Militärsuperior hatte Jägerstätter als "bedauernswertes Opfer seines irrenden Gewissens" bezeichnet - Bischof betont hingegen Märtyrerschaft und Vorbildwirkung des Innviertler Bauern und Wehrdienstverweigerers
7.6.07 (KAP-ID) Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat die jüngste Kritik des Wiener Neustädter Militärsuperiors Siegfried Lochner an Franz Jägerstätter zurückgewiesen. Lochner hatte in einem Interview in der umstrittenen FPÖ-nahen Wochenzeitung "Zur Zeit" (Nr.21-22/2007) ausführlich zu Jägerstätter Stellung genommen und betont, dieser sei ganz sicher kein Märtyrer der katholischen Kirche, sondern ein "bedauernswertes Opfer seines irrenden Gewissens und der äußeren Umstände seiner Zeit". Jägerstätter werde heute aber - laut Lochner zum Teil in peinlich berührender Weise - "politisch instrumentalisiert", so der Militärsuperior an der Theresianischen Militärakademie, wenige Wochen bevor der Vatikan offiziell das Martyrium Jägerstätters bestätigte und der Papst grünes Licht für die Seligsprechung gab.
Lochner ortete auch ein gewisses Nahverhältnis Jägerstätters zu den Zeugen Jehovas in seiner Jugend und meinte wörtlich: "Das könnte auch seine starre Haltung miterklären, die dann aber in die Gesamtbeurteilung seiner Persönlichkeit unbedingt miteinfließen müsste."
Zur Frage, ob Jägerstätter als Vorbild dienen könne, meinte der Militärsuperior, dass auf alle Fälle eine schwer zu vermittelnde Ambivalenz über diesem Vorbild läge: "Einerseits verdient sein Lebensopfer, sein Bemühen, den Willen Gottes zu erkennen und auch zu vollbringen, uneingeschränkten Respekt. Doch kann sich seine Vorbildwirkung darin meines Erachtens nicht erschöpfen, weil sie entscheidende Aspekte der Tugendlehre außer Acht ließe." Der heilige Thomas von Aquin lehre beispielsweise, dass es für einen Menschen unmöglich sei, gut zu sein, wenn er nicht im rechten Bezug zum gemeinen Wohl stünde, "denn das Gut des Volkes ist das vornehmste unter den menschlichen Gütern, und wird allein durch das göttliche Gut überragt", so Lochner: "Jägerstätter musste ja nicht sterben, weil er einen Befehl verweigerte, der gegen göttliches Recht verstoßen hätte, ja nicht einmal, weil er bloß den Dienst mit der Waffe verweigerte, sondern weil er grundsätzlich nicht an einem Krieg teilnehmen wollte, der seit der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation durch die Alliierten im Jahre 1943 von vielen als nunmehr gerechter Verteidigungskrieg angesehen wurde." Hier sehe er das Problem, so Lochner.
Nachdem von verschiedenen Seiten Kritik an Lochners Äußerungen laut wurde, verteidigte sich dieser etwa gegenüber den "Niederösterreichischen Nachrichten" damit, dass er nur seine persönliche Meinung kundgetan habe, "die man auch als Priester kundtun darf". Militärbischof Christian Werner ließ seinerseits keinen Zweifel daran, dass Lochner mit seiner Meinung ganz und gar nicht mit der Haltung seines Bischofs übereinstimmt.
In einer Reaktion auf die vatikanische Entscheidung vom 1. Juni erklärte Werner am 6. Juni, die Seligsprechung des Märtyrers Jägerstätters sei ein dringender Appell, "mutig dem eigenen Gewissen zu folgen". Als Militärbischof freue er sich "besonders" über den Ausgang des Verfahrens. Wörtlich stellte Bischof Werner fest: "Mit Jägerstätter wird ein Mann selig gesprochen, der in der dunkelsten Epoche der europäischen Geschichte und unter schwierigsten Umständen seinem christlichen Gewissen gefolgt ist. Maßgebend für seine Entscheidung, den Dienst in der deutschen Wehrmacht zu verweigern, war seine ungewöhnlich klare Einsicht in die verbrecherische und anti-christliche Natur des nationalsozialistischen Regimes. Diese Erkenntnis und sein tiefer christlicher Glaube haben ihn auf einen schweren Weg geführt, der ihn selbst, aber auch seine Familie, vor große Prüfungen gestellt hat".
Dennoch sei Jägerstätter seinen Weg konsequent bis zum Ende gegangen und habe seine Gewissenseinsicht aus christlichem Glauben mit seinem Blut besiegelt. "Jägerstätters Entschiedenheit und die Bereitschaft, für seine christliche Überzeugung bis zum Tod einzustehen, fordern uneingeschränkte Hochachtung und tiefen Respekt", stellte der Militärbischof fest. Der Generalvikar der Militärdiözese, Franz Fahrner, kündigte zudem an, dass sich der Militärbischof mit Lochner ein Gespräch führen werde.
Zu Recht ein Märtyrer
Weihbischof Laun betonte in einem auf dem Internetportal "kath.net" veröffentlichten Kommentar, dass Jägerstätter von der Kirche sehr wohl zu Recht als Märtyrer bezeichnet werde. Er verstehe aber auch, dass die Seligsprechung für manche Menschen schwer anzunehmen sei, weil sie meinten, damit würden mit zwingender Logik ihre Väter verurteilt. Dem hält Laun entgegen, viele hätten persönliche Auswege gesucht, den Krieg zu überleben, ohne sich mitschuldig zu machen. Zudem hätten wohl auch nicht viele jene klare Einsicht Jägerstätters gehabt.
Auch hätten Menschen mit der "Gnade der späten Geburt" nicht das Recht, "aus der sicheren Distanz der Zeit anderen Vorwürfe zu machen, weil sie nicht zum Martyrium bereit waren", so der Bischof: "Unabhängig davon, wer unsere Vorfahren waren und wie sie die Zeit überstanden: Wir alle haben Grund zur Dankbarkeit, wenn Jägerstätter selig gesprochen wird." Wegen seiner Treue zur katholischen Lehre bis in den Tod stelle die Kirche Jägerstätter zu Recht als Vorbild vor Augen. Er sei ein Vorbild, wie es jede Zeit aufs Neue brauche.






