Zeitungskommentare zur den Fällen sexuellen Missbrauchs in Deutschland
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Berlin, 23.2.10 (KAP-ID) Vor einem "Generalverdacht" gegen die Kirche im Skandal um Fälle sexuellen Missbrauchs in Deutschland haben Zeitungskommentatoren im deutschsprachigen Raum gewarnt. "Der häufigste Ort sexuellen Missbrauchs von Kindern ist nicht die Kirche oder eine ihrer Einrichtungen, sondern die Familie", schrieb etwa Joachim Güntner in der "Neuen Zürcher Zeitung" (13. Februar). Dieser Umstand relativiere allerdings keinen der Fälle, die jetzt in Deutschland bekanntgeworden sind "und bei Katholiken für tiefes Erschrecken, bei Antiklerikalen für höhnische Urteile über 'kirchliche Verlogenheit' sorgen".
Je nach der Sphäre, in der ein Verbrechen begangen wird, "stellen sich die Kernfragen anders", hält Güntner fest: "Das ist an unserer medialen Praxis gut zu beobachten. Wird ein Heranwachsender von einem Angehörigen oder einem nahen Bekannten missbraucht, stößt die Öffentlichkeit einen Ruf des Abscheus aus, lässt sich dann allenfalls noch den Triebtäter als individuelles Monstrum vorführen und beklagt die allgemeine Pornografisierung der Gesellschaft. Es beginnt jedoch keine Diskussion über die Familie als solche und ihre Prinzipien, namentlich ihr sexuelles Ethos."
Bei innerkirchlichem Missbrauch hingegen stehe nicht nur die Integrität von Einzelnen, sondern sogleich die Institution zur Debatte - laut Güntner "mit Grund, da die Kirche eine Ordnungsmacht ist, die von sich aus normative Ansprüche formuliert. Wer strenge Maßstäbe setzt, wird auch an ihnen gemessen."
Daher seien die nun vielfach zu lesenden Fragen nach der "Mitschuld der katholischen Sexualmoral" am Missbrauch naheliegend, "mögen sie auch plump sein und mit weitreichenden Unterstellungen operieren". Für eine Abschaffung des Zölibats gebe es sicherlich Argumente, "aber ob das Beispiel der Lehrer an katholischen Kollegs, die sich an ihren Schutzbefohlenen vergehen, zu einem solchen Argument taugt, ist zweifelhaft", schränkt der NZZ-Kommentar ein. Die These, der Zölibat produziere Kindesmissbrauch, werde nicht nur von Theologen, die pro domo reden, sondern auch von empirischen Studien, bestritten.
"Sittenstrenge" bewahren
Güntner zitiert eine Aussage des Sekretärs der Deutschen Bischofskonferenz, Jesuitenpater Hans Langendörfer, wonach "das spezielle Vertrauen, das der Priester oft genießt, für den verbrecherischen Täter Missbrauch leichter machen kann". Einen Generalverdacht gegen Priester erlaube dies aber nicht. Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz habe zudem festgestellt: "Die Wahrheit ist, dass alle Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, Menschen anziehen, die missbräuchlichen Kontakt mit Minderjährigen suchen. Das gilt für Sportvereine, Einrichtungen der Jugendhilfe und natürlich auch für die Kirchen."
Damit sollte aber keiner Verharmlosung und Vertuschung das Wort geredet werden, so die NZZ. Jesuitenpater Klaus Mertes, der als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs die Missbrauchsfälle an seinem Gymnasium öffentlich gemacht hat, wollte gerade damit aufräumen.
Bemerkenswert sei jedenfalls der gesellschaftliche Kontext, innerhalb dessen nun die nachholende Aufklärung der oft Jahrzehnte zurückliegenden Missbrauchsfälle einsetzt. "Der Kindesmissbrauch steht heute unter einem - auch strafrechtlich bewehrten - schärferen Tabu denn je; die Homosexualität wurde enttabuisiert. Die katholische Sexualmoral wäre demnach gehalten, mit ihrer Homophobie aufzuräumen, die Sittenstrenge gegenüber ihren Zöglingen aber zu bewahren", so der Kommentar. Was den Schutz der anvertrauten Kinder und Jugendlichen angeht, hätten im 17. Jahrhundert, wie Philippe Aries in seiner "Geschichte der Kindheit" berichtet, die Jesuitenkollegs zu den Vorreitern gezählt. Bei der Festlegung der Körperstrafen fixierten sie in Hausordnungen, den Jugendlichen dürften "ohne Ansehen von Stand und Alter" die Hosen nicht heruntergezogen werden.
