Vatikanstadt, 04.02.2010 (KAP) Papst Benedikt XVI. hat sich gegen eine oberflächliche, rein materielle Sichtweise von Gerechtigkeit unter den Menschen gewandt. Diese Tugend dürfe sich nicht einfach darin erschöpfen, jede Person mit den lebensnotwendigen Gütern zu versorgen, hob der Papst in seiner Botschaft zur bevorstehenden Fastenzeit hervor, die am Donnerstag vom Vatikan veröffentlicht wurde. Ebenso wenig könne man diesen Zustand allein durch Gesetze herbeiführen, sagte Benedikt XVI. Nach christlichem Verständnis gehe es um mehr, als nur eine "Verteilungsgerechtigkeit", sondern um ein Umdenken, heißt es in der päpstlichen Botschaft.
Zugleich bezeichnete Benedikt XVI. die Auffassung, die Ungerechtigkeit unter den Menschen entstehe allein durch äußere Umstände, als "naiv und kurzsichtig". Es reiche nicht aus, nur die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu ändern, um Gerechtigkeit zu schaffen, wie dies viele moderne Ideologien verkündeten, führte der Papst aus.
Der Ursprung der Ungerechtigkeit liege vielmehr im Herzen des Menschen, "wo sich die Keime für ein geheimnisvolles Übereinkommen mit dem Bösen finden lassen". Es sei der Egoismus und der "tiefe Zustand der Verschlossenheit" gegenüber dem Nächsten.
Um die wahrhafte Gerechtigkeit zu erlangen, müsse der "Trug der Selbstgenügsamkeit" aufgegeben werden, schreibt der Papst. Zugleich sei ein Eingeständnis der eigen Hilfsbedürftigkeit notwendig.
Jesus würde jene Gleichgültigkeit verurteilen, "die auch heute noch hunderttausende Menschen in den Hungertod treibt, weil ihnen Nahrung, Wasser und Medizin fehlen", hält Benedikt XVI. fest. Bloße Verteilung der Güter alleine reiche aber nicht aus, so der Papst: "Genauso, wie die Menschheit mehr Brot braucht, braucht sie Gott."
Notwendig sei Demut als Voraussetzung für den Glauben. Die wahrhafte Gerechtigkeit könne nur von Gott kommen. Es sei die Gerechtigkeit aus Gnade, erläuterte Benedikt XVI. Diese Gerechtigkeit zeige sich im Kreuzestod Jesu Christi, der allen menschlichen Vorstellungen widerspreche.
Die Fastenzeit beginnt mit Aschermittwoch, 17. Februar. Traditionell werden während der Fastenzeit von den kirchlichen Hilfswerken große Aktionen durchgeführt; in Österreich etwa der "Familienfasttag".
EU braucht "Geist der Solidarität"
Bei der Vorstellung des Papstdokuments sagte der frühere Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, am Donnerstag im Vatikan, eine eingehende Beschäftigung mit der Fastenbotschaft wäre auch für die Politik wichtig. Europa benötige mehr denn je den Geist der Solidarität mit allen Völkern und Kulturen dieser Welt, sagte der deutsche Christdemokrat.
In Europa müsse es nicht zuerst um die Verteilung finanzieller Mittel, sondern um eine "geistige Erneuerung" der Politik gehen, sagte Pöttering. Es gehe darum, die Solidarität des wohlhabenden Kontinents mit den Not leidenden Menschen in aller Welt in den Vordergrund zu stellen: "Wir brauchen wieder einen europäischen Geist der Solidarität mit allen Völkern und Kulturen."
Gleichzeitig rief Pöttering zu einem "aufrichtigen" interreligiöse Gespräch zwischen Christen, Muslimen und Juden auf. Der Gedanke der Solidarität müsse zu einem Projekt werden, "das uns einlädt zum Dialog über alle Mauern hinweg, die unsere Welt heute trennen". Einzig die Solidarität weise den Weg zu einem Mehr an Freiheit und Gerechtigkeit für die Menschen.
Kardinal Paul Joseph Cordes, der Präsident des Päpstlichen Rates "Cor Unum", erinnerte bei der Präsentation an die "drammatische Situation" in Afrika. Dort sei die Herstellung von gerechten Verhältnissen im Sinne der päpstlichen Botschaft besonders notwendig.






