Der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer war der Referent der diesjährigen St. Georgener Gespräche, die vom 20. bis 22. September im Kärntner Bildungshaus St. Georgen am Längsee stattfanden. Unter dem Thema "Der Geist macht lebendig - Perspektiven christlicher Spiritualität" beleuchtete Scheuer auch ausführlich Motivation und Spiritualität des NS-Märtyrers Franz Jägerstätter, der am 26. Oktober in Linz selig gesprochen wird. "Katholisch.at" dokumentiert im Folgenden Auszüge des Vortrags von Bischof Scheuer:
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Franz Jägerstätter bezieht seine Widerstandkraft gegen die Nazis aus der zu seiner Zeit gängigen moraltheologischen Tradition: "Die Gebote Gottes lehren uns zwar, dass wir auch den weltlichen Oberen Gehorsam zu leisten haben, auch wenn sie nicht christlich sind, aber nur soweit sie uns nichts Schlechtes befehlen." (Gefängnisbriefe und Aufzeichnungen/GBA 135) Weil es das Bestreben der NSDAP war, das Christentum auszurotten, sieht er es als sündhaft an, dieser Partei beizutreten. "Wie wir, glaub ich, alle wissen, die wir in der katholischen Religion erzogen wurden, sie es uns nämlich nicht erlaubt, einer kirchenfeindlichen Partei beizutreten, auch nicht für eine solche zu opfern, damit sie sich immer mehr ausbreiten könne." (GBA 159)
Jägerstätters Entscheidung, nicht an Hitlers Krieg mitzuwirken, ist von seiner persönlichen Überzeugung her eindeutig eine Glaubensentscheidung bzw. eine Konsequenz seines Glaubens und seiner Verbundenheit mit der Kirche. Er hat den Wehrdienst wegen seines Glaubens verweigert. Der Tod ist die Konsequenz seiner Entscheidung für Gott bzw. Christus den König. Für ihn ist der Glaube an Gott mit einer radikalen Ideologie- und Götzenkritik verbunden. Franz Jägerstätter realisierte die Widerstandskraft des Glaubens gegenüber barbarischen Systemen der Menschenverachtung und der Gottlosigkeit. Insofern ist im Sinne der Tradition von einem Martyrium zu sprechen.
Ein Märtyrer der Gerechtigkeit
Wendet man ein, er sei formal ja nicht wegen des Glaubens oder um eines Glaubensartikels willen, sondern wegen der Wehrdienstverweigerung hingerichtet worden, so würde zwischen Glaubens- und Sittenlehre ein garstiger Graben gezogen. Diese Spaltung zwischen Glaube und Sittenlehre ist ein Produkt der Neuzeit und entspricht nicht der Tradition (...). Franz Jägerstätter war davon überzeugt, dass der Angriffskrieg Hitlers ungerecht war und dass er deshalb nicht mitmachen könne. Das hat er wiederholt anderen gegenüber geäußert. So sagt ein Mitgefangener im Linzer Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis aus: "Er [Franz Jägerstätter] hat einfach gesagt, es ist ein ungerechter Krieg, da kämpft er nicht mit." Zur Ungerechtigkeit des Angriffskrieges äußert er sich auch wiederholt in seinen schriftlichen Aufzeichnungen. "Welcher Katholik getraut sich, diese Raubzüge, die Deutschland schon in mehreren Ländern unternommen hat, für einen gerechten und heiligen Krieg zu erklären?" (GBA 177)
Bei der Beurteilung des Krieges geht er nicht von Siegesmeldungen, sondern von der Frage nach der Schuld an den Opfern aus: "Wir brauchen ja nur ein wenig nach Russland zu schauen, was haben die zu leiden und wann werden sie wieder aus ihrer Not befreit werden?" (GBA 129) Franz Jägerstätter benennt das gewalttätige Subjekt: "Gibt es denn noch viel Schlechteres, als wenn ich Menschen morden und berauben muss, die ihr Vaterland verteidigen, nur um einer antireligiösen Macht zum Siege zu verhelfen, damit sie ein gottgläubiges oder besser gesagt, ein gottloses Weltreich gründen können." (GBA 169) Er nennt die Gier beim Namen, die an der Wurzel von Krieg und Mord steht: "Kämpft man gegen das russische Volk, so wird man sich auch aus diesem Land so manches holen, was man bei uns gut gebrauchen kann, denn kämpfte man bloß gegen den Bolschewismus, so dürften doch diese andren Sachen wie Erze, Ölquellen oder ein guter Getreideboden doch gar nicht so stark in Frage kommen?" (GBA 138.150) Jägerstätter war zunächst kein absoluter Pazifist. Er denkt aber immer mehr vom biblischen Prinzip der Gewaltlosigkeit und der Seligpreisung der Friedensstifter her. Und er will lieber die Militärpflicht verweigern als andere morden.
Jägerstätter hat so auch objektiv Zeugnis für die Wahrheit und für die Gerechtigkeit, insofern sie auf Gott bezogen sind, abgelegt. Ansonsten würde man das nationalsozialistische System und den von ihm ausgelösten Krieg als gerecht und wahr hinstellen. Jägerstätter war in seiner Diagnose nicht geblendet, sondern klarer und weitsichtiger als viele seiner Zeitgenossen. In dieser Hinsicht ist die Aufhebung des Todesurteils gegen Franz Jägerstätter durch das Berliner Landgericht am 7. Mai 1997 von großer Bedeutung. Diese Rehabilitierung erweist das Todesurteil juristisch als Unrecht und somit als eine rechtswidrige vorsätzliche Tötung. Das Landgericht geht davon aus, dass der Zweite Weltkrieg Unrecht war, dass er nicht dem deutschen Volke, sondern nationalsozialistischem Machtstreben sowie der Durchsetzung nationalsozialistischen Gedankengutes gedient hat.
Jägerstätters prophetisches Zeugnis für die christliche Wahrheit beruhte auf einer klaren, radikalen und weitsichtigen Analyse der Barbarei des Menschen und Gott verachtenden Systems des Nationalsozialismus, dessen Rassenwahn, dessen Ideologie des Krieges und der Staatsvergottung wie dessen erklärten Vernichtungswillen gegenüber Christentum und Kirche. Er ist Märtyrer, der vor die Alternative: Gott oder Götze, Christus oder Führer, gestellt war. Aus einem gebildeten und reifen Gewissen heraus hat er ein entschiedenes Nein zum Nationalsozialismus gesagt und ist wegen seiner konsequenten Weigerung, in Hitlers Krieg als Soldat zu kämpfen, hingerichtet worden.
