Wien, 12.07.2010 (KAP) Die Unabhängige Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic hat es bisher nicht bereut, diese Funktion übernommen zu haben. Aber es sei natürlich belastend, von all diesen tragischen Lebensschicksalen zu hören: "Es tut im Herzen weh", erklärte sie am Wochenende im Interview mit dem ORF-Radio Ö1. "Es hat aber auch eine Balance des Guten. Und die Balance des Guten ist dort, wo man spürt, dass man Vertrauen geschenkt bekommt. Dass Menschen, oft das erste Mal in ihrem Leben, darüber sprechen, was ihnen geschehen ist." Das Belastende sei dort, "wo man dem Menschen nicht sagen kann: 'Vergessen Sie, es ist alles wieder gut', sondern wo man ihm nur anbieten kann: 'Wir möchten Sie ein Stück begleiten.'"
"Vielleicht können wir ein Stück Vertrauen zurückgewinnen und wir können ihnen vielleicht sagen, was sie bisher noch nie gehört haben: 'Es tut uns leid. Es tut mir leid, dass Sie das erleben mussten' ", sagte Klasnic mit Blick auf die Betroffenen gegenüber Ö1. "Der Wunsch der Kirche ist es zu versuchen, dass eine versöhnliche Form gefunden wird", erklärte die Opferschutzanwältin. "Sei es, dass man hilft - jetzt spät aber doch - mit Therapien. Und mit vielen Möglichkeiten zeigt: Es ist geschehen, es hätte nicht passieren dürfen. Aber es wird auch jetzt alles getan, damit es in Zukunft nicht mehr passiert."
Sexueller Missbrauch an Kindern habe Folgen für das ganze Leben der Opfer, sie hätten u. a. mit Problemen in der Bindungs- und Leistungsfähigkeit zu kämpfen, würden keinen Druck aushalten oder "wissen nicht, warum sie immer wieder scheitern", so Klasnic im Radiointerview. "Sexueller Missbrauch an Kindern ist für mich das ärgste Verbrechen, dass man einem Menschen antun kann." Die Opferanwältin betonte auch, dass Betroffene nicht nur von Männern als Täter, sondern auch von Frauen, Nonnen, berichteten. Hier würde es aber schwerpunktmäßig um Gewalt und nicht um sexuellen Missbrauch gehen.
Zahlungsangebot "richtiges Angebot"
Klasnic betonte auch, dass sie keinen "Gegenwind" aus der Kirche bei ihrer Arbeit verspüre. Auf die aktuellen Vorwürfen gegen den Schulbrüder-Orden wolle sie aus prinzipiellen Gründen nicht über die Medien eingehen. Gleichzeitig kündigte die Opferschutzanwältin an, dass es gegen eine andere kirchliche Institution in der nächsten Zeit zu einer Anzeige kommen könnte.
Zu den Zahlungen der Kirche an die Opfer erklärte sie gegenüber Ö1: "Diese Leistung der Kirche ist ein freiwilliges Angebot. Es ist absolut richtig, dass es ein solches Angebot gibt." In diesem Zusammenhang wies sie auch darauf hin, dass die meisten Missbrauchsfälle generell innerhalb von Familien stattfänden und der Teil derer, die im kirchlichen Bereich begangen würden, "maximal ein bis zwei Prozent" ausmachten.
An die Kirche gebe es aber vor allem einen moralischen Anspruch, weshalb das Zahlungsangebot auch richtig sei: "Der Kardinal hat einen wichtigen Schritt getan. Die Kirche in Österreich ist, wenn man es international betrachtet, auf einem guten Weg. Das wird auch bestätigt", meinte Klasnic.
Auf die Frage nach einer Gesamtsumme der Entschädigungszahlungen erklärte die Opferschutzanwältin, es gehe jetzt nicht um Summen, sondern darum, wie man dem Einzelnen helfen könne. Sie appellierte im Radio auch erneut, dass sich Betroffene bald melden sollen.
Die Opferschutzanwältin merkte auch an: "Wenn in der Öffentlichkeit diskutiert wird, wenn in den Medien gesprochen und geschrieben wird, melden sich Menschen, die sich bisher vielleicht nicht gemeldet hätten oder nicht wollten; die aber jetzt aufzeigen und sagen, ich bin da, ich war betroffen, ich gehöre dazu." Mehr als 70 Gespräche hätte sie bisher geführt: "Ich hatte immer das Gefühl, es ist ein tief verletzter Mensch, der mir gegenüber sitzt", so Klasnic im Ö1-Interview.