Presserklärung von Kardinal Schönborn zur Enzyklika "Caritas in veritate"
Wien, 7.7.09 (KAP) Als ein "Wort zur rechten Zeit" hat Kardinal Christoph Schönborn am Dienstag die neue Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. "Caritas in veritate" bezeichnet. In der Presseerklärung von Kardinal Schönborn heißt es unter dem Titel "Vom 'Mehr-Wert' des Zusammenlebens" wörtlich: "Die Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. ist groß angelegt. Sie trägt den Untertitel: 'Über die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit'. Sie kommt zur rechten Zeit und trifft mitten hinein in aktuelle Probleme der Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie weist ganz allgemein hin auf Phänomene des Materialismus und Egoismus, die in der Wirtschaft reine Gewinnmaximierung anvisieren, in der Arbeitswelt Gefahr laufen, den Menschen zu 'verwerten' und in bioethischen Fragen dabei sind, den Menschen zum Material zu degradieren. Die Enzyklika - so könnte man ihren Inhalt zusammenfassen - zeigt für fast alle Bereiche menschlichen Lebens (Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Technik, Medizin, Entwicklungshilfe) auf, welch verheerende Wirkung ein verengtes, nicht auf Transzendenz, Liebe und Wahrheit ausgerichtetes materialistisches Welt- und Menschenbild hat. Dieses zerstört Leben, während ein Welt- und Menschenbild im Kontext von 'Liebe in Wahrheit' Leben gelingen lässt.
Vor dem Hintergrund einer ganzheitlich angelegten christlichen Anthropologie, die über die Endlichkeit des Daseins hinausragt, spannt die Enzyklika einen weiten Bogen von wirtschaftlichen, juristischen, politischen, wissenschaftlichen, sozialethischen und sogar patentrechtlichen Fragen (die die Armut in der Welt zum Teil vergrößern) bis hin zur Forderung eines vertieften interdisziplinären Dialog zwischen den Wissenschaften. Kritisiert wird dabei u.a. eine zu enge fachspezifische Sicht der Dinge, die dem Menschen in seiner Komplexität nicht gerecht wird: 'Die übertriebene Aufteilung des Wissens in Fachbereiche, das Sich-Verschließen der Humanwissenschaften gegenüber der Metaphysik, die Schwierigkeiten im Dialog der Wissenschaften mit der Theologie schaden nicht nur der Entwicklung des Wissens, sondern auch der Entwicklung der Völker, denn in diesen Fällen wird der Blick auf das ganze Wohl des Menschen in den verschiedenen Dimensionen, die es charakterisieren, verstellt'.
Zentrale Begriffe der Enzyklika sind Entwicklung, Fortschritt, Gerechtigkeit, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl, Verantwortung, gerechte Wirtschaft, fairer Handel, Beteiligung armer Länder am internationalen Handel, Bekämpfung der Armut, Entwicklungshilfe. Es geht um Probleme des Einzelnen und der Völker sowie deren zunehmende Durchmischung im Zuge der Migrationsbewegung. Analysiert wird das Funktionieren der globalisierten Märkte. Es werden marktwirtschaftliche Modelle und neue Unternehmensmodelle angedeutet. Die positive Bedeutung des Unternehmertums wird herausgestellt, hinterfragt wird allerdings die Rolle von Managern in ihrer einseitigen Abhängigkeit von den Aktionären. Eingefordert wird ein stärkerer Schutz von Arbeitnehmern und eine stärkere Rolle von Gewerkschaften. Die individualethischen und sozialethischen Verflechtungen werden immer wieder deutlich herausgearbeitet.
Hinter den Detailfragen scheint immer wieder die ganzheitlich transzendente Sicht des Menschen auf, der in sich eine Sehnsucht nach 'Mehr' trägt. Dieses 'Mehr' aber ist die zentrale Frage. Was ist dieses 'Mehr', wohin zielt es, wie kann es kanalisiert werden, was ist wirklicher Fortschritt, was ist echte Entwicklung? Reine wirtschaftliche Gewinnmaximierung im Kontext von Egoismus kann es nicht sein. Das dem Leben zuträgliche 'Mehr' und eine echte lebensdienliche Entwicklung brauchen Orientierung, Ziel, ethisch-moralische Einbettung und ein Handeln, das über den Egoismus des einzelnen hinausweist auf das Du des anderen, der der Hilfe bedarf. Es geht um ein 'Mehr' an Verantwortung für das Gemeinwohl. Dies gelingt nur im Horizont echter Brüderlichkeit, die mehr ist als Partnerschaft.