Jede Lebensform kann "pervertiert" werden
Über die "Dynamik des Skandals" machte sich Patrick Bahners in der FAZ (13. Februar) Gedanken. Dass die Fälle erst nach Jahrzehnten bekannt werden und die Täter angeblich an anderen Verwendungsorten weitere Taten begingen, "macht den Fall zum Skandal, der eine Öffentlichkeit jenseits der Schulgemeinschaft in Erregung versetzt". Denen, die in den Fällen nur ein Thema für die Gerichte und wegen der Verjährung gar keines mehr sehen, sei entgegenzuhalten, dass in jeder Lebensform "als Möglichkeit auch ihre Pervertierung steckt".
In einer bemerkenswerten Predigt habe der Jesuitenpater Martin Löwenstein, Pfarrer am "kleinen Michel" in Hamburg, Gedanken über die Kultur formuliert, die den Missbrauch möglich gemacht hat. Als Beispiel nenne er das Ausforschen in der Beichte: Die Routine dieses "Übergreifens in die Intimsphäre" habe denen einen "kulturellen Schutzraum" geboten, "die dann im körperlichen Bereich in den verletzlichen Raum anderer Menschen eingedrungen sind". Bahners: "Solchen Fragen nach den Nachtseiten der eigenen pädagogischen Tradition, nach den psychischen Kosten der asketischen Disziplin wird die Selbstprüfung der Katholiken nachgehen, die der Canisius-Skandal anstoßen sollte."
Kritik an Rektor Mertes
Teilweise kritisch geht die FAZ mit Pater Mertes ins Gericht: "Mertes, eine markante Figur in der überschaubaren Szene der katholischen Intelligenz der Hauptstadt, ist im Umgang mit der Presse ein Profi. Dass er in die Informationsoffensive gegangen ist, hat ihm viel Lob eingetragen. Mut wird ihm attestiert, aber auch jene politische Klugheit, die als Kardinaltugend seines Ordens gilt.
Die Kirche darf nicht abwarten, bis ein anderer den Kinderschänder im kirchlichen Dienst enttarnt: Auch das ist eine Lektion aus der Welle von Missbrauchsfällen, die die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten in eine Glaubenskrise gestürzt hat. Die Dynamik eines Skandals entscheidet sich in aller Regel ganz am Anfang. Nachgereichte Erklärungsversuche der Betroffenen werden von der Öffentlichkeit als Ausflüchte oder als erzwungene Zugeständnisse wahrgenommen."
Der Rektor des Canisius-Kollegs habe seine Bitte um Vergebung und sein Versprechen rücksichtsloser Aufklärung und Ursachenforschung aber "mit maßloser Polemik gegen die kirchliche Lehre und die kirchlichen Autoritäten verknüpft". Ihn interessiere nicht das Motiv des einzelnen Täters, sondern "das vertuschende System". Dieses System, das "Interessen hat und Ängste" und deshalb von Mertes der kollektiven Mittäterschaft an der sexuellen Belästigung im Canisius-Kolleg bezichtigt werde, sei "größer als das Lehrerkollegium, die Ordensprovinz oder die Gesellschaft Jesu. Es ist die Kirche, mit ihrer Sexualmoral und ihrer Bürokratie".
Die Deutsche Bischofskonferenz hat 2002 Leitlinien "Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche" beschlossen. Nach Meinung von Mertes - so der FAZ-Kommentar - setzt das Verfahren, das gemäß Vorgaben der damals von Kardinal Joseph Ratzinger geleiteten Glaubenskongregation geschaffen wurde, die Praxis der systematischen Vertuschung fort. "Mertes nimmt an der Unschuldsvermutung Anstoß. Er suggeriert, ein Bischof müsse einem Opfer, das sich ihm stammelnd offenbare, entgegenhalten, für die Kirche gelte der Beschuldigte als unschuldig. Das ist eine böse Verzeichnung. Die Unschuldsvermutung ist eine Minimalanforderung an jedes gerechte Verfahren, auch im kirchlichen Strafrecht." Ihre Beachtung verlange aber keineswegs einen ausdrücklichen Vorbehalt gegenüber einer Zeugenaussage.
