Kardinal Schönborn: "Die christliche Welt darf die Christen des Heiligen Landes nicht vergessen" - Österreichische Bischöfe besuchten Kleinstadt in Galiläa - "Der Hass muss durch die Liebe überwunden werden"
Jerusalem, 6.11.07 (KAP) Die österreichischen Bischöfe wollen mit ihrer Pilgerfahrt vor allem auch ihre Solidarität mit den Christen im Heiligen Land ausdrücken. Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn am Montagabend in der galiläischen Kleinstadt Rama. Die arabische Ortschaft mit 7.000 Einwohnern ist durch zwei Dinge berühmt: Sie produziert die besten Oliven des Nahen Ostens (manche der Ölbäume gehen auf römische Zeit zurück) und sie hat eine in Relation zur Einwohnerzahl ungewöhnlich hohe Akademikerquote: Aus Rama gingen Bischöfe, Ärzte, Anwälte, Wissenschaftler, Dichter in großer Zahl hervor. Von den 7.000 Einwohnern sind mehr als die Hälfte Christen (die der römisch-katholischen, griechisch-katholischen, griechisch-orthodoxen oder der evangelischen Kirche angehören), die anderen Muslime und Drusen.
Beim Besuch der österreichischen Bischöfe waren Repräsentanten aller Bevölkerungsgruppen anwesend. Namens aller begrüßte der neugeweihte griechisch-orthodoxe Diakon die Mitglieder der Österreichischen Bischofskonferenz. Er sagte, dass die Leute von Rama wie eine Familie zusammenstehen: "Wir respektieren einander und wir akzeptieren unsere Verschiedenheit". Ausdruck des Miteinanders sei auch, dass der Kirchenchor aus Christen aller Konfessionen besteht.
"Es geht uns Bischöfen um die Hinwendung zu den 'Wurzeln des Christentums'", sagte Kardinal Schönborn: "Unsere geistlichen Wurzeln sind in diesem Land; die hiesigen Christen sind die lebendigen Zeugen des Glaubens". Die christliche Welt dürfe die Christen des Heiligen Landes nicht vergessen, die "schwierige Zeiten durchzustehen hatten". Christus sei am Kreuz gestorben, um die Menschen zu vereinen, nicht um sie zu trennen. Das Miteinander der Christen verschiedener Konfession in einem Ort wie Rama sei dafür ein schönes Zeugnis. Im Hinblick auf die Gesamtsituation des Heiligen Landes betonte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz: "Der Hass muss durch die Liebe überwunden werden". An die Christen von Rama gewandt, die die österreichischen Bischöfe mit herzlicher orientalischer Gastfreundschaft empfangen hatten, sagte Kardinal Schönborn: "Wir werden euch nie vergessen".
Weihbischof Giacinto Bulos Marcuzzo, der Generalvikar des lateinischen Patriarchen von Jerusalem für den Staat Israel, sagte bei der Feier in der römisch-katholischen Pfarrkirche von Rama, den Menschen in Galiläa gehe es um die Einheit zwischen den Bekennern unterschiedlicher Religionen, "auch wenn es nicht immer leicht ist, die Harmonie aufrecht zu erhalten". Aber in Rama habe man z.B. vereinbart, dass das Bürgermeisteramt in dieser Funktionsperiode in der ersten Hälfte der Amtszeit von einem Christen verwaltet wird und in der zweiten Hälfte von einem Drusen.
Die Christen in Europa könnten vor allem zwei Dinge für die Christen im Heiligen Land tun, sagte Marcuzzo in Rama: "Kommt als Pilger zu uns und helft uns, Schulen zu bauen". Die katholischen Schulen hätten im Heiligen Land eine außerordentliche Bedeutung; auch Muslime und Drusen kämen zum Patriarchen, um ihn um die Eröffnung einer Schule zu bitten.
Erinnerungen an Österreich
Bischof Marcuzzo war am Montagvormittag mit den österreichischen Bischöfen auch an seinem Amtssitz in Nazareth zusammengetroffen. Er bezeichnete den Besuch der Österreichischen Bischofskonferenz als "große Ermutigung". Nichts sei für die Christen im Heiligen Land so wichtig wie die Präsenz von Pilgern, die auch der Öffentlichkeit zeigt, dass es "den Christen in aller Welt nicht gleichgültig ist, ob es im Heiligen Land lebendige christliche Gemeinden gibt oder nicht". Um die Auswanderung der Christen aus dem Heiligen Land zu stoppen, gehe es vor allem darum, Wege für die Lösung der politischen und sozio-ökonomischen Probleme zu finden. Das Ziel müsse dabei sein, dass die Christen wie alle anderen Bürger ausreichende Verdienstmöglichkeiten im Inland finden.
Der Bischof - der aus dem Veneto stammt - erinnerte daran, dass das alte Österreich für die Christen im Heiligen Land als "Schutzmacht" eine große Rolle gespielt hatte. Davon gebe es in den katholischen Gotteshäusern des Heiligen Landes noch viele Zeugnisse. In Nazareth werde noch heute der Stadtteil, in dem das früher von den österreichischen Barmherzigen Brüdern betriebene Spital steht, das "österreichische Viertel" genannt.
Wie Marcuzzo betonte, gehe es der katholischen Kirche im Heiligen Land um gute Beziehungen zu allen. Die ökumenische Entwicklung sei positiv, auch mit der orthodoxen Kirche gebe es jetzt ein gutes Verhältnis: "Die Christen wissen, dass sie nur miteinander eine Chance haben".
Im interreligiösen Bereich habe sich - trotz aller praktischen Probleme des Alltagslebens - in den letzten Jahren ein interessanter theologischer Dialog mit jüdischen Repräsentanten entwickelt, so der Bischof. Auch mit den Muslimen gebe es - trotz der auch hier vorhandenen "praktischen Probleme" - gute Beziehungen, aber es handle sich nicht um einen theologischen Dialog.
Die Christen seien nicht für den Einsatz von Gewalt, unterstrich Marcuzzo abschließend. Ihnen gehe es um "Frieden und Versöhnung durch Verhandlungen. "Wir wollen die Mauern zwischen Menschen niederreißen und sind für eine Politik der Begegnung", sagte der Bischof.
"Religion wird auch instrumentalisiert"
Der Bürgermeister von Nazareth, Ramiz Jaraisy, betonte im Gespräch mit den österreichischen Bischöfen, die Koexistenz zwischen Christen und Muslimen in der Heimatstadt Jesu sei vorbildlich. Freilich könne es auch vorkommen, so Jaraisy (der selbst ein griechisch-orthodoxer Christ ist), dass Religion "benützt" werde, um politische Ziele zu erreichen. Dies sei etwa bei den Auseinandersetzungen um den von der islamischen Bewegung - "nicht von der offiziellen islamischen geistlichen Verwaltung" - geplanten monumentalen Moscheebau vor der Verkündigungsbasilika der Fall gewesen, wobei hier auch israelische Interessen im Spiel gewesen seien.
Als Hauptproblem der Situation der Araber in Israel bezeichnete Jaraisy eine nach wie vor gegebene Diskriminierung vor allem im ökonomischen Bereich. Der Bürgermeister nannte in diesem Zusammenhang die hohe Jugendarbeitslosigkeit unter den Arabern Israels. Es gebe aber keinen Zweifel, dass sich die Araber in Israel als israelische Bürger betrachten. (ende)






