Liebe katholische Christen in der Steiermark!
"Alles hat seine Zeit", sagt die Heilige Schrift und zählt Gegensätzliches auf, das einander im Lauf des Lebens einzelner Menschen und ihrer Gemeinschaften ablöst: Freude und Schmerz, Gewinn und Verlust, Festhalten und Loslassen, Leben und Tod. Die Kirche hat im Lauf von Jahrhunderten das Kirchenjahr rhythmisch gegliedert und so ein Kunstwerk des Glaubens geschaffen. Kargere und festlichere Zeiten lösen einander ab: Advent und Weihnachten, vorösterliche Bußzeit (auch Fastenzeit genannt) und Ostern. Dieser Rhythmus ermöglicht ein intensiveres Erleben und verhindert eine Banalisierung des Lebens.
Jetzt ist Fastenzeit, fünf Wochen vorösterliche Bußzeit. Christlich fasten, das ist nicht nur eine Maßnahme, um gesund oder schön zu bleiben oder zu werden, sondern ein Sich-Zurücknehmen, damit andere Menschen und schließlich Gott bei uns mehr Raum haben. Fasten ist, so verstanden, eine Gestalt von Liebe. Kurz vor seinem Leiden und Tod hat Jesus gesagt: "Wenn jemand mich liebt, wird mein Vater ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen" (Jo 14,23). Religiös und vor allem christlich fasten ist nicht nur ein zeitweiliger Verzicht auf manche Nahrungsmittel, sondern auch ein Teilen von Geld, Zeit und Aufmerksamkeit mit Menschen, die eine solche Hilfe brauchen. Und christlich fasten ist ein radikaleres Offenwerden auf Gott hin durch Gebet, durch Reue und Buße bezogen auf eigene Schuld und dies besonders durch die weithin vergessene Beichte, das Bußsakrament, das als eine Quelle der Freude gestiftet ist. Ein rechtes christliches Fasten macht uns zu einer offenen Schale, in die hinein Gott das verschenken kann, was wir Gnade nennen. Wir sind dann nicht bloß eine oft bedrohlich leere Zisterne, sondern eine Quelle, die strömt und überfließt.
In diesen Wochen sind wir wieder unterwegs zum Osterfest: Ostern ist das Fest des Lebens, das Fest des Sieges Christi über Sünde und Tod. Christen sollen österliche Menschen sein. Das bedeutet auch, dass sie Freunde des Lebens sind: Freunde des menschlichen Lebens, angefangen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod; Freunde der Natur als Schöpfung Gottes und als Auftrag zum Hüten und Entfalten der Umwelt als Mitwelt. Dies gilt besonders auch für den Tierschutz und den Klimaschutz als humane und zumal auch als christliche Ziele.
Die katholische Kirche ist im Ganzen eine starke Bewegung für das menschliche Leben in allen seinen Dimensionen als geborenes oder noch ungeborenes, als entfaltetes oder irgendwie behindertes, als zeitliches und schließlich - als Ziel unserer Pilgerschaft - als das ewige Leben. Für ein Leben in Fülle können wir in Gesellschaft und Kirche gar nie genug tun. Diese Welt wird ja nie ein Paradies werden und sie ist für Christen auch nicht eine endgültige Heimat. Wir sind aber berufen, gelegen oder ungelegen für das Prinzip Leben, für ein Leben in größtmöglicher Fülle einzutreten. Heute geht es dabei besonders um das Leben der Kinder, geboren oder noch nicht geboren. Es geht auch um das Prinzip Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau und um das Prinzip Familie. Beide sind bekanntlich auf vielfältige Weise in Frage gestellt und bedroht. "Die Zukunft der Kirche geht über die Familie", hat der verstorbene Papst Johannes Paul II. gesagt. Das ist ein wichtiger Teil der ganzen Wahrheit, aber eine ganz wichtige prophetische Ansage, die auch für die Gesellschaft im Ganzen gilt. Als Christen und Anwälte für das Leben sollten wir geduldig Allianzen für das Leben suchen und mittragen: Allianzen besonders auch mit anders glaubenden und nicht religiös glaubenden Menschen. In diese Allianzen können wir die Kraft und die Argumente unseres Glaubens mitbringen zu einem oft notwendig leidenschaftlichen, aber immer möglichst sachlich kompetenten und fairen Gespräch und zu daraus folgenden praktischen Konsequenzen.
Als Christen haben wir eine Botschaft, die in ihrer Dynamik vor allem ja und nicht nein sagt. Wir sind für ein maximales Miteinander, auch mit Menschen außerhalb der Kirche. Wir müssen aber manchmal auch entschieden nein sagen: z.B. nein zur Abtreibung, nein zu tötender Forschung an menschlichen Embryonen, nein zur Euthanasie. Wir sind dabei überzeugt, der ganzen Gesellschaft und ihrer Zukunft einen Dienst zu erweisen. Wenn nämlich die Gesellschaft oder auch die Kirche etwas fundamental Wichtiges falsch machen, dann werden beide - entsprechend einem Wort des vorchristlichen griechischen Tragikers Aischylos - "durch Leiden lernen" müssen. Es leiden dann vor allem die daran Unschuldigen.
Die katholische Kirche ist heute auch in Österreich trotz mancher Ermüdungen und anderer Krisen sehr lebendig, weil sie reich ist durch viele Frauen, Männer und junge Leute, die ehrenamtlich oder amtlich in ihr und über sie hinaus segensreich wirken. Die bevorstehende Pfarrgemeinderatswahl ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Das sollte uns als Christen selbstbewusster sein lassen inmitten unserer pluralen Gesellschaft, in der Christen, Angehörige anderer Religionen und nicht Glaubende nicht nebeneinander oder gar gegeneinander, sondern miteinander leben sollen. Der bevorstehende Besuch von Papst Benedikt XVI. wird uns darin gewiss bestärken.
Woher erhalten wir die Kraft für all das? Sie kommt zuerst und zuletzt von Gott. Er erscheint vielen als ferner rätselhafter Gott. Viele leben dann, als ob er gar nicht existierte. Immer wieder offenbart sich Gott aber Menschen, die sich für ihn offen halten, wie ein sanftes Licht oder auch wie ein Blitz. Und über all das hinaus hat er uns seinen Sohn Jesus Christus geschenkt: ein Du mit einem deutlichen Antlitz und mit einer deutlichen Stimme. Jesus hat mehr gelitten als die meisten Menschen überhaupt leiden können, und er ist nicht im Tod geblieben. Das hat eine bleibende österliche Perspektive geschaffen über alle Karfreitage des menschlichen Lebens hinaus.
Liebe katholische Christen unserer Diözese! Als Menschen und Christen sind und bleiben wir unvollkommen. Der Glaube mutet uns aber zu, dass wir offen bleiben zu einer größeren Entfaltung unseres Mensch- und Christseins. Wenn diese gelingt, dann gibt es Freude für uns und für Menschen rings um uns. Ein englisches Wort religiöser Weisheit sagt: "Die Zisterne birgt, aber die Quelle fließt über". Möge uns allen gegeben sein, immer mehr eine Quelle des Guten zu werden, wünsche ich uns allen und grüße Sie mit allem Segen.
+ Egon Kapellari
Diözesanbischof von Graz-Seckau
Graz, am 3. Fastensonntag 2007






