Der Wiener Erzbischof konzelebriert bei der Seligsprechungsfeier am Freitag im Linzer Mariendom
Wien, 25.10.07 (KAP) Der Märtyrer Franz Jägerstätter (1907-1943) hat gewusst, dass seine Einsicht in Wesen des Nationalsozialismus "Gnade" war. Dies betont Kardinal Christoph Schönborn in der neuesten Ausgabe der Wiener Katholikenzeitung "Der Sonntag". Wörtlich stellt der Wiener Erzbischof fest: "Man kann nur staunen, mit welcher Sicherheit dieser einfache Mann die geistige und auch politische Situation seiner Zeit erfasste, Lüge von Wahrheit unterschieden habe. Jägerstätter habe selbst Priestern und seinem Linzer Bischof gegenüber "bestimmt und demütig" seinen Weg begründet, ohne je "die Hierarchie oder die den Kriegsdienst leistenden Katholiken zu verurteilen".
Grundlegend für die Haltung von Franz Jägerstätter sei die unbedingte Bereitschaft gewesen, Gott zu dienen. Die Treue zu Gott sei ihm kostbarer gewesen als alles, "selbst das eigene Leben". In Jägerstätters Leben gehe es um die alte und immer neue Wahl zwischen den zwei Wegen, um die Entscheidung für den einen oder den anderen Herrn. Diese Wahl sei zuerst im eigenen Herzen zu treffen.
Kardinal Schönborn ist am Freitag einer der Konzelebranten bei der feierlichen Seligsprechungsmesse für Jägerstätter im Linzer Dom. Schon als Student war der heutige Wiener Erzbischof auf das bahnbrechende Buch des amerikanischen Historikers Gordon Zahn über Jägerstätter gestoßen. In seiner Kolumne in der Wiener Gratistageszeitung "Heute" schrieb Kardinal Schönborn dazu am Donnerstag: "Mich beeindruckte, mit welcher Klarheit er die Ideologie der Nazis durchschaute. Er könne nicht dem zugleich dem Reich Christi und dem Dritten Reich dienen. Aber so viele leisten den Kriegsdienst, auch gute Katholiken, so hielt man ihm entgegen. Seine Antwort überzeugt: Er verurteile niemanden, der dies mache, nur müsse er persönlich seinem Gewissen folgen". Der Wiener Erzbischof hat Franz Jägerstätter immer wieder als "Märtyrer des Gewissens" gewürdigt.
Scheuer: Den ganzen Menschen sehen
Der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer - der "Postulator" im Linzer diözesanen Seligsprechungsverfahren für Jägerstätter war - betonte in einem Interview mit der Kirchenzeitung "Tiroler Sonntag", dass man an dem Märtyrer nicht nur die Verweigerung des Kriegsdienstes sehen dürfe. Es gehe vielmehr darum, die ganze Persönlichkeit in den Blick zu nehmen: "Dazu gehören besonders auch seine Ehe, seine Familie, sein Glaube und seine Mündigkeit". Jägerstätter sei nach und nach in seinem Glauben gereift, auch in seiner Beziehungsfähigkeit zu seiner Frau und als Familienvater, betonte Bischof Scheuer. Der spätere Märtyrer habe eine sehr glückliche Ehe geführt, er habe mit seiner Frau gebetet und mit ihr im Evangelium gelesen und er habe sein Leben an der Eucharistie orientiert. Weil er täglich zur Messe ging, sei er auch Mesner geworden. Der Bischof hob auch hervor, dass sich Jägerstätter, was damals kaum üblich war, als Vater sehr liebevoll um seine Kinder gekümmert hatte. Scheuer: "Er hat damit vorweg genommen, was erst Jahrzehnte später in das Bewusstsein der Väter gesickert ist".
