der Fossilfunde rekonstruierte.
Idee der Schöpfung "sehr überzeugend"
Wie die von ihm verteidigte Evolutionstheorie und die Schöpfungsidee zusammengedacht werden könnten, verdeutlichte der Wissenschaftler durch die Erläuterung des "schmalen Korridors von Möglichkeiten": Wenn man nämlich die physikalischen Naturgesetze mit ihren zahlreichen Konstanten und Werten nur ein wenig verändere, "so sieht die Welt gleich ganz anders aus". Als Beispiel nannte Schuster, dass es kein Wasser und damit kein Leben auf der Erde gäbe, wenn die Erde nur ein wenig anders im Sonnensystem plaziert wäre. "Unser Leben", so der Naturwissenschaftler, sei daher "nur durch einen schmalen Korridor von Möglichkeiten" möglich geworden. Wenn jemand diesen Korridor als "Schöpfung" bezeichne, so Schuster, so halte er dies "für sehr überzeugend".
Dennoch, so stellte er klar, "erkennen wir in unseren Experimenten selbst nicht die Eingriffe des Schöpfers". So laufe die Welt in ihren Naturgesetzlichkeiten vielmehr selbstätig ab, was jedoch nicht bedeute, "dass der Gesamtplan nicht doch einer Schöpfung entspricht".
Zum Diskussionsverlauf auf Castel Gandolfo sagte der Chemiker, er "höre sich das ganze sehr gerne an", obwohl es für ihn "eine andere Welt zu denken" sei. Schuster zeigte sich "sehr beeindruckt" über die konkreten Nachfragen der Seminarteilnehmer und über das Interesse und das Fachwissen, was Papst Benedikt XVI. der komplexen biochemischen Theoriebildung gegenüber zeigte.
"Evolutionismus ist nicht das selbe wie Evolutionstheorie"
Zum von Kardinal Schönborn erhobenen Vorwurf einer ideologieähnlichen Aufwertung der Evolutionstheorie merkte Schuster an, dass "Evolutionismus nicht das selbe ist wie die Evolutionstheorie". Ideologischer Evolutionismus entstehe vielmehr immer dort, wo die Evolutionstheorie politisch oder gesellschaftlich funktionalisiert werde, "wie z.B. im Sozialdarwinismus". In diesen Fällen sei der Ideologievorwurf gerechtfertigt, nicht jedoch, wo es um die reine Wissenschaft gehe, so Schuster. Dort lasse er den Vorwurf Kardinal Schönborns "nicht gelten". Wenn man von einer Ideologie sprechen wolle, so gebe es "höchstens eine Ideologie der Überprüfbarkeit", so Schuster, die den Naturwissenschaftler dazu zwinge, seine Ergebnisse stets nachvollziebar darzulegen.






