Eine Erkundungsreise an die biblischen Quellen des Auferstehungsglauben - und zugleich eine Erinnerung an eine Aufsehen erregende Quellenstudie des Würzburger Theologen Karlheinz Müller Wien, 25.03.10 (KAP) Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Doch was meint diese Glaubensformel eigentlich? Was sind ihre biblischen und ideengeschichtlichen Quellen? Folgt man etwa der Eichstätter Neutestamentlerin Prof. Sabine Bieberstein, dann ist Ostern aus biblischer Sicht vor allem eines: "Provokation und Protest" - Protest vor allem "gegen die Faktizität der Welt", dagegen, dass die Menschen gewohnt seien, die Dinge als unverrückbar und fix zu betrachten, den Einbruch des ganz Neuen, des Anderen nicht mehr für möglich zu halten. Wichtig sei gerade angesichts moderner Wiedergeburts- und anderer stark mythologisch aufgeladener Auferstehungsvorstellungen eine gezielte biblische Entmythologisierung: So stehe im Zentrum der alttestamentlichen Auferstehungshoffnung keine von realen Erfahrungen losgelöste Utopie, sondern die reale Leidenserfahrung in der Welt. Letztlich sei es die "Theodizeefrage", wie sie etwa im Buch Hiob oder im Buch Daniel reflektiert werde, die zum Motor der Auferstehungshoffnung und zum Motor des Osterglaubens wurde, insofern sich die Hoffnung auf Auferstehung als "Hoffnung auf Gerechtigkeit für die unschuldigen Opfer" verstehe. So sei die negative Kontrastfolie der innerweltlichen Leidenserfahrungen zum ideengeschichtlichen Ursprung der Auferstehungshoffnung geworden. Reflektiert werden diese ersten biblischen Zeugnisse einer Auferstehungshoffnung als Hoffnung auf die Auferstehung und Rechtfertigung der Opfer laut Bieberstein etwa im Makkabäerbuch oder im Buch Daniel. Auch die Auferweckungserzählungen des Neuen Testaments wie etwa die Erzählung vom "leeren Grab" sei vor dem Hintergrund der alttestamentlichen Hoffnung auf Rettung des unschuldigen Opfers zu lesen, so die Theologin. Wichtig sei gerade im Blick auf die neutestamentlichen Erzählungen der "zeugnis- und erfahrungshafte Charakter" dieser Erzählungen: Stets werde Auferstehung als lebensweltliche und erschütternde Erfahrung der Zeugen berichtet. Daraus folge, dass auch das neutestamentliche Zeugnis mit Auferstehung kein "fantastisches Ereignis" meint, sondern in die Alltagserfahrungen der Menschen und Jünger zurückweise. Eine Provokation stellt die Rede von der Auferstehung der Toten heute laut Bieberstein insofern dar, als sie "die aus den Fugen geratene Welt wieder lesbar macht". Dies geschehe jedoch gerade nicht, indem sie die vergangenen Leiden "einfach wieder gut macht", sondern indem sie die realen Leiden erinnert. Ein solches umfassendes Verständnis von Auferstehung kann man laut Bieberstein auch mit Hans Blumbergs Begriff der "absoluten Metapher" beschreiben. Auferstehung und befristete Zeit Zu den Pionieren einer solchen entmythologisierenden und auf die eigentlichen biblischen und ideengeschichtlichen Quellen zurückführenden Darstellung des Auferstehungsglaubens gehört der Würzburger Theologe und Bibelwissenschaftler em.Prof. Karlheinz Müller. Zu seinen Forschungsgebieten zählen insbesondere die Entstehung und die geschichtliche Entwicklung der frühjüdischen Apokalyptik und des Urchristentums. In einem viel beachteten Vortrag, der schließlich in zwei Zeitschriften erschienen ist ("Bibel und Kirche", "Jahrbuch Politische Theologie"), hatte Müller bereits vor über zehn Jahren die Rede von Jesu Auferstehung in den ideengeschichtlichen und biblischen Kontext der Apokalyptik gestellt. Am Beginn von Müllers Ausführungen steht eine Ernüchterung: So muss man im Blick auf die neutestamentlichen Quellen der Rede von der Auferstehung feststellen, dass die textliche Basis äußerst dünn sei: "Offenkundig ist die Hoffnung auf eine Auferweckung der Toten kein Gegenstand, der es den ältesten Schriftstellern des Christentums wert gewesen wäre, eindringlichere Fragen zu stellen und ausführlichere Antworten zu geben." Die Autoren setzen vielmehr laut Müller voraus, dass jeder Leser wisse, was mit der Rede von der Auferstehung Jesu von den Toten gemeint sei. Es müsse also in der Zeit des Urchristentums bereits ein vorhandenes ursprüngliches Wissen von dieser Hoffnung gegeben haben. Schließlich wirft Müller einen