Trotz aller Unterschiedlichkeit der Situationen habe das Lebenszeugnis von Franz Jägerstätter auch für Soldaten von heute Bedeutung, sagte Scheuer. Grundsätzlich sei klar zu sagen, dass man den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus nicht einfach mit der Gegenwart vergleichen könne. An Jägerstätter lasse sich aber die klare Position ablesen, "dass Gewalt kein Weg sein kann, um eigene Machtinteressen durchzusetzen".
Jägerstätter habe den Krieg gegen Polen und Russland klar als Angriffskrieg durchschaut, in dem es um materielle Interessen ging. Im Hinblick auf Soldaten von heute heiße das, "dass sie sich als Diener des Friedens und Wahrer des Rechts zu verstehen haben". Scheuer unterstrich, dass Jägerstätter kein Wehrdienstverweigerer an sich gewesen sei. Er sei der Meinung gewesen, dass Österreich 1938 das Recht auf Selbstverteidigung gehabt habe. Jägerstätter gehe es vielmehr um ein Nein zu einem ungerechten Krieg.
KA: "Vorbild für Zivilcourage"
Die Katholische Aktion (KA) der Diözese Linz hofft, dass das Signal der Seligsprechung von Franz Jägerstätter weit über den kirchlichen Bereich hinaus verstanden wird und gesellschaftspolitisch Wirkung zeigt. Durch die Seligsprechung des Märtyrers werde das konsequente christliche Handeln Jägerstätters als Beispiel für gelebten Glauben und als Vorbild für Zivilcourage gewürdigt, hieß es in einer Presseaussendung der KA im Blick auf die Seligsprechungsfeiern am Nationalfeiertag in Linz.
Der neue Selige sei eine der herausragenden Gestalten christlicher Verweigerung gegen ein menschenverachtendes Regime, gegen Unmenschlichkeit und Totalitarismus: "Damit ist und bleibt Franz Jägerstätter als Mahner auch in der heutigen Zeit von großer Bedeutung". Jägerstätter habe in seinen Briefen deutlich gemacht, dass es immer auf die persönliche Entscheidung ankommt. Diese Grundhaltung sei zeitlos und ein Gebot für verantwortungsvolles Handeln auch heute, so die KA der Diözese Linz.
"Vorbild für die Katholische Jugend"
Franz Jägerstätter sei "ein Symbol für Zivilcourage und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus": Die Katholische Jugend Österreich (KJÖ) betonte am Donnerstag in einer Erklärung, dass sie dem bis in die Gegenwart wirksamen Handeln des Märtyrers hohe Bedeutung zumesse.
"Die Seligsprechung am Nationalfeiertag im Linzer Mariendom ist ein wichtiges Signal an unsere Gesellschaft, aber auch an die Kirche. Franz Jägerstätter ist ein wahrer Märtyrer des Gewissens", betonte Stefan Wurm, Vorsitzender der KJÖ. Jägerstätter sei ein Mensch gewesen, der offensichtlich mit klarem Blick die Ereignisse seiner Zeit zu deuten verstand. Er habe erkannt, dass Christentum und Nationalsozialismus nicht miteinander vereinbar sind und standhaft geweigert, ein "Kollaborateur des menschenverachtenden Systems" zu werden. Besonders bewundernswert sei seine Treue dem eigenen Gewissen gegenüber.
Zivilcourage wie sie Jägerstätter gehabt habe, bleibe auch eine Aufgabe für die Gegenwart, betonte Wurm. In einer Zeit, in der "rechtsextremes und ausländerfeindliches Gedankengut ein beängstigendes Hoch erlebt", dürfe Organisationen, die mit diesen Inhalten sympathisieren, keine Bühne geboten werden. Jägerstätter sei "ein Vorbild zum Anfassen", sagte der Vorsitzende der Katholischen Jugend. Konkret könnten junge Menschen von ihm lernen, "wachen Herzens die Vorgänge der Welt zu verfolgen, reifen Gewissens Dinge zu beurteilen und demgemäß zu handeln".