Der Glaube des Franz Jägerstätter
Die Kommentatoren sprechen vom "tiefgläubigen Katholiken", vom "aufrechten Christen", vom "besonderen Freund Gottes", vom "Zeugen des Glaubens", vom "Märtyrer". Andere befürchten durch seine Seligsprechung die Verherrlichung einer erzkonservativen, aus heutiger Sicht verschrobenen Religiosität. An Franz Jägerstätter scheiden sich die Geister. Im unmittelbaren Umfeld seiner Heimatgemeinde ebenso wie auf der großen Bühne der philosophischen Debatte um Selbstbestimmtheit, Verantwortung und Friedensstrategien, für die der Wehrdienstverweigerer aus dem oberösterreichischen St. Radegund längst zur Symbolgestalt geworden ist. Der Glaube des Glaubenszeugen Jägerstätter stand und steht auf dem Prüfstand.
Katechismusglaube
Jägerstätter gilt als Märtyrer der freien Gewissensentscheidung gegenüber staatlichem und auch kirchlichem Zwang. Im totalitären, alle gleichschaltenden Nazi-Regime wird er zum Blutpropheten einer "Freiheit des Christenmenschen". Angesichts einer Zeit unheilvoller Verblendung erscheint er als Prototyp einer Art "politischen Reformation", ein Luther, der aus der Kraft des Individuums der Macht des Staates trotzt. Betrachten wir aber Person und Glaube Jägerstätters selbst, so ergibt sich ein ganz anderes, geradezu menschlich-ernüchterndes Bild: Grundlage seiner heroischen Lebensentscheidung bilden die Sätze des damaligen Katechismus. Und die Freiheit des Gewissens wird für Jägerstätter ganz einfach und unspektakulär im Gehorsam gegenüber Gott erfüllt.
Man möchte in Jägerstätter einen wichtigen Beitrag zu Themen wie Gewissen, Obrigkeit, Gehorsam und Gerechtigkeit sehen und alles andere auf sich beruhen lassen. Und doch kann der Zeitdiagnostiker, der Widerstandskämpfer, der Gewissensheilige nicht vom Beter Jägerstätter losgelöst werden. Dieser konkrete Glaube in seinen Frömmigkeitsformen und keine abstrakten Formeln, auch nicht bloße Moral waren der Hintergrund und der Wurzelboden für seine Entscheidungen. "Es ist nicht bloß freie Sache eines Katholiken alles zu glauben, was Gott uns durch die katholische Lehre zu glauben vorstellt, sondern Pflicht. Es ist aber auch Pflicht, alle Gebote Gottes und der Kirche zu halten." (GBA 66)
So also dachte Jägerstätter und hielt dies auch schriftlich fest, etwa in einem Brief aus der Zeit schon nach seiner Verurteilung zum Tod. Aus diesen Zeilen spricht ein durchaus traditionelles Verständnis des Glaubens. Katechismusformulierungen oder katechismusähnliche Inhalte des Glaubens finden sich wiederholt in seinen Briefen und Aufzeichnungen. Die Inhalte seines Glaubens entnahm er dem Katechismus und der Heiligen Schrift. Sie setzen an beim Bekenntnis zum einen und trinitarischen Gott. Das Ziel des Geschaffenseins formuliert er mit dem Katechismus des Petrus Canisius und mit dem I. Vatikanischen Konzil: "Wozu hat Gott uns erschaffen? Dass wir Gott dienen, ihn lieben, ihn anbeten, um ewig glückselig zu werden." (GBA 174) Dieser Tradition entnimmt er das Verständnis von Sünde als einer Beleidigung Gottes (GBA 66f.) wie auch die Bedingungen für eine Todsünde. Von entscheidender Bedeutung ist dabei der freie Wille des Menschen. Bei aller Sorge um den Verlust des ewigen Heils wie auch bei der Angst vor möglichen Strafen ist aber die Überzeugung vom Heilswillen Gottes dominant: "Gott will nicht, dass wir verloren gehen, sondern dass wir ewig mit Ihm glücklich werden." (GBA 48)
Von der Freiheit der Gottesbeziehung
"Wir sollen nie sagen, wir müssen beten, sondern wir dürfen und können beten, denn zwingen tut uns Gott zu gar nichts." (GBA 93) Franz Jägerstätter wurde in eine Welt hineingeboren, in der Gebet und Frömmigkeit zu den alltäglichen Vollzügen gehörten. Die Traditionen waren Orte der Glaubensvermittlung, sie schenkten Freude an der Schöpfung und am Leben, Beheimatung, Zugehörigkeit und auch Trost. Das Brauchtum des Kirchenjahres hatte dabei eine stützende Funktion. Gerade in der Haft denkt Jägerstätter an Freuden wie das Palmbuschenbinden, das Ostereierscheiben, an Maiandachten oder an das Blumenstreuen zu Fronleichnam. Er bringt die damalige Gebetserziehung mit: Zu dieser gehört als Ausdruck des Glaubens und des unerschütterlichen Gottvertrauens die "gute Meinung" am Beginn eines Tages. Er verbindet diese gute Meinung mit den Worten: "Alles meinem Gott zu Ehren" - oder "mein Jesus alles dir zuliebe" - oder ganz einfach in "Gottes Namen" (GBA 105)
Zur Gebetserziehung zählt auch die Gewissenserforschung: "Darum heißt das Gewissen erforschen und fest nachdenken, was hab ich in den heutigen Prüfungen wieder falsch und schlecht gemacht, haben wir gefehlt, so bereuen wir unsre Sünden und Fehler und nehmen uns fest vor, den nächsten Tag und bei den nächsten Prüfungen alles besser zu machen." (GBA 107)
(...) Die inneren Voraussetzungen für das rechte Beten entnimmt er der Bergpredigt: "Es ist viel besser für alle zu beten, als über andere zu richten." (GBA 64) Wer mit Menschen in Feindschaft lebt, kann nicht mit Gott in Freundschaft sein. So unterstreicht Jägerstätter die Bereitschaft zu Versöhnung und Verzeihung für das rechte Beten. Zudem soll jedes Gebet vom "Zuerst" des Reiches Gottes getragen sein und nicht durch die Sorge um irdische Güter überlagert werden. Das schönste Gebet ist in diesem Sinn das Vater unser: "Überschauen wir noch einmal das Vaterunser, wir haben eigentlich nur zwei große und eine kleine Bitte: Hinein ins Gottesreich heraus aus dem Reich der Sünde; zwischen diesen zwei Hauptsorgen liegt das kleine Anliegen um das tägliche Brot." (GBA 97)
