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Im Mai organisierte die katholische Presseagentur "Kathpress" eine Reise durch den Süden der Türkei auf den Spuren des Apostels Paulus. Dabei kam es u.a. zu einem Treffen mit dem Vorsitzenden der Türkischen Bischofskonferenz, Bischof Luigi Padovese.
Im Gespräch mit österreichischen Journalisten erläutert der Bischof seine Erwartungen an das kommende Paulusjahr und die derzeitige Lage der Christen in der Türkei.
> Eine Bildergalerie zu dem Gespräch finden Sie hier.
Lesen Sie hier den Wortlaut des Gesprächs mit Bischof Padovese.
Herr Bischof, mit großen Feierlichkeiten wird am 28./29. Juni in Rom das "Paulusjahr" in Erinnerung an jenen Apostel eröffnet, der das Christentum in die Welt getragen und sozusagen "globalisiert" hat. Wie werden Sie hier in Tarsus, dem Geburtsort des Paulus, dieses Paulusjahr begehen?
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Die türkische Mittelmeer- küste nahe Iskenderun
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Padovese: Aufgrund terminlicher Überschneidungen mit Feierlichkeiten in Antakya wird bei uns das Paulusjahr bereits am 21. Juni offiziell eröffnet. Dazu erwarten wir unter anderem Kardinal Walter Kasper, eingeladen ist außerdem der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan sowie natürlich die türkischen Bischöfe und zahlreiche Pilger aus den katholischen Gemeinden in der Türkei wie etwa die deutschen Gemeinden aus Istanbul und Antalya. Am 22. Juni feiern wir dann gemeinsam mit Kardinal Kasper eine Heilige Messe in Tarsus, der vom 22. bis 24. Juni ein Symposion über den Apostel Paulus folgen wird. Erwartet werden auch Vertreter von Patriarch Bartholomaios I. und dem armenischen Patriarchen Mesrob II.
Was erwarten Sie sich von diesem Jahr?
Padovese: Vor allem erwarte und erhoffe ich mir ein größeres öffentliches Interesse für die Situation der Christen hier in der Türkei. Hier befinden sich die ursprünglichen Wurzeln des Christentums, in Antakya etwa wurden die Christen erstmals als Christen bezeichnet, hier begannen und endeten die Missionsreisen des Paulus. Anders gesagt: Wer als Pilger hierher kommt, kann die Geschichte des Christentums atmen. Das scheint mir heute sehr wichtig zu sein: eine neue Symbiose herzustellen zwischen den historischen Wurzeln und der "Geographie" des Christentums. Man kann vieles im Urchristentum nur verstehen, wenn man diese Wanderschaften, die Wege, die zurückgelegt wurden, selbst geht.
| Bischof Luigi Padovese
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Was kann man heute noch von Paulus lernen?
Padovese: Als Völkerapostel ist Paulus eine enorme Inspirationsquelle für Authentizität im Glauben und zugleich für dialogische Offenheit. In einem Hirtenbrief zum Paulusjahr haben wir türkischen Bischöfe genau diesen Aspekt hervorgehoben, dass Paulus ein "Mann des Dialogs" war und daher auch uns als christliche Minderheit zu dem unabdingbaren Dialog mit den Muslimen auffordert, dass Paulus zugleich aber immer auch unmissverständlich zu seinem christlichen Glauben und zu seiner Identität stand.
Wie beurteilen Sie die Situation der Christen in der Türkei? Ist - vielleicht auch im Zuge des nahenden Paulusjahres - mit einer Entspannung im Verhältnis von Staat und Kirche zu rechnen?
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Die katholische Kirche am Amtssitz von Bischof Padovese in Iskenderun |
Padovese: Auf der einen Seite muss man in aller Deutlichkeit sagen: Wir sind immer noch eine Minderheit ohne jegliche Rechte - daran wird wohl auch das Paulusjahr allein nichts ändern. Mit der Frage unseres Rechtsstatus' als Kirche in der Türkei steht und fällt unsere Zukunft: Wären wir als Minderheit von rund 30.000 Katholiken bei insgesamt sowieso nur rund 100.000 Christen in der Türkei anerkannt, so hätte das enorme praktische Auswirkungen und Verbesserungen unseres Alltags zur Folge.
Einige Beispiele: Unser Klerus besteht zum größten Teil aus Priestern und Ordensleuten aus dem Ausland, die Jahr für Jahr erneut ihr Visum verlängern müssen, was mit einer Aus- und erneuten Einreise in die Türkei verbunden ist.
