Benedikt XVI. eroberte die Herzen der Franzosen - "Kathpress"-Korrespondentenbericht von Alexander Reiser
Lourdes-Paris, 14.9.08 (KAP) Mit einer großen Messe unter freiem Himmel hat Papst Benedikt XVI. am Sonntag der Marienerscheinungen in Lourdes vor 150 Jahren gedacht. Der Wallfahrtsort in den Pyrenäen solle ein Ort der Begegnung mit Gott und des Dienstes an Kranken, Armen und Leidenden sein, sagte Benedikt XVI. vor 200.000 Menschen. Die Kirche in Frankreich ermutigte er zu neuem missionarischen Geist. In Paris hatte der Papst am Samstag auf dem Platz vor dem Invalidendom eine große Messe gefeiert. Dazu waren mehr als 250.000 Menschen gekommen. So viele hatte man selbst bei den sieben Frankreich-Besuchen Johannes Paul II. nie gesehen. Benedikt XVI. hat die Herzen der Franzosen erobert - durch seine liebenswürdige, zurückhaltende Art, durch seine besonnenen Worte.
Selbst eine sonst papstkritische Zeitung wie "Liberation" hatte jede Lust auf Polemik verloren; der Aufruf des Papstes zu einer stärkeren Rolle der Religion in der Gesellschaft wurde im laizistischen Frankreich überraschend wohlwollend aufgenommen. In der Sonntagszeitung "Journal du Dimanche" war der Titel "Generation Benedikt" zu lesen. Der Grund: Die Pariser Organisatoren der Papstreise hatten mit 20.000 Jugendlichen gerechnet, die vor der Messe am Samstag vor dem Invalidendom übernachten wollten. Es wurden, trotz des Regens, 60.000.
Vor der Kulisse des Invalidendoms rief der Papst alle Menschen -unabhängig von ihren Glaubensrichtungen - zum Widerstand gegen moderne Götzen wie Geld- und Besitzgier auf. "Haben nicht Geld, der Durst nach Besitz, Macht und sogar Wissen den Menschen von seiner wahren Bestimmung abgebracht?", fragte Benedikt XVI. Tags zuvor hatte der Papst den ersten Frankreichbesuch seiner Amtszeit begonnen. In aufsehenerregenden Reden im Elysee-Palast und im "College des Bernardins" forderte er eine Neuinterpretation der Trennung von Kirche und Staat im Sinn einer "gesunden Laizität" und trat für eine stärkere öffentliche Rolle der Religion ein.
Der Papst, den die Pilgermassen am Sonntagvormittag in Lourdes erlebten, sprach streckenweise anders als der, dem zuvor in der Hauptstadt "tout Paris" (und im Fernsehen wohl auch ganz Frankreich) zugehört hatte. Nach den teilweise sehr anspruchsvollen politischen, historischen und theologischen Ausführungen in Paris ging es in Lourdes um die tieferen Schichten des christlichen Glaubens. Der Papst sprach in seiner Predigt als Lehrer des Volkes, in einfachen, allgemeinverständlichen Bildern.
"Das Kreuz sagt uns, dass es auf der Welt eine Liebe gibt, die stärker ist als der Tod, stärker als unsere Schwächen und unsere Sünden", erklärte Benedikt XVI. Und an anderer Stelle sagte er über Maria: "Als die in den Himmel Aufgenommene ist sie die geliebte Patronin eures Landes. Möge sie stets mit Eifer in allen euren Familien, in euren Ordensgemeinschaften und Pfarrgemeinden verehrt werden!" Es waren solche einfachen Sätze, mit denen er die aus allen Teilen Frankreichs und aus den Nachbarländern nach Lourdes gekommenen Pilger zu Beifallsstürmen veranlasste.
Vatikansprecher P. Federico Lombardi SJ, einer der wenigen Vertrauten des Papstes, drückt es so aus: "Die schärfste Waffe Benedikts XVI. ist nicht sein Verstand, sondern seine Bescheidenheit". Für P. Lombardi zeigten die intensiven Stunden in Lourdes, dass der Papst nach den Auftritten in der intellektuell-politischen Arena von Paris nun an der "Quelle" verweilte. Hier zählten nicht geschliffene Formulierungen und rhetorische Verbeugungen vor französischen Geistesgrößen, sondern tiefe, spirituelle Glaubenserfahrungen.
Eigentlicher Anlass der Papstreise waren ja auch die 150-Jahr-Feiern der Marienerscheinungen in Lourdes. Am Samstagabend betete Benedikt XVI. in der Grotte von Massabielle, wo sich die Marienerscheinungen ereigneten, die der kleinen Bernadette Soubirous zuteil wurden. Zudem besuchte er zwei weitere Stationen eines Bernadette-Pilgerwegs: die Taufkirche der Heiligen und das Wohnhaus der Familie Soubirous. Später am Abend beschloss der Papst die traditionelle Lichterprozession auf der Place du Rosaire. In den Mittelpunkt seiner ersten Ansprache in Lourdes stellte er einen Appell zur Solidarität mit den Opfern von Gewalt, Terror, Hass und Katastrophen, mit Arbeitslosen, Kranken, Einsamen und Migranten. "Maria lehrt uns, aus dem Gebet einen Beweis der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu machen", so Benedikt XVI.: "Warum sollten wir unser Leben nicht ganz ins Zeichen der Gastfreundschaft für unsere Nächsten stellen?"
Am Montag feiert Benedikt XVI. eine Messe für Kranke, bevor er nach Rom zurückreist. Vor der Reise hatte es manche skeptische Stimmen gegeben, auch innerhalb der Kirche. Aber der Papst und Theologe verstand es, die Menschen in Frankreich anzusprechen - und nicht nur deshalb, weil sein Französisch so perfekt war.