Der "Inbegriff aller Gebete", das wichtigste Gebet, das bei allen Bitten nicht zu vergessen ist, und das auch dem Bittgebet das Maß gibt, ist die Erfüllung des Willens Gottes (GBA 26.95) Diese Erfüllung ist kein moralischer Kraftakt, sondern ein Antwortgeschehen auf die vorausgehende, zuvorkommende Liebe Gottes. Gebet ist für Jägerstätter die Betrachtung der Liebe Gottes zu uns Menschen in Jesus Christus und der dankbare Mitvollzug dieser Liebe. Dabei gibt es keinen Graben zwischen Gottes- und Nächstenliebe: "Beide Gebote sind gleich, zwei Seiten des einen Gebotes, weil die Nächstenliebe sichtbar gewordene Gottesliebe ist (Mt 22, 34-39)." (GBA187)
Jägerstätter wusste wohl um Glaubensproben, er kannte Anfechtungen und Nächte des Glaubens, das Klagegebet ist ihm aber eher fremd. Vielmehr ist ihm in den Erfahrungen der Anfechtung und der Isolation das Gebet eine Hilfe gegen die Schwachheit. "Gebetsgemeinschaft ist die beste Kampfgemeinschaft für die Sache Christi." (GBA 193) Gebet ist letztlich die Ausrichtung des gesamten Lebens auf Gott und sein Reich: "Der Gebetsgeist muss in uns leben, auch wenn wir wegen der Arbeit keine besonderen Gebete verrichten können. Dann wird die Arbeit als Gottesdienst zum Gebet." (GBA 200) So ist Gebet für Jägerstätter kein Alibi für Tat und Entscheidung, seine Frömmigkeit steht nicht in Schizophrenie gegenüber seinen Analysen der damaligen Situation. Gebet, Buße und auch Askese sind Vorentwurf der Tat, sie sind Kraftquelle im Widerstand. Er widersteht der privatistischen Reduktion des Glaubens auf die bloße Innerlichkeit. "Die Religion muss auch nach außen sich bekunden und das ganze Leben erfassen." (GBA 189) So ist christlicher Glaube nicht weltflüchtig. Er ist die geschenkte, erlittene, erbetene, erkämpfte Spannungseinheit von Gottes- und Weltverantwortung, von Gebet und Tat, von Entscheidung und Kontemplation.
Von der unbestechlichen Kraft des Evangeliums
Die Bibellektüre ist für Franz Jägerstätter seit der Eheschließung wichtig. Vom Ortspfarrer hatte er zur Hochzeit eine Bibel bekommen. Mit eine Ursache für das starke Interesse an der Bibel dürften Diskussionen innerhalb der Familie mit Zeugen Jehovas gewesen sein. Seine Tante Maria und sein Cousin Johann waren 1927 zu den Zeugen Jehovas übergetreten. Jägerstätter verweist selbst auf die Bedeutung der Bibelbewegung für sich in einer Situation zunehmender geistiger Isolation: "War nicht die Kirche in letzter Zeit stark bemüht, auch die Laien mit der Hl. Schrift ... zu versehen, damit man sich auch, wenn uns schon die persönlichen Führer weggenommen oder stumm gemacht würden, ohne sie zurechtfindet." (GBA 120) Die Heilige Schrift wird für ihn Norm und Kriterium seines Lebens und seiner Entscheidungen, letztlich weil sie Gottes Wort ist: "In der Bibel spricht Gott selber zu uns und gibt unsrer Hoffnung eine unerschütterliche Grundlage ... am Gotteswort vermag sich unsre Seele immer wieder aufzurichten." (GBA 193)
Die Hl. Schrift bietet ihm in den Auseinandersetzungen um seine Verweigerungen die Argumente gegenüber Familie und Pfarrer. Pfarrer Karobath schreibt 1945 in der Pfarrchronik: "Wir haben ihn abhalten wollen, aber er hat uns immer geschlagen mit der Schrift." Gerade in seiner Berliner Haftzeit setzt er sich intensiv mit dem Evangelium auseinander. Einen besonderen Stellenwert haben dabei die Bergpredigt Mt 5-7 (Heft IV 1-15), die Nachfolgeworte Jesu wie Mt 8,18 und Mt 10, 34-39; Mk 3,31-35 (IV 16) und Worte von der Scheidung und Unterscheidung (Mt 13). Der geforderte Bekennermut in der Zugehörigkeit zu Christus (Mt 10,17ff), Wachsamkeit (Mt 25,1-12), das Mittun mit der Gnade in der Versuchung (Lk 4,1-13), im Leiden und in der Kreuzesnachfolge (Mk 8,31 ff; Rom 8,14-25) sind das biblische Raster seines Entscheidungsweges. Der Wille Gottes ist ihm mit dem zwölfjährigen Jesus die oberste Norm (Lk 2,42-50). Glaube und Taufe (Röm 6) nehmen in Tod und Auferstehung Jesu hinein. Trost in seinen Ängsten und im Leiden findet er in den paulinischen Briefen (2 Kor und Eph). Ausführlich schreibt er Schriftstellen zur Gottes- und Nächstenliebe ab (1 Kor 13; 1 Joh; Jak; 1 Petr).
Herz-Jesu-Frömmigkeit
Pius XI. gibt in seiner Enzyklika "Miserentissimus Redemptor" 1928 eine kurze Summa der Herz-Jesu-Theologie. In der Enzyklika "Caritate Christi compulsi" vom 3. Mai 1932 nennt er die Herz-Jesu-Verehrung das außerordentliche Heilmittel in den außerordentlichen Nöten der Zeit: "das Herz des Herrn als Zeichen des Heiles über einer heillosen Zeit der erkalteten Liebe und des großen Abfalls von Gott." Die Herz-Jesu-Frömmigkeit förderte gegenüber einer abstrakten Reduktion des Glaubens auf Moral, gegenüber Kälte und Distanz die Dimension personaler Christusbeziehung und gab vielen Menschen Trost und Halt, nicht zuletzt Franz Jägerstätter.
Seine Aufzeichnungen in Heft l "Vom Glauben" beginnen mit den Worten: "Herz Jesu, reich für alle, die dich anrufen, verleihe uns lebendigen Glauben und wahrhaft guten Willen." (GBA 89) In "Von der Demut" empfiehlt er als Stoßgebet: "Jesus, sanftmütig und demütig von Herzen, bilde unser Herz nach deinem Herzen." (GBA 93) Motiviert durch seine Frau Franziska, die häufig zur Kommunion ging und die Herz-Jesu-Freitage hielt, kam Franz Jägerstätter zu einem täglichen Messbesuch und häufigen Kommunionempfang, was ihn in Gegensatz zu den ortsüblichen Normen brachte (GBA 43.106). Die Eucharistie wird zum Vermächtnis, "das uns unser bester Freund Jesus Christus hinterlassen hat." (GBA 109) Die tägliche Christusverbindung in der Messe hat für ihn durchaus politische Konsequenzen. Er bezeichnet es als falsches Spiel, regelmäßig die Messe zu besuchen und zugleich einer nationalsozialistischen Gruppierung anzugehören. Häufiger Kommunionempfang ist ihm Stärkungsmittel im Kampf (GBA 122). Die Herz-Jesu-Sonntage sind für ihn das Zeitmaß in der Haft in Linz (GBA 35.44).