Ein weiteres Beispiel ist die Immobilienfrage: So lange wir nicht rechtlich anerkannt sind, gibt es keine Möglichkeit einer Restitution der enteigneten Gebäude und Liegenschaften. Wem sollten die Güter auch zurückgegeben werden, wenn wir offiziell als Rechtsperson nicht existieren.
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Bischof Padovese im Gespräch mit Journalisten
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Ein letztes Beispiel: Bereits vor Jahren hat ein Jesuitenpater ein auf seinen Namen eingetragenes Grundstück unmittelbar vor der Pauluskirche in Adana verkauft. Nun hat der jetzige Besitzer einen Prozess gegen uns angestrengt und gewonnen, so dass uns nicht mehr gestattet ist, die Kirche über dieses Grundstück zu betreten. Zwei Briefe an den Bürgermeister mit der Bitte um eine Lösung dieses Problems sind unbeantwortet geblieben. Wenn wir jedoch keine Lösung finden, werde ich die Kirche offiziell schließen müssen. Man könnte das Dilemma so zusammenfassen: Wir existieren de facto, aber nicht de jure. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen: Es tut sich einiges unter der Oberfläche. Es gibt Kontakte zu Behörden und konstruktive Gespräche.
Gibt es denn keine Anzeichen einer Besserung der Lage - etwa im Blick auf das Ansuchen der deutschen Bischöfe, allen voran des Kölner Erzbischofs Kardinal Meisner, an die türkische Regierung, in Tarsus eine Kirche bauen zu dürfen?
Padovese: Wir schätzen diese Initiative natürlich sehr und tatsächlich scheint sich von Seiten der Behörden etwas zu tun. So habe ich vor einigen Tagen einen Brief vom Kultus- und Tourismusministerium erhalten, aus dem eine gewisse Bereitschaft hervorgeht, über die Frage eines eigenen Grundstücks zum Bau einer Kirche und eines Pilgerzentrums zu verhandeln. Auch hier sieht man, dass sich etwas bewegt. Im Blick auf das Paulusjahr wurde uns zugesagt, die zum Museum umfunktionierte Pauluskirche in Tarsus während dieses Jahres ohne offizielles Eintrittsbillet für Gottesdienste zu nutzen. Aber das darf natürlich nicht alles sein - wir brauchen eine eigene Kirche und die offizielle Anerkennung.
| Bischof Luigi Padovese
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Wie gestaltet sich das Zusammenleben mit den anderen Religionsgemeinschaften, den Orthodoxen, den Muslimen ganz praktisch?
Padovese: Hier im Südosten der Türkei funktioniert das problemlos. Man muss dazu wissen, dass der Islam in der Türkei sehr bunt ist es gibt nicht nur die drei großen Richtungen der Sunniten, Schiiten und Alewiten sondern darüber hinaus zahlreiche Untergruppen und Strömungen. Die meisten sind dialogbereit und es kommt wie etwa in Antakya oder hier in Iskenderun im "Dialogzentrum" zu regelmäßigen Begegnungen bei Vorträgen oder gemeinsamen Friedensgebeten. Dieser Pluralismus, der hier unten so gut gelingt und der wohl aus der Zeit der syrischen Besatzung bis 1939 herrührt, in der jede religiöse Minderheit ihre eigene Identität, ihren eigenen Ritus etc. bewahrt und gepflegt hat, könnte Modellcharakter haben für die ganze Türkei.
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| Bischof Luigi Padovese |
Padovese: Es ist völlig klar, dass unsere Identität als Christen - wie es ja Paulus vorgemacht hat - auch von Dialogbereitschaft geprägt sein muss. Ich gebe Ihnen ein Negativbeispiel, wo man christlicherseits meines Erachtens bis heute nicht ausreichend Bereitschaft zeigt, sich in die Umstände und die Kultur hier einzufinden - ich meine die Liturgiesprache. In der Liturgie pflegt jeder Ritus seine eigene ursprüngliche Sprache: die orthodoxe Kirche das Arabische bzw. in Istanbul das Griechische, die Armenier zelebrieren auf Armenisch, die Chaldäer zum Teil auf Aramäisch - ich kann das ehrlich gesagt nicht verstehen und lege selbst großen Wert darauf, dass die Liturgiesprache bei uns Katholiken Türkisch ist.
Sie meinen also, die Liturgiesprache trägt unter anderem zu einer kulturellen Öffnung oder eben zu einer Abschottung bei?