Der große Bogen der Enzyklika befreit aus der kleinen innerweltlichen Perspektive, stellt die Probleme in den Kontext des Ganzen von Wahrheit, Liebe, Ewigkeit und wirkt vom Ganzen her auf die innerweltlichen Fragen zurück. Damit wird die Enzyklika zu einem echten Gesprächspartner für die Verantwortungsträger dieser Welt. Sie gibt aus der Gesamtperspektive einer christlichen Anthropologie Anregungen für die Lösung anstehender Probleme und weist in befreiender Weise über die Welt hinaus und gleichzeitig in sie hinein. Sie zeichnet so ein kritisches und zugleich zuversichtliches Bild der gegenwärtigen Situation. Eine solche Enzyklika kann helfen, Welt mitzugestalten. Sie weist auf Zusammenhänge von verengten Menschenbildern und deren Folgen für die Welt hin, sie verschafft Grundeinsichten in menschliche Verfasstheiten und lädt Menschen zum Nachdenken ein. Damit vereinnahmt sie nicht, verweist aber auf die Brisanz eines rein innerweltlich materialistisch orientierten Menschbildes, das nicht in Wahrheit, Liebe, Transzendenz und Gottesbezug eingebettet ist. Es geht letztlich um ein Weltbild, das den Menschen nicht um seine Transzendenz verkürzt. Papst Benedikt zeichnet so den großen Rahmen eines menschlichen Zusammenlebens, das Chancen hat, zu gelingen".
"Ein sehr realistisches Dokument"
In Wien wurde die neue Sozialenzyklika Benedikts XVI. am Dienstag bei einem Pressegespräch mit Kardinal Christoph Schönborn, Caritasdirektor Michael Landau und "Furche"-Herausgeber Prof. Wilfried Stadler vorgestellt. Kardinal Schönborn betonte, dass die Enzyklika keine "einseitige Schelte" für Kapitalismus, Markt und Unternehmer enthalte. Das Schreiben unterstreiche klar die Notwendigkeit des Unternehmertums, "aber nur in Rückbindung an soziale Standards", sagte der Wiener Erzbischof.
Auch der Gewinn sei für das Wirtschaften notwendig, so Schönborn, "ein einseitig gewinnorientiertes Verständnis von Marktwirtschaft, etwa von Managern, die sich nur mehr den Hauptaktionären verpflichtet fühlen und nicht mehr dem Gemeinwohl, ist aber ein Irrweg". Wirtschaft und Ethik seien keine Alternativen, sondern gehörten unbedingt zusammen.
Die Enzyklika sei ein "sehr realistisches Dokument", sagte der Kardinal. Es gehe nicht um eine "utopische Vision einer anderen Welt", sondern um die Verbesserung der von der Globalisierung gekennzeichneten realen Situation der Wirtschaft im Zeichen eines besseren Miteinanders.
Er sei "beeindruckt" vom weiten Bogen, den die Enzyklika spanne, sagte Kardinal Schönborn, alle Bereiches des öffentlichen Lebens würden angesprochen. Brennpunkte seien dabei die zentralen Begriffe "Wahrheit" und "Liebe", ohne die kein Gemeinwohl funktionieren könne. "Die Enzyklika ist offen für das Gespräch mit allen Bereichen der Gesellschaft und plädiert für die wirtschaftliche Vernunft", fasste der Kardinal zusammen.
Landau: "Breite Analyse"
Der Wiener Caritasdirektor Msgr. Michael Landau machte bei der Pressekonferenz auf die "breite Analyse gesellschaftlicher Herausforderungen" in der Sozialenzyklika aufmerksam. Die Enzyklika setze sich "umfassend und intensiv" mit aktuellen wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Fragestellungen auseinander und richte sich dabei sehr klar "an alle Menschen guten Willens", sagte Landau.
So übe der Papst in seinem Lehrschreiben sehr präzise Kritik an ungerechten Strukturen in der Wirtschaftsentwicklung, betone die steigende Rolle der Zivilgesellschaft und analysiere die ethischen Anforderungen an eine Neuordnung vor allem der Finanzwirtschaft. Erfreut zeigte sich der Caritasdirektor auch über die Worte des Papstes zu den Herausforderungen von Armut und Arbeitslosigkeit. In der Enzyklika würden auch neue Fragestellungen aufgegriffen wie die weltweiteEnergieproblematik oder die Ausbeutung der Rohstoffe der armen Länder.
Das päpstliche Lehrschreiben enthalte keine "platte Globalisierungskritik", stellte Landau klar. Die Globalisierung "ist a priori weder gut noch schlecht. Sie wird das sein, was die Menschen aus ihr machen", zitierte der Caritasdirektor aus der Sozialenzyklika.
Die Enzyklika weise auch klar darauf hin, dass der Bereich der Wirtschaft von ihrem Wesen her nicht antisozial sei, betonte Landau. "Der Bereich muss aber, gerade weil er menschlich ist, nach moralischen Gesichtspunkten strukturiert werden", forderte der Wiener Caritasdirektor. In der Debatte müssen man sich vor dem "Straßengraben blinder Wirtschaftsangst" genauso hüten wie vor dem "Straßengraben blinden Wirtschaftsglaubens".