Im Schmerz um die Seinen ist ihm der leidende Christus am Ölberg nahe: "Herr, nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine." Was ihm Trost in der Todesangst ist, schreibt er an seine Frau am 8.8.1943. Er weiß um die Verheißung einer glücklichen Sterbestunde für den, der durch neun Herz-Jesu-Freitage die Sakramente empfängt (GBA 22). Und schließlich versteht er mit Margareta Maria Alacoque seinen Tod als Sühne. Im Abschiedsbrief vom 9.8.1943 heißt es: "Ich verzeihe allen von Herzen. Möge Gott mein Leben hinnehmen als Sühn-Opfer nicht bloß für meine Sünden, sondern auch für andere." (GBA 59) Er schließt seinen letzten Brief mit den Worten: "Jesu Herz, Maria Herz und mein Herz seien ein Herz verbunden für Zeit und Ewigkeit." (GBA 60)
Von der umfassenden Gemeinschaft im Glauben
(...) Die Heiligen spielen in seiner Glaubensbiografie eine wichtige Rolle. Außer der Bibel waren es die Schriften und Biografien der Heiligen, aus denen sich seine Frömmigkeit nährte. In seinem Brief an den Patensohn Franz Huber aus dem Jahre 1935 nennt er als Glaubwürdigkeitsmotive für den katholischen Glauben die Wunder und die Heiligen, bei diesen wiederum besonders die Märtyrer (GBA 81-88). In der nationalsozialistischen Zeit und den damit verbundenen Entscheidungen, werden ihm Heilige immer mehr zur Orientierungshilfe, gerade weil die Seelenführer, d.h. die Priester und die Bischöfe schweigen. Die Heiligen sind ihm Vorbild: Sie strahlen Glück und Freude aus, gerade wenn Gott ihnen auch manchmal schwere Leiden schickte (GBA 157).
Am 8.12.1940 wurde Franz Jägerstätter feierlich in den dritten Orden des Heiligen Franziskus eingekleidet. An Franziskus erinnert bei Jägerstätter seine Liebe zur Natur, aber auch die Spiritualität der Seligpreisungen und der Bergpredigt insgesamt. Der Spannungsbogen zwischen Freude und Kreuz, zwischen Glück und Leiden, den Franziskus so eindrucksvoll vorgelebt hat, findet sich bei Jägerstätter wieder. In den Jahren 1941-42 tauscht sich Jägerstätter mit seinem Drittordenbruder Rudolf Mayer über religiöse Lektüre, besonders über Heiligenbiografien aus. Hinweise finden wir auf Franziskus, Bruder Konrad, Klaus von der Flüe, Therese von Lisieux und Thomas Morus. Klaus von der Flüe dürfte in der Zeit wichtig geworden sein, in der der Abschied von der Familie als Konsequenz seiner Verweigerung deutlich wurde.
Beide verbinden Nachfolgeworte, die das Lassen der Lieben um Jesu willen fordern. Mit Therese von Lisieux und der Tradition des Karmel verbindet Jägerstätter die Beziehung zu Jesus als Freund und die Liebe zur Eucharistie. Es ist ihm aber auch die Erfahrung der Nacht des Glaubens nicht fremd. Zudem gibt es bei Therese und bei Jägerstätter die Dimension der Stellvertretung und der Sühne für jene, die verblendet sind und nicht glauben können. Mit Thomas Morus, der sich aus Gewissensgründen geweigert hatte, den Suprematseid zu leisten und dafür hingerichtet wurde, verbindet ihn der Widerstand gegen die Mächtigen mit der Konsequenz des Todes. Thomas Morus war durchaus ideologiekritisch gegen die Staatsideologien des Faschismus von Pius XI. 1935 heilig gesprochen worden.
Franz Jägerstätter ist wohl wie die meisten seiner Zeitgenossen kirchlich sozialisiert. Die Orte seiner kirchlichen Sozialisation sind in besonderer Weise seine Ehe und Familie, die Pfarre, seine Beziehungen zu Priestern wie auch die Mitgliedschaft im Dritten Orden des Hl. Franziskus. Wiederholt ist von seiner Exerzitienpraxis die Rede. Die Kirchlichkeit des Glaubens ist für Jägerstätter außer Zweifel. Er spricht von "Christus und seiner Kirche." (Gefängnisbriefe und Aufzeichnungen/GBA 179) Er hält es für seine Pflicht, alles zu glauben, was die Kirche zu glauben vorschreibt. Das gilt auch für das ordentliche Lehramt, auf das er sich in seiner Ablehnung des Nationalsozialismus bezieht.
Franziska Jägerstätter antwortet auf die Frage, warum Franz Jägerstätter nicht in den Krieg gezogen ist: "Weil sie (gemeint sind die Nationalsozialisten) die Kirche und die Pfarrer so verfolgt haben." Er hat also den Wehrdienst nicht verweigert, obwohl er Katholik war, sondern weil er es war und weil er es in der Kirche war. Er konsultiert auch Priester und den damaligen Kapitelvikar Fließer in seinen Entscheidungen. Ihr Schweigen und ihre Zurückhaltung entlasten sein Gewissen nicht, sondern fordern es auf neue Weise heraus.
Jägerstätter sieht die Kirche vom Reich Gottes, von der Nachfolge Jesu und vom Bekenntnis zu Jesus her. In seinen Betrachtungen zum Vaterunser schreibt er: "In der zweiten Bitte flehen wir das Reich Gottes zu uns herab, dass es wachse in der Kirche, aber auch in uns selber soll es immer mehr wachsen und gedeihen." (GBA 95) Im Kontext seiner Überlegungen zum gerechten oder ungerechten Krieg heißt es: "Sollten wir Christen denn nicht wahre Nachfolger Christi werden?" (GBA 161) Die Nachfolge Christi wird für ihn zum kritischen Kriterium gegenüber der konkreten Kirche.
