Bartholomaios I. und türkischer Botschafter Yenel bekräftigen Wunsch nach EU-Beitritt der Türkei und Chancen des Reformprozesses im Land
Wien, 15.3.07 (KAP) Die Hoffnung auf einen EU-Beitritt der Türkei und die Chancen des damit verbundenen Reformprozesses im Land selbst haben der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantionpel und der türkische Botschafter in Wien, Selim Yenel, bei einer Begegnung am Donnerstagabend in Wien unterstrichen. Das Patriarchat unterstütze die europäische Perspektive seiner türkischen Heimat von ganzem Herzen, sagte Bartholomaios bei einem Essen, das der türkische Botschafter für den Patriarchen gab. Er sei davon überzeugt, dass der angestrebte EU-Beitritt es auch leichter machen werde, die noch bestehenden Probleme zwischen der türkischen Führung und dem Patriarchat zu lösen.
Unter anderem verwies Bartholomaios einmal mehr auf die fehlende Möglichkeit des Patriarchats, in der Türkei orthodoxe Theologen auszubilden (die Theologische Hochschule von Chalki wurde 1971 von den Behörden geschlossen) sowie auf nach wie vor ungelöste Eigentumsfragen zwischen Kirche und Staat. Der Patriarch unterstrich aber gleichzeitig, dass die Freiheit der Religionsausübung in der Türkei im Grunde gesichert sei, und dafür sei er dankbar. "Wir haben Probleme, aber auch Hoffnung", so Bartholomaios.
Er berichtete weiter, dass er nach seiner Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg im Jänner dieses Jahres die Möglichkeit gehabt hätte, bei einem vom dortigen türkischen Botschafter gegebenen Essen mit einer größeren Anzahl von türkischen Abgeordneten zusammenzutreffen. Dabei sei einmal mehr deutlich geworden, wie viele Informationsdefizite es selbst bei Parlamentarien über Aufgabe und Wirken des Patriarchats gebe. Man habe sich daher vorgenommen, das Gespräch im eigenen Land weiterzuführen. Dies zeige, so Bartholomaios, dass wie dringlich der noch ausstehende offene und vertrauensvolle Dialog mit den religiösen Minderheiten des Landes sei.
Bartholomaios bat den Botschafter als "Vertreter meines Landes", dem türkischen Außenministerium diesen dringenden Wunsch nach Dialog weiterzugeben (es gehört zu den nach wie vor bestehenden Besonderheiten in der Türkei, dass für das Patriarchat das türkische Außenministerium zuständig ist). Nachdrücklich betonte der Patriarch seine Liebe zu seiner türkischen Heimat, in der er geboren wurde, in der er leben dürfe und in der er auch sterben wolle. Das Patriarchat habe eine lange Geschichte und Tradition und sei tief mit der Stadt Istanbul verbunden, in der sich auf großartige Weise Asien und Europa, Islam und Christentum, Ost und West treffen - und die im Jahr 2010 auch Kulturhauptstadt Europas sein werde.
Er werde nicht müde werden, den EU-Europäern zu sagen, dass religiöse Unterschiede - etwa zwischen Christentum und Islam - kein Hindernis für eine Zusammengehörigkeit im künftigen Europa seien und sein dürften, hob der Patriarch hervor.
EU-Angleichung und Religion
Botschafter Yenel stellte fest, der laufende Reformprozess in der Türkei habe die politische und soziale Landschaft verändert und werde "unvermindert fortgesetzt". Ein Großteil der Gesetze, die für eine EU-Angleichung notwendig sind, sei bereits verabschiedet; nun werde an deren Umsetzung gearbeitet. Obwohl schon eine Menge erreicht worden sei, "müssen wir noch viel tun", so der Diplomat. Die Türkei sei derzeit "auf dem Weg zum EU-Beitritt". Man könne das Ergebnis der Beitrittsverhandlungen nicht vorbestimmen, man sollte dem Bemühen aber "eine Chance auf Erfolg" geben.
Weiter meinte Yenel, das "fortdauernde Bestehen des Patriarchates in Istanbul als türkische Institution" sei ein "klarer Beweis für tolerante Politik gegenüber religiösen Minderheiten, die die Türkei seit Jahrhunderten" pflege. Gleichzeitig bedauerte der Botschafter, dass heute in internationalen Angelegenheiten "die Religion eine zunehmende Rolle spielt". Die Gegenwart habe nicht nur Toleranz und Verständnis zwischen verschiedenen Religionen und Kulturen verstärkt, sondern man erlebe auch das Gegenteil, die Zunahme von Missverständnissen und Vorurteilen. Wörtlich sagte er: "Ich sehe selbst, wie die Türkei immer mehr mit dem Islam identifiziert wird. Ich sage immer, dass wir ein Land von Muslimen, nicht jedoch ein islamisches Land sind. Wir müssen einander besser verstehen." Der Dialog müsse ständig gefördert werden.
An dem Empfang in der türkischen Botschaft nahmen als weitere Gäste der stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Bischof Egon Kapellari, der Vizepräsident der Stiftung "Communio et Progressio", Prof. Heinz Nußbaumer, der Präsident der ökumenischen Stiftung "Pro Oriente", Johannes Marte, und der Generalsekretär des Außenministeriums, Johannes Kyrle, teil.






