Linzer Bischof Ludwig Schwarz bei Pressekonferenz: Das "prophetische Zeugnis" des Märtyrers für die christliche Wahrheit beruhte auf einer "klaren Analyse der Barbarei des Nationalsozialismus" - Kardinal Saraiva Martins nimmt am 26. Oktober im Linzer Dom die Seligsprechung Jägerstätters vor
Linz, 18.10.07 (KAP) Die Seligsprechung des Kriegsdienstverweigerers und Märtyrers Franz Jägerstätter (1907-1943) muss "unter dem Vorzeichen des Verzeihens, der Versöhnung, der Entgiftung und der Entfeindung" verstanden werden. Das betonte der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz am Donnerstag bei einer Pressekonferenz, bei der über die Details der großen Feier im Linzer Dom am bevorstehenden Nationalfeiertag, 26. Oktober, informiert wurde. Wörtlich sagte Schwarz: "Eine Seligsprechung ist nicht in der Logik von Sieg und Niederlage, von Aufwertung und Abwertung zu verstehen". Es gehe nicht um das Auslöschen der Erinnerung an jene, die einen anderen Weg gegangen sind. Zugleich betonte der Linzer Diözesanbischof, dass das "prophetische Zeugnis" des Märtyrers Franz Jägerstätter für die christliche Wahrheit auf einer "klaren Analyse der Barbarei des menschen- und gottverachtenden Systems des Nationalsozialismus" beruhte. Jägerstätter habe einen "Weit- und Durchblick" besessen, wie ihn "damals die wenigsten seiner Zeitgenossen hatten".
Die Feier der Seligsprechung findet am 26. Oktober bei der Heiligen Messe um 10 Uhr im Linzer Mariendom statt. Papst Benedikt XVI. hat als seinen Vertreter den Präfekten der Heiligsprechungskongregation, Kardinal Jose Saraiva Martins delegiert, der den eigentlichen Akt der Seligsprechung vornehmen wird. Die Eucharistiefeier leitet Bischof Schwarz, der auch die Predigt hält. Konzelebranten sind Nuntius Erzbischof Edmond Farhat, die österreichischen Bischöfe mit Kardinal Christoph Schönborn an der Spitze und zahlreiche ausländische Bischöfe. Auch der Grazer Altbischof Johann Weber wird anwesend sein, der einer der wenigen Bischöfe ist, die noch selbst die Kriegsgeneration repräsentieren. Zahlreiche Politiker, u.a. der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer, haben ihre Teilnahme angekündigt. Auch aus dem Ausland werden viele Gäste erwartet.
Bischof Schwarz erinnerte bei der Pressekonferenz daran, dass Jägerstätter zunächst in den USA - durch den Historiker Gordon Zahn - als "Vorbild in der Treue zum Gewissensanspruch" entdeckt wurde. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil sei Jägerstätter in der Debatte um die Gewissensfreiheit ins Spiel gebracht worden. Wörtlich sagte der Bischof in diesem Zusammenhang: "An Jägerstätters Person und Entscheidung reiben sich viele. Nicht wenige aber sehen in ihm einen Anwalt der Gewaltlosigkeit, einen Warner vor Ideologien, eine Orientierungshilfe in schwieriger Zeit, einen gerechten Zeugen der Wahrheit in einer ungerechten Zeit, einen gläubigen Menschen, dem Gott wirklich Mitte und Zentrum des Lebens war".
In der ganzen Diözese Linz und darüber hinaus sei Freude über die Seligsprechung Jägerstätters spürbar, unterstrich Bischof Schwarz. Sinn einer Seligsprechung sei es vor allem, die Hoffnung der Menschen zu stärken und ihnen Selige bzw. Heilige als Vorbilder und Fürsprecher zu geben. Die Verehrung der Seligen sei Ausdruck der Solidarität zwischen den in Gott Vollendeten und denen, die noch als "Pilger" unterwegs sind, ein "Zeichen des liebenden Gedächtnisses und der Ermutigung zur Nachfolge".
Die Seligsprechungsfeier wird direkt in ORF 2, in 3SAT und im Bayrischen Fernsehen übertragen, ebenso im Radioprogramm von ORF-Oberösterreich.
