er Präfekt der Heiligsprechungskongregation, Kardinal Saraiva Martins, nimmt am 26. Oktober im Linzer Mariendom im Namen von Papst Benedikt XVI. die Seligsprechung des Märtyrers vor
Linz, 11.10.07 (KAP) Am Freitag, 26. Oktober, nimmt der Präfekt der Heiligsprechungskongregation, Kardinal Jose Saraiva Martins, im Linzer Mariendom im Namen von Papst Benedikt XVI. die Seligsprechung des Märtyrers Franz Jägerstätter (1907-43) vor. Wie kein anderer Kriegsdienstverweigerer ist Jägerstätter zum Inbegriff des katholischen Widerstandes in Österreich und zur internationalen Symbolfigur der katholischen Friedensbewegung geworden.
Bereits 1964 brachte der amerikanische Historiker und Soziologe Gordon Zahn in den USA das Buch "In Solitary Witness: The Life and Death of Franz Jägerstätter" über den Innviertler Bauern heraus (deutsch 1967 unter dem Titel "Er folgte seinem Gewissen - Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter" erschienen). Das Buch diente u.a. als Vorlage für eine TV-Verfilmung durch Axel Corti.
Zahn war nach 1945 Besatzungssoldat im Innviertel. Die Geschichte Jägerstätters hatten ihn Familienangehörige des Märtyrers berichtet; nach seiner Rückkehr in die USA ordnete Zahn seine Recherchen. Die Buchveröffentlichung löste zuerst in den USA kirchliche Reaktionen aus. So existiert etwa ein Aufsatz des katholischen US-Erfolgsautors und Ordensmannes Thomas Mertons über Jägerstätter. Er entstand Jahre bevor in der österreichischen Kirche von dem mutigen Österreicher Notiz genommen wurde.
Die Seligsprechung am österreichische Nationalfeiertag in Linz erfolgt im Rahmen einer Eucharistiefeier, bei der der Linzer Bischof Ludwig Schwarz Hauptzelebrant sein wird. Auch in der unmittelbaren Heimat Franz Jägerstätters wird die Seligsprechung gefeiert werden. Am Samstag, 27. Oktober, wird von 20 bis 24 Uhr in der Pfarrkirche Ostermiething eine Gebetsnacht "Inspiration Franz Jägerstätter" gestaltet. Der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer, Postulator im Seligsprechungsverfahren, wird durch die Gebetsnacht begleiten. Gruppen aus dem In- und Ausland gestalten das Programm.
Am Sonntag, 28. Oktober, wird schließlich um 10 Uhr in der Pfarrkirche St. Radegund die erste heilige Messe zu Ehren des neuen Seligen gefeiert werden. Nach der Seligsprechung wird der 21. Mai als offizieller Gedenktag gelten.
Am Donnerstag, 25. Oktober, findet in Linz ein "International Meeting" der katholischen Friedensbewegung "Pax Christi" statt. "Pax Christi"-Vertreter aus aller Welt kommen zur Jägerstätter-Seligsprechung nach Oberösterreich. Tagungsort ist die Katholische Hochschulgemeinde Linz, Mengerstraße 23, Tagungsbeginn ist 19 Uhr.
Franz Jägerstätter wurde am 20. Mai 1907 in St. Radegund, einer 500-Personen-Gemeinde an der Salzach im Westen Oberösterreichs, geboren. Seine Mutter, die ledige Bauernmagd Rosalia Huber und der Vater Franz Bachmeier waren als Dienstboten zu arm, um zu heiraten. Der kleine Franz blieb in der Obsorge seiner Großmutter, bis die Mutter 1917 den Bauern Heinrich Jägerstätter heiratete, der den Buben adoptierte. Franz besuchte sieben Jahre lang die einklassige Volksschule von St. Radegund und wurde zum eifrigen Leser zahlreicher Bücher, die er am Hof seines Adoptivvaters vorfand. Mit 20 ging er für drei Jahre als Arbeiter ins steirische Eisenerz. 1936 heiratete er seine Frau Franziska. Aus der Ehe entstammten drei Kinder. Jägerstätter bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof und war Mesner in der Pfarrkirche von St. Radegund. Bei der Abstimmung über den "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland am 10. April 1938 stimmte er mit "Nein".
