Erna Putz, die Biografin des neuen Seligen, im "Kathpress"-Gespräch: Jägerstätter schafft "Versöhnung zwischen den Generationen", weil seine Gestalt das Gespräch über lange Verschwiegenes möglich macht
Linz, 25.10.07 (KAP) Die Seligsprechung von Franz Jägerstätter eröffnet vielen Menschen Zugang zum Schicksal von ehemaligen Wehrmachtssoldaten. Das berichtete die Jägerstätter-Biografin Erna Putz am Donnerstag in einem Interview mit "Kathpress". Bei Vorträgen über Jägerstätter habe sie in letzter verstärkt erlebt, dass Krankenschwestern, Pflegepersonen oder Angehörige berichten, wie sehr ehemalige Soldaten gerade in ihrer letzten Lebensphase unter ihren Kriegserinnerungen und damit verbundenen Schuldgefühlen leiden. Dies betreffe vor allem jene Generation von Männern, die in sehr jungem Alter - und damit unerfahren und persönlich wenig gefestigt - zur Wehrmacht eingezogen wurden (aus der Generation Jägerstätters - er wurde 1907 geboren - leben nur mehr wenige).
Als diese "Buben" aus dem Krieg zurückkamen, habe man sie mit ihren Traumata und ihren Schulderfahrungen "völlig allein gelassen". Mitschuld daran sei auch, dass man über Personen wie Jägerstätter einen Mantel des Schweigens gebreitet habe. Gegen Ende ihres Lebens wollen viele ihre "große Last" loswerden und darüber reden, und eine verstärkte Auseinandersetzung mit Franz Jägerstätter ermögliche auch Nachkommen und Pflegepersonen einen Zugang zu dieser Thematik. Jägerstätter stifte so auch "Versöhnung zwischen den Generationen", weil seine Gestalt es ermögliche, über lange Verschwiegenes zu reden, unterstrich Putz.
Bei der Seligsprechungsfeier in Linz am Nationalfeiertag werde die "Kriegsgeneration" aus Altersgründen nur mehr sehr eingeschränkt dabei sein. Eine Gruppe von ehemaligen Soldaten habe sich seit 1986 regelmäßig getroffen, um ausgehend vom Zeugnis Jägerstätters ihr eigenes Leben aufzuarbeiten. Personen aus diesem Kreis werden bei der Feier auch zugegen sein und Zeugnis geben.
Sie selbst habe, wie Putz mitteilte, "viele bewegende Briefe" von Betroffenen erhalten. Darin bekennen ehemalige Soldaten etwa, sie hätten in den letzten Kriegswochen noch "Fahnenflüchtige" festnehmen lassen, die dann hingerichtet wurden; der lebenslange Versuch, diese Schuld zu verdrängen, sei gescheitert. "Inzwischen kann ich sehr viel über Soldatenschicksale erzählen", so Putz: "Wenn jemand sehr gegen Jägerstätter ist, stehen oft schwer belastende Erfahrungen dahinter".
Auch den Menschen von heute habe Jägerstätters Vorbild und Zeugnis viel zu sagen, ist Erna Putz überzeugt. Jägerstätter habe "genau hingeschaut" und sich ein klares Bild von der Lage gemacht, die auch nicht weniger komplex war als die heutige; und er habe erkannt, dass er - als Mensch und als Christ - sehr wohl Spielraum für eine eigene Entscheidung hatte. "Wo sind wir heute blind? Wie genau wollen wir wirklich informiert sein?": Das seien, so Putz, die Fragen, zu denen Jägerstätter herausfordere. Ihm sei es wesentlich auch um "Gerechtigkeit" gegangen.