Reliquiar mit Traumaufzeichnung
Bei der liturgischen Feier findet auch eine Prozession mit dem Reliquienschrein des Seligen statt. Im Jahre 1946 war die Urne Franz Jägerstätters durch Ordensfrauen von Berlin nach Oberösterreich gebracht worden, wo sie am 9. August 1946 an der Kirchenmauer von St. Radegund, dem Heimatort Jägerstätters, bestattet wurde. Aus dieser Urne stammt eine Knochenreliquie, die der Künstler Herbert Friedl jetzt in sein als Glas-Zylinder ausgeführtes Reliquiar integriert hat. Das Reliquiar enthält auch die autographe Aufzeichnung eines zentralen Traums von Jägerstätter, in dem er vor den Schrecknissen der Nationalsozialisten gewarnt wurde. Bei der Prozession wird die Witwe Franz Jägerstätters das Reliquiar begleiten.
Zur Verehrung der Reliquien wird am 26. Oktober das "Jägerstätter-Lied" gesungen, in der Kirche wird ein dreimal drei Meter großes Bild enthüllt, um den Märtyrer der Gemeinde "sichtbar vor Augen zu stellen", erklärte bei der Pressekonferenz Prof. Ewald Volgger, der für die liturgische Gestaltung verantwortlich ist. Die Messe wird in Rot, der Farbe des Martyriums, gefeiert.
Die Fürbitten werden von Menschen vorgetragen, die das Spektrum der Lebenswirklichkeiten repräsentieren, mit denen Jägerstätter in Berührung kam oder die sich an seinem Vorbild orientieren: Die Österreich-Sektion der katholischen Friedensbewegung "Pax Christi", der Franziskanerorden (der Märtyrer war Angehöriger des Dritten Ordens der Franziskaner), die italienische Verehrergemeinschaft in Piacenza, die Familie (sie wird von einer Enkelin des Seligen aus St. Radegund vertreten, die auch für die Mesnergemeinschaft spricht), die Lehrerschaft, das österreichische Bundesheer, die Veteranen, die Ordensfrauen. Für die Gläubigen wird es ein ausführliches Feierheft geben, das die ganze Feier dokumentiert. Das Heft ist mit einem Kreuzweg von Herbert Friedl gestaltet, den er für die Pfarrkirche von Altenberg geschaffen hat.
Gedenktag am 21. Mai
Der liturgische Gedenktag Franz Jägerstätters wird künftig am 21. Mai, seinem Tauftag, gefeiert, weil am Todestag - dem 9. August -bereits der Heiligen Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) und am Geburtstag - dem 20. Mai - des Heiligen Bernhardin von Siena gedacht wird. Am 28. Oktober wird Bischof Ludwig Schwarz in St. Radegund die erste Messe zu Ehren Franz Jägerstätters feiern. Die Predigt wird dabei der Linzer Altbischof Maximilian Aichern halten.
Veranstaltungen und Präsentationen rund um die Seligsprechung sind u.a. eine Ausstellung des Landes Oberösterreiche im Linzer Ursulinenhof ab 23. Oktober, eine Präsentation des Buches "Selig, die keine Gewalt anwenden" von Bischof Manfred Scheuer am 25. Oktober um 20 Uhr in der Krypta der Linzer Karmeliten an der Landstraße, eine Aufführung der Jägerstätter-Oper am 26. Oktober um 17 Uhr im Linzer Alten Dom sowie eine Gebetsnacht in Ostermiething am 27. Oktober ab 20 Uhr.
Ein Jägerstätter-Schülerwettbewerb der "Initiative Jägerstätter" und der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz ist angelaufen. Mit einer Wanderausstellung für Schulen und Pfarren soll ein einfacher biografischer Zugang ermöglicht werden. Verschiedene kirchliche Einrichtungen wie die Katholische Aktion, die Katholische Männerbewegung, die Bildungseinrichtungen usw. nehmen sich des Themas an.