Jägerstätter-Fenster in der Votivkirche
Im Zusammenhang mit der Seligsprechung von Franz Jägerstätter hat der Pfarrer der Wiener Votivkirche und Tourismusseelsorger der Erzdiözese Wien, Joseph Farrugia, an das Jägerstätter-Fenster im berühmten "Ringstraßendom" erinnert. Das Fenster aus den sechziger Jahren ist das erste Sakralkunstwerk überhaupt, das das Martyrium des oberösterreichischen Bauern aufgreift.
Im Zweiten Weltkrieg waren alle Fenster der Votivkirche zerstört worden. Nach dem Krieg wurden die Fenster provisorisch verglast. Im Zuge einer umfangreichen Kirchenrestaurierung 1960-73 wurde eines der neuen Fenster, die von den akademischen Malern Hans Schweiger und Christine Räntz-Feldmann stammen, mit dem Thema Widerstand und Franz Jägerstätter gestaltet. Initiator war der damalige Propst Anton Maria Pichler.
Pichler, der mit namhaften katholischen Akademikern wie Prof. Kurt Schubert (1923-2007) in Kontakt stand, hatte damals selbst das Fensterprogramm mit Persönlichkeiten aus der österreichischen Kirchengeschichte in Auftrag gegeben. So findet sich u.a. auch ein Fenster über Hildgard Burjan (1883-1933), die nächstes Jahr selig gesprochen werden soll. Begonnen wurden die neuen Fenster in der Bischofskapelle, beendet wurden sie 1972/73 in der Kreuzkapelle. Hier nehmen die Fenster - im Sinne der ursprünglichen Bestimmung der Kirche als Garnisonskirche - auf heilig gesprochene und heiligmäßige Soldaten Bezug.
Für das Fenster beim Altar der Kreuzkapelle hatte Propst Pichler von der 1967 verstobenen Kammersängerin Maria Nemeth eine Summe geerbt. Er verzichtete auf die Auszahlung unter der Bedingung, dass davon jenes Fenster bezahlt werde, das Franz Jägerstätter darstellt.
Das Fenster entstand, als das 1964 in den USA erschienene Buch von Gordon Zahn über Jägerstätter ("In Solitary Witness") auf deutsch herauskam. Der Historiker Friedrich Heer hatte dieses Buch bereits 1964 gelesen und es danach Kardinal Franz König und Prof. Schubert geschenkt, die auf diesem Weg - wie viele andere Österreicher, u.a. der Regisseur Axel Corti - erstmals von Jägerstätter erfuhren.
"Entscheidung für das Leben"
Die österreichische Sektion der katholischen Friedensbewegung "Pax Christi" erhofft von der Seligsprechung Jägerstätters wertvolle Impulse. Es werde eine Gewissensentscheidung gegen Lebensverachtung und Töten und für gewaltlose Solidarität als vorbildhaft christlich gewürdigt. Vor die Wahl gestellt, andere in einem ungerechten Krieg zu töten oder selbst getötet zu werden, habe Jägerstätter sich für das Leben der anderen entschieden. In diesem Akt der Verweigerung bis zum Tod werde exemplarisch die unaufgebbare Freiheit des Menschen sichtbar.
Mit der Seligsprechung Jägerstätters würden überdies auch andere Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkriegs gewürdigt. Außerdem werde bekräftigt, dass das in Gott verortete Gewissen über jede staatliche Pflicht zu stellen ist. "Pax Christi" wendet sich zugleich gegen Bedenken, dass mit dieser Seligsprechung die sogenannte Kriegsgeneration pauschal verurteilt werde. Viele Soldaten hätten ihren Kriegsdienst in der deutschen Wehrmacht nicht aus Überzeugung und nicht als stramme Gefolgsleute des Nationalsozialismus und seiner rassistischen und großdeutschen Ideologie geleistet. Franz Jägerstätter selbst habe betont, dass er in keiner Weise ein Urteil über andere fällen wolle, die nicht so handeln könnten wie er. Dies mindere nicht die prophetische Kraft von Jägerstätters Handeln, so "Pax Christi".