Die Kirche setze auf eine umfassende Entwicklung des Menschen in einer Gesellschaft auf dem Weg zur Globalisierung, so Landau. Als "unerlässliche" Orientierungsmaßstäbe für das konkrete Handeln stelle Benedikt XVI. daher die Begriffe "Gemeinwohl" und "Gerechtigkeit" in das Zentrum seiner Ausführungen.
Enzyklika für Debatte in Österreich nützen
Der Caritasdirektor rief dazu auf, die Sozialenzyklika auch in Österreich als Basis für eine notwendige "Diskussion der Prioritäten und Ziele in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft" zu betrachten. Es brauche auch in Österreich eine "Repolitisierung der Politik" und eine Auseinandersetzung mit den großen Fragen der gemeinsamen Zukunft und des Zusammenlebens.
Die päpstlichen Plädoyers zu den Themen Entwicklungszusammenarbeit (EZA), Armut und Arbeitslosigkeit legte Landau auf die Situation in Österreich um. Während etwa der Papst in seinem Schreiben die Bedeutung der Entwicklungshilfe hervorhebe, würde in Österreich und Europa in diesem Bereich eingespart. Landau erneuerte auf diesem Hintergrund die Forderung an die Bundesregierung, bis zum Jahr 2015 die staatlichen EZA-Mittel auf 0,7 Prozent des Bruttonationalprodukts anzuheben. Landau: "Gerade heute gilt: Wer rasch hilft, der hilft doppelt".
Basierend auf der Würde jedes Menschen und den Erfordernissen der Gerechtigkeit müsse im Bereich des Arbeitsmarktes auch weiterhin erstes Ziel sein, "allen Menschen Zugang zur Arbeit zu verschaffen", sagte Landau. Den Kampf gegen Arbeitslosigkeit und damit einhergehende Armut möchte der Caritasdirektor "ganz oben auf der politischen Agenda" wissen. Hier erinnerte Landau an die Caritas-Forderung nach einem "dritten Konjunkturpaket für die sozial Schwächsten" und die raschestmögliche Umsetzung einer bedarfsorientierten Mindestsicherung in Österreich. Die Bundesregierung dürfe in der aktuellen Not nicht nur für Banken und Unternehmen Notfallpakete schnüren. Dies sei keine Frage von Ideologie, sondern von Gerechtigkeit und Solidarität.
"Kirche ist weder links noch rechts"
Landau betonte, dass diese Forderungen der Kirche ihre Basis im Evangelium und damit jenseits parteipolitischer Kategorien hätten. Landau: "Die Kirche und die Caritas als Teil der Kirche sind weder links noch rechts. Es geht nicht um politische Gesinnung und nicht um Ideologie, sondern um 'Caritas in veritate - Liebe in Wahrheit', um Gerechtigkeit und Gemeinwohl, um Solidarität - "und dass wir wieder stärker aufeinander achten und als Menschen füreinander da sind".
Stadler: "Eine Einladung zur Diskussion"
Die neue Sozialenzyklika sei auch eine Einladung an die Wirtschaftseliten, in die Debatte um Spielregeln für eine "verantwortliche Marktwirtschaft" stärker einzusteigen, sagte der Finanzexperte und langjährige "Investkredit"-Generaldirektor Prof. Wilfried Stadler bei der Pressekonferenz. Er attestierte Benedikt XVI. einen "unglaublich offenen Blick "für die Realitäten der Verwerfungen im Wirtschaftssystem". Auch Stadler wies darauf hin, dass die Enzyklika das unternehmerische Tun akzeptiere, dabei aber auf die sozialen und ethischen Verpflichtungen der Unternehmen abziele.
"Für die Öffnung der Märkte für Menschen, Güter, Dienstleistungen und Kapital gibt es noch kein ordnungspolitisches Gesamtkonzept", stellte Stadler fest. In dieser Hinsicht komme die Enzyklika als inspirierender Impuls "just in time". Das Lehrschreiben könne damit Anstoß für eine Debatte über eine fundamentalen ordnungspolitische Erneuerung sein; diese Erneuerung sei gerade in Europa nach der Öffnung der Märkte Richtung Osten ab der "Wende" 1989 ausgeblieben, so Stadler.
Kritik, dass das päpstliche Lehrschreiben wenig konkrete Handlungsanwweisungen enthalte, wies der Finanzexperte zurück. "Ein herausfordernder Blick auf die Wirklichkeit ist wichtiger als der Versuch, konkrete Maßnahmenpakete zu entwickeln, die auf Grund völlig unterschiedlicher Wirtschaftstraditionen in einzelnen Weltregionen zum Scheitern verurteilt wären", meinte Stadler.






