Vor 150 Jahren wurden dem Hirtenmädchen Bernadette Soubirous die Marienerscheinungen von Lourdes zuteil - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Alexander Brüggemann
Lourdes, 25.8.08 (KAP) Die heilige Bernadette Soubirous, die "Seherin von Lourdes", gehört zu den Ikonen der katholischen Kirche. Vor 150 Jahren wurden ihr die Marienerscheinungen von Lourdes zuteil; Papst Benedikt XVI. wird im September in den Marienort pilgern. Der 1941 erschienene Roman des österreichischen Schriftstellers Franz Werfel "Das Lied von Bernadette" hat die Gestalt der jugendlichen Seherin weit über den Bereich der katholischen Kirche hinaus bekannt gemacht. Auf der Flucht hatte Werfel im Sommer 1940 mehrere Wochen Herberge in Lourdes gefunden und dort die Geschichte der Bernadette Soubirous kennen gelernt. In seiner großen Bedrängnis habe er als Jude eines Tages ein Gelübde abgelegt, wenn er die rettende Küste Amerikas erreiche, werde er vor jeder anderen Arbeit das Lied von Bernadette "singen", so gut er es könne, schrieb Werfel im Vorwort.
Die offizielle Lebensgeschichte der Heiligen Bernadette vermerkt: ein Mädchen aus bettelarmem Elternhaus, Jahrgang 1844, kränklich, lernschwach und ob ihrer körperlichen Mängel verachtet, erfährt mit 14 Jahren beim Schafehüten das Schlüsselerlebnis ihres kurzen Lebens. Zwischen dem 11. Februar und dem 16. Juli 1858 erscheint ihr nach eigener Schilderung in der Grotte von Massabielle bei Lourdes 18 Mal eine schöne Dame, die sich zuletzt als die "Unbefleckte Empfängnis" (Immaculata Conceptio) zu erkennen gibt.
Aber nirgends zählt ein Prophet so wenig wie in seiner Vaterstadt - das Bibelwort gilt zunächst auch für die jugendliche Prophetin in dem verschlafenen Ort am Fuß der Pyrenäen. Pilgerströme und Journalisten fallen ein in das Provinzidyll; es gibt erste Berichte über unerklärliche Heilungen. Doch zu Hause wird Bernadette von ihrer Mutter der Lüge bezichtigt. Der Ortspfarrer und der Bischof unterziehen sie strengen Verhören. Und der Bürgermeister, dem die streng liberalen Behörden im Frankreich Napoleons III. schon drohen, man werde die geplante Eisenbahnlinie an Lourdes vorbei führen, klagt: "Sie werden sehen, diese kleine Landplage hat uns die Eisenbahn vermasselt".
Vor dem Bischof von Tarbes, Bertrand-Severe Laurence, berichtet das Mädchen vom Entspringen einer klaren Quelle und dem Auftrag, eine Kapelle errichten und Wallfahrten abhalten zu lassen. Und davon, was den Bischof von Tarbes vielleicht am meisten verblüfft: Zuletzt habe sich die Dame als die "Immaculata Conceptio" zu erkennen gegeben. Das Dogma von der "ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria" war doch erst 1854 von Pius IX. verkündet worden. Wie konnte diese Hilfsschülerin, über die die unterrichtende Ordensschwester so wenig Gutes zu sagen hatte, davon etwas wissen?
Aber die Geschichte geht weiter: 1862 werden die Erscheinungen von Bischof Laurence, 1891 von Leo XIII. kirchlich anerkannt. 1925 wird Bernadette selig-, 1933 heilig gesprochen. Ihr irdisches Leben endet unspektakulär: Die einstige Hilfsschülerin, selbst immer wieder schwer krank, tritt in den Krankenpflegeorden der "Dames de Nevers" ein. Dort stirbt sie 1879 mit nur 35 Jahren.
Bischof Laurence beauftragt den Journalisten Henry Lasserre (1828-1900), den das Lourdes-Wasser von seiner Blindheit geheilt haben soll, die Visionen der Bernadette aufzuzeichnen. Das 1869 veröffentlichte Werk erscheint 1892 schon in 125. Auflage. Als Lourdes längst einer der berühmtesten Wallfahrtsorte der Welt ist, verfasst Emile Zola mit dem ersten Roman seiner Trilogie "Les trois villes" 1894 eine Polemik gegen die "kollektive Illusion" und den florierenden Kommerz. Es kommt zu einer Flut von Pro- und kontra-Veröffentlichungen über die Grotte von Massabielle.
Diese Ambivalenz hat sich bis heute erhalten. Seit 1858 sind mehr als 30.000 unerklärliche Heilungen gemeldet, von denen die Kirche nur 67 offiziell als Wunder anerkannt hat. Vielfältig sind die Krankheitsbilder: Krebs im Endstadium, zerfressene Knochen, die binnen Monatsfrist nachgewachsen seien. Die Dossiers, die Röntgenbilder sind für jeden Arzt frei zugänglich. Die Wunder-Kriterien von Lourdes sind streng: Schwer und lebensbedrohend muss die Krankheit sein, plötzlich, umfassend und nachhaltig die Heilung. Aber vielleicht noch wichtiger als die körperlichen Heilungen sind die seelischen Heilungen, die sich in Lourdes ereignen. Über sie wird nicht Buch geführt.
Marienerscheinungen zählen zu den Privatoffenbarungen. Gottes Offenbarung ist nach klassischer Lehre mit dem Tod des letzten Apostels an ihr Ende gekommen. Das kirchliche Lehramt zieht daher eine scharfe Trennlinie zwischen Offenbarung und Privatoffenbarungen; sie können nach katholischer Lehre die ursprüngliche Offenbarung lediglich in Erinnerung rufen, erklären oder aktualisieren. Auch steht es jedem Katholiken frei, an solche Privatoffenbarungen zu glauben oder eben nicht - auch wenn die Kirche sie als gesichert ansieht. Das gilt auch für Lourdes.
Jahr für Jahr kommen viele hunderttausend kranke und behinderte Menschen nach Lourdes. Es wird viel gebetet in diesem "Ort der Hoffnung". Das Lourdes-Wasser aus der Grotte von Massabielle ist weiter gefragt; etwa 120.000 Liter des Bergwassers fließen täglich. Die Priester sagen deutlich, dass das Lourdes-Wasser nicht heilt; Gott ist es, der heilt. Und es stehe ganz in seiner Verfügung, wie viele, wen, wann und wie er heile.
"Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist", meinte einmal David Ben Gurion. Als Staatsgründer Israels musste er es wissen.