Schon im Jänner 1938 hatte Franz Jägerstätter einen Traum, bei dem er viele junge und alte Leute auf einen Eisenbahnzug zuströmen sah. Dabei vernahm er eine Stimme: Dieser Zug fährt in die Hölle. "Ich möchte eben jedem zurufen, der sich in diesem Zuge befindet: 'Springt raus, ehe dieser Zug in seine Endstation einfährt, wenn es dabei auch das Leben kostet'. Somit glaube ich, hat mir Gott es durch diesen Traum klar genug gezeigt und ins Herz gelegt, mich zu entscheiden, ob Nationalsozialist - oder Katholik", so eine Stelle aus einem Gefängnisbrief. Und weiter: "Christus verlangt aber auch von uns ein öffentliches Bekenntnis unseres Glaubens - genauso wie auch der Führer Adolf Hitler selber von seinen Volksgenossen".
Im Sommer 1940 wurde Jägerstätter erstmals zum deutschen Militär einberufen und am 17. Juni in Braunau vereidigt. Nach wenigen Tagen konnte er jedoch auf Betreiben des Bürgermeisters auf den Hof zurückkehren. Von Oktober 1940 bis April 1941 war er abermals in der Wehrmacht, allerdings nicht im Fronteinsatz. Er durfte schließlich wieder auf den Hof zurück, da er auf abermaliges Betreiben des Bürgermeisters als "unabkömmlich" abgestellt wurde.
1943 holte die Wehrmacht Jägerstätter schließlich endgültig ein. Am 1. März musste er erneut der Einberufung der Militärbehörden in Enns Folge leisten, wo er sogleich seine Verweigerung aussprach. Nach zwei Monaten Haft in Linz wurde er nach Berlin-Tegel überstellt, wo vor dem 2. Senat des Reichskriegsgerichts am 6. Juni 1943 die Hauptverhandlung gegen ihn stattfand. Er wurde "wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode sowie zum Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt". Am 9. August 1943 um 16 Uhr wurde Franz Jägerstätter enthauptet.
Jägerstätter war kein strikter Pazifist. Unter bestimmten Bedingungen wäre er durchaus zum Dienst mit der Waffe bereit gewesen. Er wandte sich jedoch vehement gegen das nationalsozialistische Regime und dessen Aggressionskriege, und daraus folgend gegen den Dienst in der deutschen Wehrmacht. Der Bauer aus St. Radegund besprach seine Einstellung und sein Vorhaben der Kriegsdienstverweigerung nicht nur mit seiner Familie, sondern auch mit einigen Priestern. Allen war klar, dass ihn die Verweigerung das Leben kosten würde. Viele, auch Geistliche, versuchten ihn umzustimmen. Jägerstätter wandte sich sogar an den Linzer Diözesanbischof Joseph Fließer, um ihn um Rat zu fragen.
Doch Fließer hatte Angst, Jägerstätter könne ein "Agent provocateur" sein. Eine nicht unberechtigte Sorge, gab es doch gerade im Bereich der Diözese Linz von Seiten der Gestapo starken Druck gegen die Kirche. Viele Priester wurden verhaftet, einige auch ermordet. Allein aus dem Dekanat Ostermiething, zu dem St. Radegund gehört, wurden acht von zwölf Priestern verhaftet.
Bischof Fließer drängte Jägerstätter, wenn schon nicht um seiner selbst, dann doch wenigstens um seiner Familie willen den Dienst in der Wehrmacht anzutreten. Seine Verantwortung für die Familie sei viel größer sei als jene des Bürgers für die Taten der Obrigkeit, so der Bischof. Es läge nicht in der Kompetenz Jägerstätters, darüber zu entscheiden, ob der Staat recht handle oder nicht.
