Neues Buch des Biologen Richard Dawkins, "The God Delusion" ("Der Gotteswahn") sorgt für Aufregung
Das deutsche Wochenmagazin "Der Spiegel" hat es im Herbst vergangenen Jahres als "Vermächtnis" des Biologen und Evolutionstheoretikers Richard Dawkins bezeichnet: sein neues Buch "The God Delusion" ("Der Gotteswahn"), in dem der Biologe und erklärte Atheist die Religion laut "Spiegel" als "das eigentliche Übel unserer Zeit" beschreibt. Mit der "Beflissenheit eines Naturwissenschaftlers", so der "Spiegel" in seiner Ausgabe vom 23. Oktober 2006, weise Dawkins nach, warum es "fast sicher keinen Gott geben kann". Als Grundannahme formuliert Dawkins: "Sie können ein Atheist sein, der glücklich, ausgeglichen, sittlich und geistig ausgefüllt ist". Zu einem glücklichen Leben bedürfe es keines Glaubens. Auch wendet sich Dawkins in seinem Buch vehement gegen die laut "Spiegel" "verbreitete Überzeugung", Religion sei nützlich, da sie dem Menschen moralische Werte aufzeige. Moralisches Handeln, so Dawkins, sei aus darwinistischer Perspektive durchaus erklärbar und bedürfe keineswegs einer stützenden Religiosität, da es evolutive Vorteile verschaffe, die das Überleben der eigenen Art sichern können. So könne man laut Dawkins auch im Tierreich viele Beispiele für "Altruismus" (Selbstlosigkeit) finden.
Das Buch hat international für Aufsehen gesorgt und zahlreiche Reaktionen hervorgerufen.
So schreibt Klaus Taschwer in "Der Standard" vom 9. Jänner, Dawkins habe sich mit diesem Buch "endgültig zur Speerspitze der 'Neuen Atheisten' gemacht". Unter den "Neuen Atheisten" sei laut Taschwer eine "Bewegung von Wissenschaftern" zu verstehen, die "nicht nur die 'Intelligent-Design-Bewegung', sondern gleich jede Form von Religion abschaffen möchte". Wie ernst Dawkins dieses Vorhaben sei, zeige sich nicht zuletzt an der eigens von ihm gegründeten Stiftung "The Richard Dawkins Foundation for Reason and Science", die u.a. mit den Einnahmen aus seinen Büchern finanziert werde.
Bereits im Oktober 2006 beschrieb die Tageszeitung "Die Presse" Dawkins Buch als eine "umfassende Generalattacke" auf die Religion. Es sei eine "bewunderswert geschriebene Diskussion aller der Argumente, die jetzt von den Anhängern des 'Intelligent Design' einmal mehr strapaziert werden", heißt es weiter. In seinem Buch gehe der mittlerweile 65jährige Biologe dabei "viel radikaler" als andere Religionskritiker vor und zeige "wenig Spuren von Altersweisheit, abgeklärter Distanz oder abwägender Behutsamkeit". Sein Buch sei daher der "Versuch eines devastierenden Rundumschlags, geführt mit allen ihm verfügbaren Mitteln". Die Wahrscheinlichkeit einer Existenz Gottes reiche laut Dawkins "gerade noch über null". "De facto", so Dawkins, "bin ich ein Atheist und lebe mein Leben unter der Annahme, dass es ihn nicht gibt".
Unter dem Titel "Wissenschaft statt Gott" befasste sich Ende des vergangenen Jahres eine ganze Sendung des "Deutschlandfunk" mit Dawkins neuem Buch. Darin erläuterte Jürgen Krönig, Wissenschaftskorrespondent für die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit": "Richard Dawkins gehört zu dieser neuen Gruppe von scharf formulierenden Atheisten, die fast triumphalistisch zu Werk gehen. Die sagen, wer an Gott glaubt, erliegt einer gefährlichen Selbsttäuschung, sie sei letztendlich verantwortlich für die schlimmsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte". Dawkins stehe damit als "beredetster Sprecher" an der Spitze einer "Kampagne gegen die Religion schlechthin". Der Erfolg des Buches liege in der gegenwärtigen "Re-Religiösisierung" begründet, so Krönig, die insbesondere in der amerikanischen Gesellschaft zu einer Spaltung zwischen Religiösen und eher atheistischen Menschen geführt habe. In dieser Situation führe Dawkins in seinem Buch einen "aggressiven, intoleranten Atheismus" vor, der in seiner Polemik auch über eigene argumentative Schwächen hinwegzutäuschen versuche. Zu diesen Schwächen zähle laut Krönig u.a. die von Dawkins verteidigte Idee des Urknalls. Diese Idee sei auch für atheistische Wissenschaftler "eigentlich ein Wunder, nur dass man eben Gott bei dem Wunder nicht braucht". Damit werde die Idee des Urknalls zu einem "atheistischen Schöpfungsmythos". Darüber hinaus kenne auch die von Dawkins praktizierte und gelehrte Form eines naturwissenschaftlichen Atheismus ihre "Heiligen Schriften", zu denen laut Krönig "ganz klar Darwins 'The Origin of Species' zählt".