Buch über Jägerstätter erschien 1964
Wie kein anderer ist Franz Jägerstätter zum Inbegriff des katholischen Widerstandes in Österreich und zur internationalen Symbolfigur der katholischen Friedensbewegung geworden. Bereits 1964 brachte der amerikanische Historiker und Soziologe Gordon Zahn in den USA das Buch "In Solitary Witness: The Life and Death of Franz Jägerstätter" über den Innviertler Bauern heraus (deutsch 1967 unter dem Titel "Er folgte seinem Gewissen - Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter" erschienen). Das Buch diente u.a. als Vorlage für den berühmten TV-Film von Axel Corti.
Zahn war nach 1945 Besatzungssoldat im Innviertel. Die Geschichte Jägerstätters hatten ihm Familienangehörige des Märtyrers berichtet; nach seiner Rückkehr in die USA ordnete Zahn seine Recherchen. Die Buchveröffentlichung löste zuerst in den USA großes Aufsehen aus. So schrieb der Trappistenpater Thomas Merton, einer der wichtigsten katholischen Autoren des 20. Jahrhunderts, über Jägerstätter.
Franz Jägerstätter wurde am 20. Mai 1907 in St. Radegund, einer 500-Seelen-Gemeinde an der Salzach im Westen Oberösterreichs, geboren. Seine Mutter, die ledige Bauernmagd Rosalia Huber und der Vater Franz Bachmeier waren als Dienstboten zu arm, um zu heiraten. Der kleine Franz blieb in der Obsorge seiner Großmutter, bis die Mutter 1917 den Bauern Heinrich Jägerstätter heiratete, der den Buben adoptierte. Franz besuchte sieben Jahre lang die einklassige Volksschule von St. Radegund und wurde zum eifrigen Leser zahlreicher Bücher, die er am Hof seines Adoptivvaters vorfand. Mit 20 ging er für drei Jahre als Arbeiter ins steirische Eisenerz. 1936 heiratete er seine Frau Franziska. Aus der Ehe entstammten drei Kinder. Jägerstätter bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof und war Mesner in der Pfarrkirche von St. Radegund. Bei der Abstimmung über den "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland am 10. April 1938 stimmte er mit "Nein".
Schon im Jänner 1938 hatte Franz Jägerstätter einen Traum, bei dem er viele junge und alte Leute auf einen Eisenbahnzug zuströmen sah. Dabei hörte er eine Stimme: Dieser Zug fährt in die Hölle. "Ich möchte eben jedem zurufen, der sich in diesem Zug befindet: 'Springt ab, ehe dieser Zug in seine Endstation einfährt, wenn es dabei auch das Leben kostet'. Somit glaube ich, hat mir Gott es durch diesen Traum klar genug gezeigt und ins Herz gelegt, mich zu entscheiden, ob Nationalsozialist - oder Katholik", so eine Stelle aus einem Gefängnisbrief. Und weiter: "Christus verlangt aber auch von uns ein öffentliches Bekenntnis unseres Glaubens - genauso wie auch der Führer Adolf Hitler von seinen Volksgenossen".
Im Sommer 1940 wurde Jägerstätter erstmals zum deutschen Militär einberufen und am 17. Juni in Braunau vereidigt. Nach wenigen Tagen konnte er jedoch auf Betreiben des Bürgermeisters auf den Hof zurückkehren. Von Oktober 1940 bis April 1941 war er abermals in der Wehrmacht, allerdings nicht im Fronteinsatz. Er durfte schließlich wieder auf den Hof zurück, da er auf abermaliges Betreiben des Bürgermeisters "uk" (unabkömmlich) gestellt wurde.
1943 wurde er wieder einberufen. Am 1. März musste er erneut der Einberufung der Militärbehörden in Enns Folge leisten, wo er seine Verweigerung aussprach. Nach zwei Monaten Haft in Linz wurde er nach Berlin-Tegel überstellt, wo vor dem 2. Senat des sogenannten Reichskriegsgerichts am 6. Juni 1943 die Hauptverhandlung gegen ihn stattfand. Er wurde "wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode sowie zum Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt". Am 9. August 1943 um 16 Uhr wurde Franz Jägerstätter enthauptet.