Auch Franziska wird gewürdigt
Mit der Seligsprechung werde Franz Jägerstätter offiziell als "Vorbild christlichen Lebens" vorgestellt. Das gebe seinem Zeugnis "noch einmal ein anderes Gewicht", betonte Erna Putz. Ein Aspekt dabei sei auch die Beziehung zu seiner Ehefrau Franziska. Sie habe viel dazu beigetragen, dass sich Franz in seinem Glauben entwickeln konnte. Als Familienvater habe sich Franz - mehr als damals üblich - auch um die Erziehung der Kinder gekümmert. Die Erinnerung an das familiäre Glück habe ihn auch über Krisen - etwa die ersten Wochen im Gefängnis in Berlin - getragen.
Putz hob weiter hervor, dass es ohne Franziska Jägerstätter mit ziemlicher Sicherheit nicht zur jetzigen Seligsprechung gekommen wäre. Sie habe die Briefe und sonstigen Zeugnisse ihres Mannes aufbewahrt und der Öffentlichkeit auf eine "sehr feine Weise" in diese Zeugnisse und damit in das Denken von Franz Einblick verschafft. Das sei sicher nicht einfach für sie gewesen, da es sich dabei auch um eine "sehr private Sphäre" handle. Was Franziska Jägerstätter getan hat, "ist ein großes Geschenk für die Öffentlichkeit und die Kirche", unterstrich die Jägerstätter-Biografin.
Jägerstätter-Gottesdienste in aller Welt
Mit der Seligsprechung übernehme die Kirche - allen voran die Diözese Linz - den Auftrag, dieses "Geschenk" weiterzutragen und das Glaubenszeugnis Jägerstätters wach zu halten. Wie stark die Seligsprechung auch international ausstrahle, davon zeugten nicht nur die vielen Gäste aus dem Ausland bei den bevorstehenden Feiern in Linz und St. Radegund, sondern auch Briefe und Anrufe aus aller Welt. Auch fänden in den nächsten Tagen an verschiedensten Orten Gottesdienste zu Ehren Jägerstätters statt, u.a. in London und in Philadelphia (USA). Einer der letzten Zellengenossen Jägerstätters, der damals seine Kriegsdienstverweigerung zurückzog, aber später aus der Wehrmacht desertieren konnte und ein großer Verehrer Jägerstätters sei, organisiere in seiner Heimat Lothringen ebenfalls einen Gedenkgottesdienst.
Erna Putz hatte sich über viele Jahre publizistisch und organisatorisch dafür eingesetzt, dass Jägerstätter bekannt gemacht und sein Martyrium anerkannt wird. Das sei nun erreicht, und für sie persönlich sei daher die Seligsprechung auch eine gewisse "Zäsur", so Putz im Gespräch mit "Kathpress". Sie wolle ihr Augenmerk nun verstärkt auf andere Priester, Ordensleute und Laien richten, die während der NS-Diktatur ebenfalls Widerstand leisteten und sich nicht beugten. "Das will ich ins Gedächtnis holen, das ist mir ein großes Anliegen", kündigte die Jägerstätter-Biografin an.
"Vorbild in Glauben und Konsequenz"
"Man kann schon sagen, dass ich stolz auf ihn bin", sagte die 94-jährige Franziska Jägerstätter am Donnerstag zur Seligsprechung ihres Mannes Franz. "Ich war überrascht, dass das mit der Seligsprechung so schnell gegangen ist, aber mir ist es recht. Ich freue mich", so die Ehefrau des neuen Seligen in einem Interview in den "Oberösterreichischen Nachrichten" (OÖN) vom Donnerstag. Auf die Frage, ob sie in den letzten Tagen viel an "ihren Franzl" denken müsse, antwortete Franziska Jägerstätter: "Ja. Ich brauche ihn, habe ihn schon oft gebraucht. Er muss mir oft helfen". Und sie freue sich darauf, "wenn wir zusammen kommen"; sie sei noch immer "verliebt" in ihren Ehemann.