Er weiß, dass die Kirche eine höchst gemischte Gesellschaft, d.h. auch eine Kirche der Sünder ist: "Jesus selber hat also gelehrt, dass es in seiner Kirche auf Erden nicht nur gute Christen geben werde. Die große Scheidung kommt am Ende." (GBA 186) Die nominelle Zugehörigkeit der Kirche ist noch kein Persilschein. Im Vergleich zwischen dem österreichischen und dem russischen Volk fragt er: "Oder sollten wir vielleicht deswegen strafloser aus unserer Lage wieder herauskommen, weil wir Österreicher noch fast durchwegs katholisch waren?" (GBA 132) Die Kirche muss durch Leiden und Tod hindurch: "Auch für uns gibt es kein glückliches Auferstehen, bis wir nicht bereit sind, für Christus und unseren Glauben zu leiden und, wenn es sein muss, auch zu sterben." (GBA 133)
Stillschweigende Kompromisse der Kirche mit den Nationalsozialisten, die erreichen, dass das kirchliche Leben weitergeht, sind schlechter als die Zerstörung oder Schließung der Kirchengebäude. Das listige Zerstörungswerk der Seelen ist schlimmer als das Abreißen der Kirchengebäude (GBA 70). Das Schweigen der Priester vergleicht Jägerstätter mit Ärzten, die zwar zu Verwundeten geholt werden, aber nicht helfen dürfen. Jägerstätter - und hier ist er durchaus mit Bonhoeffer und der "Bekennenden Kirche" zu vergleichen - sieht im Zeugen und im Märtyrer das Kriterium, an dem sich die Kirche aufzurichten hat: "Trotz alldem ist es nicht gut, wenn unsre Seelenführer immer schweigen. Worte, heißt es zwar, belehren, Beispiele aber reißen hin. Man will eben Christen sehen, die es noch fertig bringen, dazustehen inmitten alles Dunkels, in überlegener Klarheit, Gefasstheit und Sicherheit, ... die nicht sind wie ein wankendes Schilfrohr, das von jedem leichten Wind hin und her getrieben wird. Die nicht bloß schauen, was machen meine Kameraden oder Freunde, sondern sich nur fragen, was lehrt zu diesem oder jenem Christus und die Kirche, oder was sagt mein Gewissen." (GBA 147) An diesen Zeugen könnten sich dann andere aufrichten und gegen den Strom schwimmen. Wohl wird das Zeugnis, das Martyrium auch zur Krisis im Hinblick auf das Verhalten der Kirche wie das Kreuz zur Krisis und zur Demütigung für die Jünger wurde.
"Menschenfurcht ist schlechter Ratgeber"
Franz Jägerstätter vermittelt in seinen Aufzeichnungen und Briefen nicht den Eindruck eines Angsthasen oder eines religiösen Skrupulanten. Furcht ist nicht das Leitmotiv seiner Entscheidungen und seines Handelns. Wiederholt greift er die Thematik der Menschenfurcht mit Hinweis auf biblische Stellen auf. Diese "elende" Menschenfurcht ist ein schlechter Ratgeber, sie führt zur Preisgabe des Gewissens, zur Spaltung der Seele. (Brief an den Patensohn vom 30.8.1942 in: GBA 21) Eine andere Stoßrichtung der Furcht ist die Angst vor der Hölle. "Nur das eine wissen wir, wenn wir in einer Todsünde sterben, dann sind wir auf ewig verloren. ... Bemühen wir uns recht, dass wir den ewigen Richter niemals zu fürchten brauchen." (GBA 99)
Er stellt dann eine Betrachtung des Todes und der Ewigkeit an. "Was würde es schon für ein Schrecken sein für einen Menschen, wenn er von einem irdischen Richter zu lebenslänglichem Kerker verurteilt wird, was würde es erst für ein Schrecken sein, wenn wir einmal vom ewigen Richter hören müssten, für ewig verdammt. ... " (GBA 100) So sehr er um die Hölle und um ihre Schmerzen weiß, so bleibt er doch nicht in der Angst vor der Hölle stecken. Er steigt in seinen Betrachtungen zum Himmel auf und lässt sich dabei von Paulus (1 Kor 2,9) und Augustinus inspirieren: "Es dürfte einem freilich fast schwindlig werden, wenn man an die ewigen Freuden des Himmels denkt ... was sind aber auch schon die kurzen Freuden dieser Welt gegen jene, die Jesus uns in seinem Reich versprochen hat. Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben." (GBA 77)
So ist die Angst vor der Höllenstrafe nicht das Motiv seiner Entscheidungen und seines Handelns. Mit dem 1. Johannesbrief unterscheidet er zwischen der knechtischen Furcht, die bloß aus Angst vor der Strafe das Böse nicht tut, und der kindlichen Furcht, die der Liebe entspringt. In der kindlichen Furcht lebt das Vertrauen, dass Gott es immer wieder recht macht: "Ich leg halt meine ganze Zukunft in Gottes Hand. Er wird ja doch alles so lenken, wie es für uns am besten ist", schreibt er an Franziska am 19.3.1943 (GBA 32) "Freilich hätte ich mir schon längst die Hölle verdient, aber durch die unendliche Barmherzigkeit Gottes hoffe ich Verzeihung aller meiner Sünden", schreibt er an seine Schwiegereltern Ende Februar 1943 (GBA 22). Im Angesicht des Todes lebt er aus der paulinischen Hoffnung und Heilsgewissheit: "dass mich mein lieber Heiland auch in den letzten Stunden nicht verlassen wird, der mich bisher nicht verlassen hat, das könnt ihr mir glauben." (Brief an Franziska am 8.8.1943 in GBA 57) Mit Anklängen an Rom 8,31-39 weiß er sich in der Liebe Gottes geborgen: "Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod sind es imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen und ihm seinen freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar." (GBA 74)
Nachfolge Christi steht höher als Leid
Für Franz Jägerstätter ist die Religion Jesu eine Religion des Kreuzes. Alles andere wäre eine Versuchung des Satans (GBA 189). Jägerstätter ist dabei nicht auf das Leid fixiert oder masochistisch in den Tod verbohrt. Er vergötzt nicht Mühsal und Widerlichkeit. Er ist nicht in die Sühne oder in die Verbitterung verliebt. Es ist die Nachfolge Jesu, die höher steht als die Furcht vor Schmerz und Tod. Und diesem Leiden will er nicht aus dem Wege gehen. Dieses Leiden und diesen Kampf sieht er als innere Voraussetzung für Freude und Sieg. Es ist eine im Unglück und in der Verfolgung durchgehaltene Treue, Wahrhaftigkeit und Liebe. Es ist die Dynamik und die Spannung der Seligpreisungen, die im Leiden, in der Verfolgung die Freude aufleuchten lassen: "Alle äußeren Leiden und Verfolgungen können den inneren Widerstand dessen nicht brechen, in dem Christus lebt und wirkt. Wenn der Blick aufs Ewige gerichtet ist, verlieren zeitliche Drangsale ihre Schrecken." (GBA 196) Das Mitsein mit Christus ist schon Freude, auch und gerade wenn es in das Leiden fuhrt: "Christi Freude ist die aus der Wurzel der Gnade sprossende Blüte. Für Christus leiden zu dürfen, ist dem Apostel Paulus Gnade und Freude zugleich." (GBA 199)