Zudem habe Mertes einen Zusammenhang hergestellt zwischen dem Verhehlen von Sexualverbrechen und dem Geheimnis, das homosexuelle Priester aus ihrer Veranlagung machen müssten. Die FAZ dazu: "Soll das heißen, dass ein als Schwuler akzeptierter Pater nicht so leicht in Versuchung käme, sich an Jungen zu vergreifen? Keiner der beiden ersten Beschuldigten wird als Homosexueller beschrieben. Und wenn Mertes das freie Reden über Intimitäten zur Heilung der Sprachlosigkeit gegenüber den Opfern empfiehlt, so ist der Fall des Paters, der seine Zöglinge zur Offenbarung intimer Gewohnheiten genötigt haben soll, wenigstens als historisches Exempel instruktiv: In zwanglosen Nachmittagssitzungen wurde gemäß dem Geist der Zeit ein freizügiges Reden eingeübt, das dann im Privatissimum in die Travestie eines Beichtgesprächs überführt wurde."
"Das Tier soll in den Käfig"
In der "Süddeutschen Zeitung" (9. Februar) meinte Matthias Drobinski, dass die Kirche wegen sexuellen Missbrauchs unter Generalverdacht stehe, sei unfair. Dennoch müsse sie "das speziell katholische Verhältnis von Sex, Religion und Macht revolutionieren". Es vergehe kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Fall öffentlich wird. "Es melden sich nach langem Schweigen Menschen, deren ganzes Leben überschattet ist von diesem Missbrauch; es wird offenbar, wie lange an Schulen und in Pfarren, in Jugendgruppen und Orden das Thema verdrängt und geleugnet wurde."
Zunehmend werde nun aus dem Verdacht der Generalverdacht: Vom Zölibat, von der Haltung der katholischen Kirche zur Sexualität überhaupt, gehe der direkte Weg zum sexuellen Missbrauch. "Dieser Generalverdacht ist falsch und unfair", so Drobinski, "weil sexueller Missbrauch überall vorkommt, wo Männer - es sind fast nur Männer - eng mit Kindern und Jugendlichen zusammen sind: am häufigsten in der Familie, aber auch an der staatlichen Schule, im Sportverein, in der evangelischen Kirche."
Genauso falsch sei es, katholischen Priestern eine krankhafte Sexualität zu unterstellen, wenn sie versprechen, keusch zu leben: "Es gibt Menschen, die ohne Sex glücklich werden - hier ist in einer sexfixierten Welt die Toleranz derer gefragt, die sich das ihrerseits nicht vorstellen können."
Trotzdem erzwinge der offenbar gewordene Missbrauch den Blick auf das Verhältnis der katholischen Kirche zur Sexualität. Drobinski: "Missbrauch innerhalb dieser Kirche schmeckt nun mal nach Katholizismus, so wie er in der Waldorfschule nach Antroposophie schmeckt und im Schwimmverein nach Leistungssport. Es gibt katholische Gründe für den Missbrauch, dafür, warum er gedeckt, verschwiegen, vertuscht wird."
Man wisse das auch im Vatikan, so die "SZ". Im Jahr 2002 habe Johannes Paul II. in Rom alle, "die in der Erforschung des sexuellen Missbrauchs Rang und Namen haben", versammelt. "Die Fachleute sagten: Meistens sind die Opfer sexueller Übergriffe Mädchen - nur in der katholischen Kirche sind sie in der Mehrzahl Buben. Das legt nahe, dass für Männer mit unklarer sexueller oder uneingestanden homosexueller Orientierung die Priesterweihe oder der Ordenseintritt eine Fluchtmöglichkeit ist: Hier bringt es Anerkennung, wenn man ohne Partner bleibt, hier existiert ein Männerbund, der Nähe bietet - und in seiner Liturgie mit Gesang und Messgewand ein hohes Maß an Weiblichkeit. Dies kann ein wohltuender Kontrast zur Macho-Welt sein. Manche Männer aber heiligen so ihre sexuellen Probleme - bis sie aufbrechen", schrieb Drobinski.
Die Kurie in Rom habe daraufhin Homosexuelle aus den Priesterseminaren verbannt. "Es war eine hilflose Antwort, die viel über das Problem dieser Kirche mit der Sexualität erzählt. Sie ist ja zunächst einmal gar nicht so leibfeindlich, diese Kirche; eine Ehe gilt ihr erst als vollzogen, wenn die Partner miteinander schlafen, und die Sexualität dient laut Kirchenrecht nicht nur dazu, Kinder zu zeugen, sondern genauso der Lust der Partner aneinander", so der Kommentar.
Nur versuche die katholische Kirche, diese Sexualität "angstvoll zu kontrollieren wie ein böses Tier, das in den Käfig gehört. Sex gehört zur verhütungsmittelfreien Ehe; alles andere ist Sünde, Unordnung, diabolisch, zu bekämpfen. Es ist der Versuch, etwas zu beherrschen, was sich naturgemäß der Herrschaft entzieht".