In den OÖN kam auch Maria Dammer, eine der drei Töchter von Franziska und Franz Jägerstätter, zu Wort. Sie bewundere an ihrem Vater, "dass er das überhaupt durchgestanden hat. Er ist Vorbild. Auch im Glauben und in der Konsequenz. Man soll auch jungen Menschen sagen, dass sie nicht einfach einem Idol nachlaufen, sondern für sich entscheiden, ob das richtig ist oder nicht".
Franziska Jägerstätter unterstrich, dass für ihren Mann kein anderer Weg in Frage gekommen wäre als der, den er gegangen sei. Er habe Hitler und das NS-Regime strikt abgelehnt. Er habe zudem gesehen, wie viele aus seinem Heimatort St. Radegund im Krieg fielen - für falsche Ziele. Jägerstätters Tochter ergänzte: "Wofür er kämpfen soll, hat der Vater immer gefragt. Wieso die Leute umbringen, die einem nichts getan haben". Er habe auch sehr genau Angriffs- und Verteidigungskrieg auseinandergehalten. Angesichts von Hitlers Aggressionskriegen habe er einmal geschrieben: "Es gibt kein Vaterland zu verteidigen". Das hätten viele gewusst, aber andere hätten eben nicht so konsequent ihre Schlüsse daraus gezogen wie ihr Vater, so Maria Dammer.
In dem Gespräch bekundete Franziska Jägerstätter, auch sie selbst habe versucht, ihren Mann umzustimmen: "Immer wieder haben wir geredet. Tag und Nacht fast. Ich habe es dem Franzl nicht ausreden können". Zu den Personen, die Franz Jägerstätter von der Verweigerung des Kriegsdienstes abrieten, gehörte auch der damalige Pfarrer von St. Radegund. "Der Pfarrer wurde später auch eingesperrt, wie viele Pfarrer im Innviertel; weil er zuviel gesagt hat, bei der Predigt. Da war ein nationalsozialistischer Lehrer, der hat mitgeschrieben und den Pfarrer denunziert", berichtete Franziska. Ihr Mann sei auch beim Bischof in Linz gewesen. Die Kirche habe ja auch gesagt, er soll einrücken, "aber er war nie so gehorsam". "Er war recht niedergeschlagen nach dem Gespräch mit dem Bischof", so seine Tochter Maria.
Auch heute noch Anfeindungen
Weder Jägerstätters Frau noch seine Tochter können dem Vorwurf etwas abgewinnen, er habe seine Familie im Stich gelassen. "Er hätte ja, auch wenn er eingerückt wäre, keinen Garantieschein gehabt, dass er wieder heim kommt", so Maria Dammer. Die Nazis hätten ihn wegen seiner widerständigen Haltung "sicher irgendwo hingesteckt, wo er nimmer heim gekommen wäre". Anfeindungen gebe es auch heute noch; auch wenn die Leute nichts sagen, "man spürt das", so Franziska Jägerstätter.
Ihren Kindern habe sie damals von der Geschichte ihres Vaters "nicht viel" erzählt: "Ich habe nicht viel sagen können. Das kann man nicht leicht weitererzählen. Das tut weh". Erst ab den sechziger Jahren sei mehr über ihren Vater geredet worden, auch geschimpft, so Maria Dammer. Sie erinnert sich allerdings noch genau, wie es war, als die Todesnachricht eintraf: "Der Vater hat einen Abschiedsbrief geschrieben. Ich kann mich noch erinnern, wie die Mutter den Brief vorgelesen hat. Wir sind in der Stube beisammen gesessen, das war arg. Ich war damals fünf Jahre. Ich habe sehr geweint".
Franziska Jägerstätter heiratete ihren Mann Franz im Jahr 1936, das Paar bekam drei Mädchen: Aloisia, Maria und Rosalia; sie sind heute zwischen 67 und 70 Jahre alt. Franziska Jägerstätter wohnt bei ihrer Tochter Maria in St. Radegund; sie hat 14 Enkel- und 17 Urenkelkinder.