Jägerstätter sieht dabei nicht ausschließlich auf den leidenden Christus: "Zum ganzen Christus gehört nicht nur die 'zerbrochene Knechtsgestalt' des Karfreitags, sondern auch der Todesüberwinder des Ostermorgens." (GBA 197) Am Ostersonntag des Jahres 1943 kann er aus dem Gefängnis an seine Frau schreiben: "Christus ist auferstanden, Alleluja ... Wenn wir jetzt auch harte Zeiten zu verkosten haben, so müssen und können wir uns doch auch mit der Kirche mitfreuen, denn was gibt es Freudigeres, als dass Christus wieder auferstanden ist und als Sieger über Tod und Hölle hervorgegangen ist, was kann es für uns Christen Trostvolleres geben, als dass wir den Tod nicht mehr zu fürchten haben." (GBA 42) Aus der Verbundenheit mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen kann er den eigenen Tod annehmen. Weil er Christus gleichförmig werden will und sich als Glied am mystischen Leib Christi versteht, nimmt er seinen Tod als Sühne für andere an: "Christus hat am Kreuze genug gelitten, um die ganze Menschheit zu erlösen. Aber weil jeder Christ ein Glied am mystischen Christusleib ist, hat Gott auch ihm ein bestimmtes Maß von Leiden zugedacht ... Aus dieser tiefen Leidensmystik erwächst Freude am Leiden für andere." (Vgl. Kol 1, 15ff) (GBA 199)
Stellvertretung und Sühne sind so gesehen und gelebt Vollzüge der Hoffnung und nicht der Destruktion. Sie sind Konsequenz des Glaubens und der Berufung in einer Situation der Verblendung. Sie sind Ausdruck der Liebe unter den Bedingungen der Lieblosigkeit und der Vergiftung. Sie kommen aus dem Stehen in der Wahrheit unter dem Vorzeichen der Lüge. An stellvertretenden Zeugen wie Franz Jägerstätter leuchtet Hoffnung auf, die auch Täter und Verführte mit einschließt. Freilich wird den Tätern und den Verführten diese Hoffnung nicht durch die Bestätigung ihrer Verblendung und ihrer Ideologie geschenkt. Diese ihre Hoffnung muss durch die Krisis der Umkehr hindurch. Eine Hoffnung ohne Gerechtigkeit und Solidarität würde letztlich im Unrecht der Starken verkommen.
Gewissensentscheidung jenseits von Willkür
"Das muss jeder mit seinem Gewissen ausmachen." So hört man immer wieder in privaten oder öffentlichen Debatten über ethische Konfliktthemen. Darin schwingt ein resignativer Unterton mit, d.h. ein Konsens über ethische Werte und Verbindlichkeit ist nicht mehr zu erwarten. Was gut ist und was böse, das liegt jenseits vernünftiger Verständigung. Die Bezugnahme auf das Gewissen bedeutet dann eher subjektive Willkür: In meinen Entscheidungen lasse ich mir nicht dreinreden, nicht von der Gesellschaft, nicht vom Staat, auch nicht von der Kirche; ich möchte mich auch nicht rechtfertigen müssen für das, was ich entscheide, was ich tue oder lasse. Mit der Berufung auf das Gewissen wird oft das Ziel verfolgt, die individuellen Kosten einer Gewissensentscheidung niedrig zu halten. Gewissen ist da die Instanz der Selbstrechtfertigung. - Dem gegenüber haben die Gewissenstäter der Vergangenheit wie Sokrates, Thomas Morus oder Franz Jägerstätter einen hohen Preis für die Treue zu ihrem Gewissen bezahlt, einen Preis, der das Opfer des eigenen Lebens einschloss. Das Gewissen war für sie verbindliche Instanz, für die sie den Kopf hingehalten haben.
Im Zeugnis von Franz Jägerstätter strahlt die Würde der menschlichen Person auf, die Würde des menschlichen Gewissens. Das Gewissen war für Jägerstätter der Ort des Gehorsams Gott gegenüber. "Er könne nicht gleichzeitig Nationalsozialist und Katholik sein; ... es gebe Dinge, wo man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen." (Aus der Begründung des Reichskriegsgerichtsurteils vom 6. Juli 1943) Jägerstätter war keiner, der der Mehrheit nach dem Mund geredet hat. Er wollte sich nicht auf allgemeine Vorschriften und Regeln ausreden. Er ist ein "einsamer Zeuge" des Gewissens. Das Gewissen lässt sich für Jägerstätter nicht durch die Autorität der Obrigkeit suspendieren. Absolutes und letztes Kriterium für das Gewissen ist bei Jägerstätter der Wille Gottes: "Keiner irdischen Macht steht es zu, die Gewissen zu knechten. Gottes Recht bricht Menschenrecht." (GBA 191) "Das Festhalten des Willens des Vaters ist für Jesus die oberste Norm." (GBA 190)
An Jesus liest Jägerstätter den Willen des Vaters ab: "Wenn uns der 'Sinn Christi' abgeht, werden wir nie den Standpunkt wahrhaft religiöser Menschen verstehen." (GBA 193f.) In seiner Betrachtung zum Vaterunser schreibt er: "Das Gottesreich zieht ein auf Erden und in meine Seele, nur dann, wenn der Wille Gottes erfüllt wird. Das ist kurz gesagt, der Inbegriff aller Gebete. Was will Gott von uns? Dass wir seinen Willen tun. Sein Wille wird erkannt, nicht bloß in seinen Geboten, auch in unsrem Leben, in unsrem Beruf und Stand." (GBA 95f.) Jägerstätter spricht sehr deutlich von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit, von Sünde und Schuld, auch im Hinblick auf den Krieg und die damit verbundenen Verbrechen: "An der Diebsbeute wollen wir uns zwar fast alle ergötzen, die Verantwortung über das ganze Geschehen wollen wir nur einem in die Schuhe schieben!" (GBA 140) "Und noch immer sind viele der Ansicht, dass über das ganze Toben des Krieges, das schon bald die ganze Welt erfasst hat, nur einige die Schuld und Verantwortung tragen. Wie sehr ist man dafür aber gleich beängstigt, es könnte einem an zeitlichen Gütern irgendein Schaden entstehen, das kommt eben daher, weil man sich am ganzen Weltgeschehen für schuldlos hält." (GBA 156)
Gewissen - Ort der Gotteserfahrung
Jägerstätter war der Wahrheit näher als eine vordergründige Kasuistik, die auch im Nachhinein nicht von den Opfern her denkt. Er hat prophetisch um Jahrzehnte voraus das gelebt, wozu die Kirche noch eine Weile brauchen würde. Zu stark war zunächst noch die Verklärung der Tugenden der Soldaten im Krieg, zu zurückhaltend die Verurteilung und Ächtung des Krieges. Moraltheologisch blieben die meisten Seelsorger, z.B. Bischof Fließer, auf einer sekundären Ebene stehen. Sie stellen nicht die Frage nach der Legitimität des Krieges, sie fragen nicht nach dem zentralen Tötungsverbot. Im Hinblick auf die Autorität des Staates bleiben sie an Röm 13,1 (Jeder leiste den Trägern der staatlichen Macht den schuldigen Gehorsam) kleben. Jägerstätter hingegen interpretiert gerade diese Stelle, wie übrigens auch Thomas von Aquin, von Apg 5,29 (Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen).