detaillierten Blick auf die beiden Textformen, in denen im Neuen Testament von der Auferstehung Jesu die Rede ist: die Osterzählungen sowie die "Formeltradition". Müller: "Was nun die (...) Ostererzählungen angeht, so ist kein wissenschaftlich vernünftiger Zweifel daran möglich, dass sie ohne Ausnahme sekundäre Bildungen späterer urchristlicher Gemeinden sind, mit denen diese nachösterliche Ziele verfolgen und solche Absichten in der damals geläufigen literarischen Manier der Erzählung zum Ausdruck bringen." Konkret benennt Müller als solche "sekundär zugewachsene Ostererzählungen", die keine "historischen" Ansprüche erheben wollten, die Geschichte vom leeren Grab (Mk 16,1-8, Mt 28,1-7, Lk 24,1-12), die Erzählung von der Erscheinung des Auferweckten vor den Elfen auf einem Berg in Galiläa (Mt 28,16-20), die Erscheinungsgeschichten von Emmaus (Lk 24,13-33a) und in Jerusalem (Lk 24,33b-49), die Erzählung vom ungläubigen Thomas (Joh 20,19-29) sowie die Erscheinungserzählung vor den Jüngern am galiläischen Meer (Joh 21). "Alle diese Nachgeschichten und Erscheinungserzählungen antworten bereits auf Fragen und Probleme der späteren Kirche", so der Theologe. Zugleich scheiden die Evangelien daher laut Müller als Quellen für eine ideengeschichtliche Verortung des Auferstehungsglaubens aus. "Erstling der Entschlafenen" Fündig wird Müller nun bei der "Formeltradition". Die älteste Formel dieser Tradition findet man laut dem Bibelwissenschaftler an zahlreichen Stellen im Neuen Testament - insbesondere in den paulinischen Briefen sowie in der Apostelgeschichte. Die Formel lautet: "Gott, der Jesus aus den Toten erweckt hat" bzw. "Gott hat Jesus aus den Toten erweckt". Müller: "Die Konstanz und geringe Variabilität der Formel sowie ihre weit Verbreitung im Neuen Testament machen die Einsicht zwingend, dass es sich hier in der Tat um die älteste selbständig geprägte Formel des Urchristentums handelt." Theologisch verweise die Formel zunächst auf die weitreichende Einsicht, dass die Rede von der Auferstehung Jesu eine theologische Rede von der Macht Gottes, nicht eine christologische Aussage über Jesus bedeute. Weiters werde aus dem Präpositionalausdruck "aus den Toten" deutlich, "dass es sich bei der Rede der Formel von der 'Auferweckung' Jesu um eine metaphorische Rede handelt. Wie man vom Schlafe 'auferweckt' wird, so soll es sich auch bei dem toten Jesus verhalten haben." Die mit "Auferstehung" bezeichnete Wirklichkeit entziehe sich also radikal dem menschlichen Erfahrungsraum und lasse nur eine metaphorische Redeweise zu, so Müller. Paulus habe diesen substanziellen Sprung zwischen der alten, weltlichen Existenzform und der Existenzform in bzw. nach der Auferweckung von den Toten immer wieder reflektiert - und zugleich damit laut Müller den Hinweis gegeben auf jenes "weltanschauliche Geländer, an das sich die Formel ... anlehnt". Wenn Paulus nämlich etwa im Römerbrief vom "Erstling unter vielen Brüdern" (Röm 8,29) spricht, im Korintherbrief vom "Erstling der Entschlafenen" (1 Kor 15,20) und im Kolosserbrief vom "Erstgeborenen aus den Toten" (Kol 1,18), so verdanke sich dies der das ganze Urchristentum durchwehenden Naherwartung. Diese stelle geradezu einen Motor der christlichen Auferstehungshoffnung dar. Paulus etwa ging laut Müller davon aus, dass er selbst das Ende aller Tage noch miterleben würde. Müller: "Erst in der zweiten Generation neutestamentlicher Schriftsteller - durch Markus, Matthäus, Lukas, Johannes, durch die Verfasser der deuteropaulinischen Briefe und des Hebräerbriefes - gelingt es mit Mühe, diese Naherwartung einigermaßen unter Kontrolle zu bringen." Was sind nun die Quellen dieser glühenden Naherwartung, fragt Müller weiter. Das alte Israel biete im Blick auf diese dringende Naherwartung keinen Aufschluss. Es kenne für die Toten keine direkte Auferstehungshoffnung, vielmehr warte auf die Toten das im Hebräischen mit "Scheol" umschriebene endgültige Aus. Der Tod, so die Überzeugung im alten Israel, ziehe eine Grenze auch zwischen Gott und den Menschen. Abermals führt Paulus laut Müller weiter: Denn seine Rede etwa im Galaterbrief (1,1-2) von der Entmachtung des "alten Äon" und des Anbruchs eines "neuen Äons" mit der Auferweckung Jesu weise auf jene theologische Tradition