Padovese: So ist es. Neben der Frage der rechtlichen Anerkennung als religiöse Minderheit gibt es meines Erachtens ein spezifisches christliches Problem in der Türkei: Das Christentum wurde nie wirklich in der Türkei inkulturiert. Es ist bis heute gewissermaßen ein Fremdkörper in der türkischen Kultur geblieben.
| Bischof Luigi Padovese
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Könnten Sie das näher erläutern? Wie erklären Sie sich das?
Padovese: Ich hatte ja bereits erwähnt, dass unser Priesternachwuchs zum überwiegenden Teil aus den Ordensgemeinschaften aus dem europäischen Ausland stammt aus Italien, Frankreich, England, Deutschland. Zugleich sind dies die Länder, die in der Türkei als ehemalige Kolonialmächte wahrgenommen werden und denen man daher ein gewisses Maß an Misstrauen entgegenbringt. Das Christentum wird immer noch als Religion der ehemaligen Kolonialmächte und damit als Eindringling empfunden. Die Zukunft des Christentums in der Türkei wird davon abhängen, ob es uns gelingt, das Christentum erfolgreich zu inkulturieren. Ein Schritt dahin wäre es etwa, wenn wir hier unseren eigenen Priesternachwuchs ausbilden dürften. Es ist paradox: In einem Land, in dem eigentlich Religionsfreiheit herrschen sollte und in dem bereits 24 islamische theologische Fakultäten existieren, dürfen wir als Minderheit nicht einmal unsere eigenen Priester ausbilden. Im übrigen kämpft die orthodoxe Kirche mit demselben Problem. Ihr Priesterseminar auf Chalki ist bereits seit über 30 Jahren geschlossen.
Welche Auswirkungen hätte für die Christen ein möglicher EU-Beitritt der Türkei?
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Außenansicht der Kirche in Iskenderun |
Seit Atatürk legt die Türkei großen Wert darauf, sich selbst als laizistischen Staat zu verstehen. Eigentlich müsste sie doch damit doch die besten Voraussetzungen mitbringen in einem liberalen egalitären Europa?
Padovese: Das ist im Prinzip richtig und ich halte die bewusste Laizität auch für eine im Grunde gute Sache, da sie den Staat vor überzogenen religiösen Einflüssen schützt. Aber das Konzept muss heute modernisiert werden: Wir leben nicht mehr in der Zeit Atatürks sondern es geht darum, einen konstruktiven Dialog zwischen Staat, Gesellschaft und Religionen zu initiieren. Laizität darf heute weder Verachtung noch eine überzogene staatliche Phobie vor Religion bedeuten, sondern muss als dialogischer Prozess verstanden werden, in den auch die religiösen Minderheiten einbezogen werden sollten.
Wo erfahren die Christen als Minderheit denn eigentlich tatsächliche Missachtung bzw. Unterdrückung?
Padovese: Auch hier kann ich Ihnen ein aktuelles Beispiel benennen: Wir streben derzeit einen Prozess gegen die streng-islamische Zeitung "Anadoluda Vakit" an. Diese hatte nämlich in einer Ausgabe im Dezember vorigen Jahres behauptet, die türkische Caritas unterstütze die PKK. Ich bin auch Präsident der Caritas in der Türkei und möchte gegen diese Behauptung nun gerichtlich vorgehen, da solche Gerüchte und Lügen durchaus eine gefährliche Eigendynamik entwickeln können. Aber auch hier stellt sich übrigens wieder das Problem: Wie soll ich die Klage führen, wenn die Caritas offiziell rechtlich nicht existiert? Dass es der Zeitung nur darum geht, die Bevölkerung gegen uns Christen aufzubringen, wird außerdem darin deutlich, dass im selben Artikel der Vorwurf erhoben wird, wir würden missionieren und in ausgeteilten Bibeln und Evangelien 100-Dollar-Scheine heimlich verteilen. Ein Problem stellen übrigens tatsächlich jene christlichen, zumeist evangelikalen Gruppen dar, die missionarisch in der Türkei tätig sind. Die Presse sieht diese Unterschiede nicht und stempelt damit alle Christen zu Missionaren. Aber um es nochmals zu betonen: Diese Vorbehalte gegenüber uns Christen sind nicht türkisches Allgemeingut; die türkische Gesellschaft ist gesund, es sind immer nur kleine Gruppen und Lobbys, die das Klima hier und da vergiften.