Weder Lehramt noch Theologie billigten zur damaligen Zeit dem einzelnen, einfachen Christen die Fähigkeit zu, zu erkennen, was ein gerechter und was ein ungerechter Krieg sei. Eine Fähigkeit, die der einfache Bauer Franz Jägerstätter aber durchaus für sich in Anspruch nahm. Er unterschied klar zwischen der legitimen Verteidigung des Vaterlandes als letzte Notwehrmaßnahme und einem Angriffskrieg unter den verbrecherischen Zielen des Nationalsozialismus. Sein Gewissen verbot es ihm daher, Kriegsdienst zu leisten. Wie sich später herausstellte, wäre er bereit gewesen, als Sanitätssoldat - aus christlicher Nächstenliebe heraus - seinen Dienst in der Wehrmacht zu leisten, worauf das Kriegsgericht aber nicht näher eingegangen war.
Zur Rolle der oberösterreichischen Kirche 1938-45 meint Bischof Scheuer, dass Jägerstätter zwar priesterliche Freunde hatte, die ihm von seinem Weg abraten wollten, insgesamt aber seinen Weg auf Grund seiner Kirchlichkeit und nicht gegen die Kirche gegangen sei. Kritischer sei hingegen der Stellenwert Jägerstätters im Gedächtnis der Kirche nach 1945 zu beurteilen: "Da sind schon in der ersten Nachkriegszeit große Versäumnisse zu beklagen. Letztlich sollte Jägerstätter auf die Seite geschoben werden". In der pastoralen Arbeit habe man versucht, Kriegsteilnehmer und ehemalige Nazis zu integrieren, ohne die Frage von Schuld zu stellen. Auch noch in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil habe man davon wenig wissen wollen. So hätte beispielsweise der Dogmatiker Gottfried Bachl bei der Linzer Diözesansynode 1970/72 einen Gang nach Mauthausen vorgeschlagen, was abgelehnt wurde.
Es gab aber auch einen zweiten Grund dafür, warum sich die Kirche bis 1989 mit Jägerstätter schwer tat: Der Oberösterreicher wurde von der katholischen Friedensbewegung für sich reklamiert, und er war für diese "die" Symbolfigur für jede Art von Wehrdienstverweigerung.
Erst das Ende des Kalten Krieges machte diesbezüglich eine entspanntere kirchliche Haltung möglich. Die auch innerkirchlich verhärteten Fronten zum Friedensthema begannen sich jetzt zu mildern. So war etwa der während des Vietnamkriegs 1964-75 tief gespaltene US-Episkopat während des Irakkriegs 2003 in der Ablehnung dieses Krieges eindeutig.
Und so musste auch mit der Seligsprechung Jägerstätters zugewartet werden. Erst 1997 war die Zeit reif. Damals leitete der Linzer Bischof Maximilian Aichern das Informativverfahren für die Seligsprechung Jägerstätters auf diözesaner Ebene ein. In vier Jahren wurden alle Daten, Dokumente und Zeugnisse, die über Jägerstätter existieren, gesammelt, gesichtet und erfasst. Der Akt enthält auch 25 Zeugenaussagen von Personen, die Jägerstätter noch persönlich gekannt und zum Teil auch im Gefängnis erlebt haben. 2001 wurde der Akt dem Vatikan übergeben. Das Martyrium wurde schließlich am 1. Juni 2007 anerkannt. Jägerstätter setzte auf seine eigene Entscheidungsfähigkeit als getaufter und mündiger Christ. Er folgte seinem Gewissen als letzte Instanz. Es sollte mehr als 60 Jahre dauern, bis die Kirche Jägerstätters Position bestätigen konnte.