hin, in der die frühen Christen die Rede von der Auferstehung Jesu verorteten: die frühjüdische Apokalyptik. Ihre Ursprünge führen auf die Zeit um 170 v.Chr. zurück und auf die gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen dem damaligen Herrscher in Israel, dem Seleukidenkönig Antiochos IV. Epiphanes, und den Juden. Der König wollte das Gesetz des Mose aufheben, den Tempel für den Götzendienst öffnen und die Einhaltung jüdischer Gesetze unter Strafe stellen. Verräter in den eigenen jüdischen Reihen sorgten dafür, dass sich die Lage zuspitzte, wie das erste Makkabäerbuch berichtet (1 Makk 1,11f.). Der jüdische Gott wurde schließlich - so das zweite Makkabäerbuch - in das allgemeine Pantheon der Götter aufgenommen, im Tempel wurde fremden Göttern gehuldigt. In dieser Zeit nun, in der laut Müller "das Judentum wie nie zuvor auf dem Spiel stand", kam im Judentum die Hoffnung auf eine Erweckung von den Toten auf. "Hoffnung mit unklaren Konturen" Dieser apokalyptischen Grundströmung entstamme auch das Buch Daniel, das sich ebenfalls mit dem damaligen Konflikt und den Versuchen einer Anpassung des Judentums an den Herrscherkult befasst. Die im Buch Daniel artikulierte Erfahrung reiche aber noch tiefer, so Müller: Es findet sich der Glaube an die rettende Kraft Gottes zutiefst erschüttert. Auch die Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit des Volkes Israel mit seinem Gott könne darüber nicht hinwegtäuschen. Diese Überzeugung werde nun zur "Grundlage des Programms einer ganz neuartigen Theologie mit einer ebenso neuartigen Vorstellung von der Erlösung". Erlösung werde nun nämlich bei Daniel zu einer Hoffnung auf ein bloßes "Ende" der Zeit hin fokussiert. Gottes Heilshandeln besteht demnach im Buch Daniel in der Beendigung der Zeit. Damit lasse es das Buch Daniel jedoch nicht bewenden: Denn erstmals in der frühjüdischen Überlieferung findet sich im Buch Daniel - konkret in Dan 12,2 - eine ausformulierte Hoffnung auf Auferweckung - streng theozentrisch und strikt endzeitlich-apokalyptisch ausgerichtet: eine Auferweckung der Toten "zum ewigen Leben" oder "zur ewigen Schande". Mit den Makkabäerbüchern und dem Buch Daniel begann sich, wie Müller meint, demnach in jenem Judentum, das auch noch den Boden und Erfahrungshorizont Jesu prägte, ein "neuartiges Modell der Erlösung abzuzeichnen". Die Hoffnung auf eine neue Landnahme, wie sie bis dahin die jüdische Heilsvorstellung bestimmte, wich der eschatologischen Hoffnung auf ein "Ende aller Tage", so Müller. Diese neue Erlösungshoffnung sei damit "utopisch in einem strengen theologischen Sinn" - die Herrschaft Gottes sollte in dieser Vorstellung an einem Endpunkt ein für alle Mal verwirklicht werden. Aus dieser Teilung der Zeit in einen Warteraum auf das "Ende" und eine Zeit Gottes sei letztlich auch die glühende Naherwartung hervorgegangen, in der das Urchristentum den Tod Jesu interpretierte. Müller: "Das theologische Grundwissen der frühjüdischen Apokalyptik war es, welches die Aussage, dass 'Gott Jesus aus den Toten erweckte', überhaupt ermöglichte, indem es erlaubte, das Geschick des Gekreuzigten mit der Erwartung und dem Eintreffen der Endzeit zu verklammern." Das Resultat dieses biblischen und ideengeschichtlichen Befundes sei daher erneut eine Ernüchterung, so Müller abschließend. Die Rede von der Auferstehung Jesu könne nämlich vor diesem Hintergrund keine Rede von einer Kontinuität zwischen Tod und Leben, keine Rede von einem bereits geschehenen Sieg über den Tod meinen. Wenn wir uns auf die paulinische, von apokalyptischen Elementen durchzogenen Lesart der Auferstehung verlassen, könne es "eigentlich keine andere Kontinuität geben als die das Stadium der völligen Vernichtung des Menschen in Tod und Verwesung durchtragende und überdauernde Erinnerung Gottes". Dies sei letztlich alles, was er daher "als Extrakt und Resultat" anbieten könne: "dieses Vertrauen in die Erinnerung Gottes an unsere Geschichte und die Zuversicht, dass Gott diese unsere Geschichte im Akt einer Neuschöpfung ebenso zu ihrem 'Ende' bringen wird wie die Geschichte des Jesus von Nazareth. Mehr ist es nicht, aber auch nicht weniger - eine Hoffnung mit nach wie vor unklaren Konturen!"
Der Auferstehungsglaube als "Provokation und Protest"