... Das Gewissen ist so kein "Handlanger der Eigeninteressen" (Eberhard Schockenhoff). Es gibt nicht die Erlaubnis für alles und jedes, es ist nicht die Instanz der Beliebigkeit oder der Auflösung der Normen. Es ist auch nicht der Ort für ein Christentum zu ermäßigten Preisen. Das Gewissen ist der Ort der Erfahrung des Unbedingten, das uns in Anspruch nimmt und von uns Gehorsam einfordert. Es ist der Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch, der Ort der Nachfolge Christi.
Stunde der Entscheidung
Mit der Enzyklika "Quas primas" vom 11.12.1925 führte Pius XI. das Christkönigsfest ein. Er versteht die Königsherrschaft Jesu auf eine vorzügliche Weise geistlich (DH 3678), will sie aber nicht auf Geistliches reduziert wissen: "Im übrigen wird schmählich irren, wer dem Menschen Christus die Herrschaft über irgendwelche bürgerlichen Angelegenheiten abspricht, da er vom Vater die völlig uneingeschränkte Rechtsbefugnis gegenüber den geschaffenen Dingen so innehat, dass alles in seine Entscheidung gelegt ist. ... Deshalb umfasst die Herrschaft unseres Erlösers alle Menschen."
Franz Jägerstätter steht in dieser Christkönigsfrömmigkeit. "Der im Himmel thronende Christkönig lebt und wirkt auf Erden weiter in seiner Kirche. Die Taufe gliedert uns in die Lebensgemeinschaft mit ihm." (GBA 190) Jesus als Herr, Führer und König verlangt eine eindeutige Entscheidung für ihn: "Denn mit jedem neuen Sieg, den Deutschland erringt, wird das Schuldbewusstsein für uns Deutsche immer größer, warum sollte es denn härter sein, das Leben für einen König einzusetzen, der nicht bloß Pflichten auferlegt, sondern uns auch Rechte gibt, dessen Endsieg uns gewiss ist und dessen Reich, das wir uns dadurch erkämpfen, ewig bestehen wird ... Christus verlangt aber auch von uns ein öffentliches Bekenntnis unseres Glaubens, genauso wie auch der Führer Adolf Hitler selber von seinen Volksgenossen." (GBA 134f.) ...
Katholik - oder Nationalsozialist
In Heft 2 schreibt Franz Jägerstätter "Über das Thema der jetzigen Zeit: Katholik - oder Nationalsozialist": "Will nun gleich zu Beginn ein kurzes Erlebnis schildern, was ich in einer Jännernacht 1938 erlebte. "Erst lag ich fast bis Mitternacht im Bett ohne zu schlafen, obwohl ich nicht krank war, muss aber dann doch ein wenig eingeschlafen sein, auf einmal wurde mir ein schöner Eisenbahnzug gezeigt, der um einen Berg fuhr, abgesehen von den Erwachsenen strömten sogar die Kinder diesem Zug zu und waren fast nicht zurückzuhalten, wie wenige Erwachsene es waren, welche in selbiger Umgebung nicht mitfuhren, will ich am liebsten nicht sagen und schreiben. Dann sagte mir auf einmal eine Stimme: "Dieser Zug fährt in die Hölle." Gleich darauf kam es mir vor, als nähme mich jemand bei der Hand. "Jetzt gehen wir ins Fegefeuer", sagte dieselbe Stimme zu mir. Was ich da für ein Leiden geschaut und verspürte war furchtbar, hätte mir diese Stimme nicht gesagt, dass wir ins Fegefeuer gehen, so hätt ich nicht anders geglaubt, als ich würde mich in der Hölle befinden. Es waren wahrscheinlich nur Sekunden vergangen, während ich dies alles geschaut. Dann hörte ich noch ein Sausen, sah ein Licht und alles war weg. Weckte dann gleich meine Frau und erzählte ihr alles, was sich zugetragen hatte. Bis zu jener Nacht konnte ich natürlich nie recht glauben, dass die Leiden im Fegefeuer so groß sein könnten. Anfangs war mir dieser fahrende Zug ziemlich rätselhaft, aber je länger die ganze Sache ist, desto entschleierter wird mir auch dieser fahrende Zug. Und mir kommt es heute vor, als stellte dieses Bild nicht anderes dar als den damals hereinbrechenden oder schleichenden Nationalsozialismus mit all seinen verschiedenartigen Gliederungen ... einfach die ganze Nationalsozialistische Volksgemeinschaft, alles, was für sie opfert und kämpft. ...
Oder hat denn das kirchliche Lehramt schon die Entscheidung oder Gutheißung gegeben, dass es jetzt auch erlaubt sei einer kirchenfeindlichen Partei beizutreten? ... Ich möchte eben jedem zurufen, der sich in diesem Zuge befindet: "Springet aus, ehe dieser Zug in deine Endstation einfährt, wenn es dabei auch das Leben kostet!" Somit glaub ich, hat mir Gott es durch diesen Traum oder Erscheinung klar genug gezeigt und ins Herz gelegt, mich zu entscheiden, ob Nationalsozialist - oder Katholik!" (GBA 124-127)
Franz Jägerstätter hält es für unvereinbar, Nationalsozialist und Katholik, unvereinbar Soldat Christi und zu gleicher Zeit Soldat für den Nationalsozialismus zu sein, unvereinbar, für den Sieg Christi und seiner Kirche und zur selben Zeit auch für die nationalsozialistische Idee und für deren Endsieg zu kämpfen. (GBA 178f.) Jägerstätter weiß sich vor die Alternative gestellt: Gott oder Götze, Christus oder Führer bzw. Christus oder Satan (GBA 135.155.185). Franz Jägerstätter bezeugt den biblischen Gott gegen die Götzen Hitlers. So war er ein Dolmetscher Gottes in einer Zeit der gott- und menschenverachtenden Barbarei und verleiblichte das "Ich widersage" des Taufbekenntnisses gegenüber den Verlockungen und Verführungen des Bösen, gegen Vergötzungen von Nation und Rasse.