Jägerstätter war kein strikter Pazifist. Unter bestimmten Bedingungen wäre er durchaus zum Dienst mit der Waffe bereit gewesen. Er wandte sich jedoch vehement gegen das nationalsozialistische Regime und dessen Aggressionskriege, und daraus folgend gegen den Dienst in der deutschen Wehrmacht. Der Bauer aus St. Radegund besprach seine Einstellung und sein Vorhaben der Kriegsdienstverweigerung nicht nur mit seiner Familie, sondern auch mit einigen Priestern. Allen war klar, dass ihn die Verweigerung das Leben kosten würde. Viele, auch Geistliche, versuchten ihn umzustimmen. Jägerstätter wandte sich sogar an den Linzer Diözesanbischof Joseph Fließer, um ihn um Rat zu fragen.
Doch Fließer hatte Angst, Jägerstätter könne ein "Agent provocateur" sein. Eine nicht unberechtigte Sorge, gab es doch gerade im Bereich der Diözese Linz von Seiten der Gestapo starken Druck gegen die Kirche. Viele Priester wurden verhaftet, einige auch ermordet. Allein aus dem Dekanat Ostermiething, zu dem St. Radegund gehört, wurden acht von zwölf Priestern verhaftet. Bischof Fließer drängte Jägerstätter, wenn schon nicht um seiner selbst, dann doch wenigstens um seiner Familie willen den Dienst in der Wehrmacht anzutreten. Seine Verantwortung für die Familie sei viel größer sei als jene des Bürgers für die Taten der Obrigkeit, so der Bischof. Es läge nicht in der Kompetenz Jägerstätters, darüber zu entscheiden, ob der Staat recht handle oder nicht.
Weder Lehramt noch Theologie billigten zur damaligen Zeit dem einzelnen Christen die Fähigkeit zu, zu erkennen, was ein gerechter und was ein ungerechter Krieg sei. Eine Fähigkeit, die der einfache Bauer Franz Jägerstätter aber durchaus für sich in Anspruch nahm. Er unterschied klar zwischen der legitimen Verteidigung des Vaterlandes als letzte Notwehrmaßnahme und einem Angriffskrieg unter den verbrecherischen Zielen des Nationalsozialismus. Sein Gewissen verbot es ihm daher, Kriegsdienst zu leisten. Wie sich später herausstellte, wäre er bereit gewesen, als Sanitätssoldat - aus christlicher Nächstenliebe heraus - seinen Dienst in der Wehrmacht zu leisten, worauf das Kriegsgericht aber nicht näher eingegangen war.
Zur Rolle der oberösterreichischen Kirche 1938-45 meint Bischof Scheuer, dass Jägerstätter zwar priesterliche Freunde hatte, die ihm von seinem Weg abraten wollten, insgesamt sei er aber seinen Weg auf Grund seiner Kirchlichkeit und nicht gegen die Kirche gegangen. Kritischer sei hingegen der Stellenwert Jägerstätters im Gedächtnis der Kirche nach 1945 zu beurteilen: "Da sind schon in der ersten Nachkriegszeit große Versäumnisse zu beklagen. Letztlich sollte Jägerstätter auf die Seite geschoben werden". In der pastoralen Arbeit habe man versucht, Kriegsteilnehmer und ehemalige Nazis zu integrieren, ohne die Frage von Schuld zu stellen. Auch noch in der Zeit unmittelbar nach dem Konzil habe man davon wenig wissen wollen. So hätte beispielsweise der Dogmatiker Gottfried Bachl bei der Linzer Diözesansynode 1970/72 einen Gang nach Mauthausen vorgeschlagen, was abgelehnt wurde.
Erst 1997 war die Zeit reif. Damals leitete der Linzer Bischof Maximilian Aichern das Informativverfahren für die Seligsprechung Jägerstätters auf diözesaner Ebene ein. In vier Jahren wurden alle Daten, Dokumente und Zeugnisse, die über Jägerstätter existieren, gesammelt, gesichtet und erfasst. Der Akt enthält auch 25 Zeugenaussagen von Personen, die Jägerstätter noch persönlich gekannt und zum Teil auch im Gefängnis erlebt haben. 2001 wurde der Akt der vatikanischen Heiligsprechungskongregation übergeben. Das Martyrium wurde schließlich am 1. Juni 2007 anerkannt. Jägerstätter war seinem Gewissen gefolgt. Es sollte mehr als 60 Jahre dauern, bis die Kirche Jägerstätters Position bestätigen konnte.






