Papst verknüpfte theologische und politische Akzente - Für Aufsehen sorgte die Forderung nach einer Neuinterpretation des Verständnisses des französischen Prinzips der "laicite" - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Ludwig Ring-Eifel
Paris, 13.9.08 (KAP) Mit zwei aufsehenerregenden Reden vor den politischen und intellektuellen Eliten Frankreichs hat Papst Benedikt XVI. am Freitag in Paris seine zehnte Auslandsreise begonnen. Darin äußerte sich der Papst zu theologisch-philosophischen Themen, aber auch überraschend konkret zur internationalen Politik und zu religionspolitischen Grundsatzfragen.
Bei seinem eher politischen Auftritt im Elysee-Palast unterstützte der Papst die Bemühungen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy um Frieden im Kaukasus ebenso wie dessen Forderung nach einer inhaltlichen Umdeutung der überkommenen Trennung von Staat und Kirche. In seiner mit Spannung erwarteten Rede im "College des Bernardins" erteilte der Papst dann am Abend der Idee einer bindungslosen Freiheit eine Absage, wandte sich aber zugleich gegen fundamentalistisch-fanatische Konzepte. Mit Nachdruck forderte er eine Offenheit der Kultur für die Frage nach Gott.
Die Reden des Papstes, der in fehlerlosem Französisch sprach, waren dicht gewoben und reich an Ideen. So zeigte sich Benedikt XVI. in seiner Begrüßungsrede im Elysee-Palast tief beunruhigt über die Entwicklung der Jugend, die internationale Lage nach der Georgienkrise und über die ökologischen Zukunftsaussichten der Erde.
"Positive laicite"
Doch für Aufsehen sorgte vor allem seine Forderung nach einer Neuinterpretation der Trennung von Staat und Kirche. Im religionspolitischen Teil seiner Rede stimmte er dem vom französischen Präsidenten vorgeschlagenen Konzept einer "positiven laicite" ausdrücklich zu. Unter diesem Schlagwort hatte Sarkozy vorgeschlagen, trotz institutioneller Trennung von Staat und Kirche einen aktiven Dialog zwischen Politik und Religion zu suchen und den gesellschaftlichen Beitrag der Religionsgemeinschaften zu Kultur und Erziehung zu fördern.
Verteidiger der bisherigen republikanischen Tradition lehnen diese Neuorientierung ab. Die Führung der oppositionellen Sozialistischen Partei (PS) blieb denn auch der Papstrede im Elysee fern. Die Worte von Sarkozy und Benedikt XVI. kommentierte der sozialistische Senator Jean-Luc Melenchon in aller Schärfe: Er sehe durch den Gleichklang von Reden von Papst und Präsident die "laicite" der Republik bedroht. "Erstmals in der Geschichte der Französischen Republik verkünden ein Papst und ein Präsident eine gemeinsame Politik", so seine Kritik. Und in einer Presseerklärung der Partei hieß es, der Präsident müsse daran erinnert werden, dass er die Aufgabe habe, diese Laizität zu verteidigen.
Suche nach Gott bleibt "Grundlage wahrer Kultur"
An der Oberfläche weniger politisch, letztendlich aber ebenso anstößig war die Papstrede an die kulturelle Elite des Landes. Eine Kultur, die theologische Fragen in den Privatbereich verweise und für unwissenschaftlich erkläre sei eine "Kapitulation der Vernunft und ein Absturz der Humanität", erklärte Benedikt XVI. Die Suche nach Gott bleibe die "Grundlage wahrer Kultur". Der Papst trug diese Worte mit sanfter Stimme und gleichsam ohne Ausrufezeichen vor - doch inhaltlich waren sie schneidender als alles, was Präsident Sarkozy am Vormittag gesagt hatte. Es war eine unverhüllte geistige Kampfansage an das, was für viele in der Kultur der laizistischen französischen Republik bislang Konsens war: dass religiöser Glaube bloße Privatsache sei.
Nicht ganz zufällig hielt der Papst seine Rede zur Kultur im symbolträchtigen "College des Bernardins", einer mittelalterlichen Studienstätte, die erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder zum kirchlichen akademischen Zentrum ausgebaut wurde. Zuvor war der in der französischen Revolution enteignete gotische Bau mehr als 200 Jahre lang vom Staat zweckentfremdet worden, unter anderem als Gefängnis und als Lagerraum.
An der neuen, aufwendigen Ausstattung als kulturelles kirchliches Zentrum hatten sich übrigens auch staatliche Stellen (die Republik und die Stadt) beteiligt und damit ein praktisches Beispiel dessen gegeben, was Benedikt XVI. und Präsident Sarkozy mit "positiver laicite" meinen.