In Franz Jägerstätter bricht aber auch die Krisis, das Gericht gegenwärtiger Lebens- und Glaubensstile ein. Wie können wir von Gott reden angesichts und mit der abgründigen Leidensgeschichte der Welt? Wie sollen wir Gott suchen ohne Verrat an der Wirklichkeit, ohne Gott weltlos und damit die Welt gottlos zu denken? Franz Jägerstätter bezeugt den personalen Gott als Herrn und Freund des Lebens. Er bringt den Gott der Bibel existentiell zur Sprache. Er weiß sich vom Unbedingten in einer Welt des Beliebigen in Anspruch genommen.
Unterscheidung der Geister
Franz Jägerstätter realisierte die Widerstandskraft des Glaubens gegenüber barbarischen Systemen der Menschenverachtung und der Gottlosigkeit. Er war dabei alles andere als ein notorischer Neinsager, ein Lebensverächter, ein bloßer Kritiker, ein Wirklichkeitsflüchtling. Die Krisis des Glaubens hat bei ihm nichts zu tun mit Aggressivität oder abstrakter Lust am Widerstand. Er hat die Gabe der "Unterscheidung der Geister". Ein erstes Zeugnis ist in diesem Kontext die Erfahrung 1927 in Eisenerz. Franz Jägerstätter hatte vorübergehend in einem atheistischen, materialistischen Milieu seine Glaubenspraxis aufgegeben. Die Gründe für eine Rückkehr werden in einem Gedicht aus dem Jahre 1932 verbalisiert (GBA 79). Es ist eine "meditatio mortis": Stolz, Reichtum, Klassenkampf, Schönheit, Geld, Gesundheit und Klugheit werden vom Sterbenmüssen her gesehen und so relativiert. Es ist eine alte spirituelle Übung, Entscheidung und Lebenseinstellung im Angesicht des Todes zu treffen. Der Tod führt vor die Wahrheit des Lebens. Die positiven Güter sind Glück, Frieden und Liebe. Kriterien sind bei diesen die Beständigkeit, die Dauer, die Tragfähigkeit. Sie sind in seinen Augen nur vordergründig, kurzfristig und oberflächlich, wenn sie nicht vom Glauben an Gottes Ewigkeit getragen werden. Letztlich hat das Gedicht indirekt die Struktur der klassischen Postulatenlehre Kants: Glückseligkeit ist ohne Gott auf Dauer nicht zu denken.
Für seinen 14-jährigen Patensohn verfasste Franz Jägerstätter auch Lebensregeln in Form eines Patenbriefes. Dabei geht er auf mögliche Sinn- und Lebenskrisen ein. Die geistige und religiöse Entwurzelung, die er vermutlich selbst in Eisenerz als lebensbedrohend erfahren hat, ist der eigentliche Grund für den Verlust des Lebenssinnes wie für manche Selbstmorde von jungen Menschen. Nach seiner Verurteilung schreibt er: "Ich kann das aus eigener Erfahrung sagen, wie peinlich oft das Leben ist, wenn man so als halber Christ dahin lebt, es ist schon mehr ein Vegetieren als Leben." (GBA 64) Es ist also die positive Suche nach Glück, Sinn und Heil, die ihn im Glauben verwurzelt. Dieses Glück bindet er an Jesus Christus: "So glücklich ist kein Glücklicher, als der, welcher Christus im Herzen trägt." (GBA 155)
Franz Jägerstätter war ein "wacher" Mensch. Die biblische Wachsamkeit ist für ihn eine Grundhaltung. ... Wachsamkeit fordert er zum einen sich selbst gegenüber, damit das klare moralische Urteil nicht verloren geht (GBA 206), zum anderen aber auch und besonders gegenüber gesellschaftlichen und politischen Vorgängen. Wachsamkeit ist gekoppelt mit der Unterscheidungsgabe. Bei der Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister geht es um ein Sensorium, Entwicklungen, die im Ansatz schon da sind, aber noch durch Vielerlei überlagert werden, vorauszufühlen. Unterscheidung der Geister blickt hinter die Masken der Propaganda, hinter die Rhetorik der Verführung, sie schaut auf den Schwanz von Entwicklungen, z. B. des Versprechens von "Arbeit und Brot", des "nationalen Selbstbewusstseins" nach Demütigungen, der Verheißungen "großer Siege" u. ä.
Bei der Unterscheidung der Geister geht es um ein Zu-Ende-Denken und Zu-Ende-Fühlen von Antrieben, Motiven, Kräften, Strömungen, Tendenzen und möglichen Entscheidungen im individuellen, aber auch im politischen Bereich. Was steht an der Wurzel, wie ist der Verlauf und welche Konsequenzen kommen heraus? Entscheidend ist positiv die Frage, was auf Dauer zu mehr Trost, d. h. zu einem Zuwachs an Glaube, Hoffnung und Liebe führt. Negativ ist entscheidend die Destruktivität des Bösen, das vordergründig unter dem Schein des Guten und des Faszinierenden antritt. ...
Falsche Propheten, Seelenfänger und Verführer hatten schnell Sündenböcke für Krisen und Schwierigkeiten bei der Hand. Es gab jede Menge Ausreden und Entschuldigungsarrangements; man war nicht selbst böse und ließ es andere sein. Diese wurden als Verhinderer, Blockierer und Durcheinanderbringer gebrandmarkt. Falsche Propheten, Seelenfänger und Verführer verdrehten die Werte von Gut und Böse. Humane Tugend und christliche Moral galten als Weisen der Repression, der zu kurz Gekommenen, der Verächter des Lebens. ...
Franz Jägerstätter ist ein Prophet mit einem Weitblick und Durchblick, wie ihn damals die wenigsten seiner Zeitgenossen hatten, er ist Vorbild in der Treue zum Gewissensanspruch, Anwalt der Gewaltlosigkeit und des Frieden, Warner vor Ideologien, er ist ein gläubiger Mensch, dem Gott wirklich Mitte und Zentrum des Lebens war. ...