Auch der "Spiegel" widmete dem neuen Buch Dawkins' unter dem Titel "Kulturkampf - Glücklicher ohne Gott" einen ausführlichen Artikel, da Dawkins "Kampfschrift" den "Nerv der Zeit" getroffen habe und in einer Zeit erscheine, in der laut einer Umfrage der Zeitschrift "Newsweek" 92 Prozent der Amerikaner angeben, an einen Gott zu glauben und "in der sich die Weltreligionen feindselig gegenüberstehen". In seinem Anliegen eines Kampfes gegen die Religion sei Dawkins jedoch laut "Spiegel" nicht allein. So gebe es eine Vielzahl von Naturwissenschaftlern, die "die Gefahren und Absurditäten religiöser Überzeugungen offenlegen". Dazu zähle unter anderem der Amerikaner Sam Harris, dessen Buch "The End of Faith. Religion, Terror, and the Future of Reason" ("Das Ende des Glaubens") bereits über 270.000 Mal verkauft wurde. Den "aufbegehrenden Atheisten" sei laut "Spiegel" gemein, dass sie in der "Hinwendung zum Übernatürlichen ein Nebenprodukt der Evolution" sehen. So behaupte der amerikanische Philosoph Daniel Dennett in seinem jüngsten Buch "Breaking the Spell. Religion as a Natural Phenomenon", dass das menschliche Gehirn durch die Evolution so geformt sei, "dass religiöse Storys sich unter Menschen ausbreiten wie erfolgreiche biologische Arten".
Weltweit bekannt wurde Dawkins vor genau 30 Jahren mit seinem Buch "Das egoistische Gen", in dem er die Evolution nicht nur als eine passive Form der genetischen Entwicklung beschrieb, die durch zufällige Mutationen ablaufe und vor allem der Erhaltung der eigenen Art diene, sondern als von den Genen jeweils "egoistisch" gesteuerte Form der Entwicklung. Das Gen stellt laut Dawkins die treibende Kraft der Selektion dar. Die Lebewesen nehmen entsprechend einzig die Rolle von "Überlebensmaschinen für eigennützige, egoistische Gene" ein, so der "Spiegel".
Das Buch richtete sich damals unter anderem gegen die Forschungen des Österreichischen Verhaltensforschers Konrad Lorenz, dem Dawkins vorwarf, "nicht richtig verstanden zu haben, wie die Evolution funktioniert". Dawkins zu Folge seien Verhaltensforscher wie Lorenz bislang davon ausgegangen, dass sich bestimmte Verhaltensweisen evolutionär durchsetzen, wenn sie der Arterhaltung dienen. Dieser Ansatz könne jedoch nicht erklären, warum z.B. ein Löwenmännchen, das ein Rudel neu übernimmt, zuerst einmal alle Jungtiere tötet, die von seinem Vorgänger stammen. Dawkins Antwort besagte, dass das Wesentliche der Evolution nicht darin bestehe, einen Vorteil für die jeweilige eigene Art zu erlangen, sondern sich zunächst einen je individuellen Vorteil zu verschaffen. Gemeinsam mit anderen Soziobiologen wie Edward O. Wilson oder Maynard Smith erklärte Dawkins damals aber auch, wie wichtig Kooperationen und Altruismus bei der Durchsetzung der eigenen Gene sind. Das Buch "Das egoistische Gen" wurde bislang in 27 Sprachen übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren.
Richard Dawkins wurde 1941 in Kenia geboren und gilt als einer der bekanntesten Verfechter der Evolutionstheorie nach Darwinscher Prägung. Von 1970-1995 arbeitete er als Dozent für Zoologie am New College der Universität von Oxford. Seit 1995 bekleidet er die "Charles Simonyi Professor of the Public Understanding of Science" an der Oxford University.






