Kommentare der nationalen und internationalen Presse zur neuen Sozialenzyklika "Caritas in veritate" von Papst Benedikt XVI.
|
|
|
|
Die Kommentare in der nationalen und internationalen Presse zur neuen Sozialenzyklika "Caritas in veritate" von Papst Benedikt XVI. fallen denkbar unterschiedlich aus und reichen von einer scharfen Ablehnung des Schreibens als "katholisches Selbstgespräch" bis hin zu anerkennendem Lob für einen "lohnenden Denkanstoß".
In der nationalen Presse äußert sich etwa Michael Fleischhacker, Chefredakteur der "Presse" (Ausgabe vom 8. Juli), in seinem Kommentar durchaus kritisch. So stark viele Appelle in Richtung Gemeinwohl, schonender Umgang mit Ressourcen und einem notwendigen zivilgesellschaftlichen Engagement auch sein mögen: "Bedeutung hat die Enzyklika 'Caritas in veritate' nur im theologischen Kontext", so Fleischhacker. Man merke der Enzyklika bis in die Formulierungen hinein an, dass "hier ein Theologe und nicht ein Politiker am Werk war". Entsprechend sei das Schreiben rein theologisch ausgerichtet.
Fleischhacker wörtlich: "Das Anliegen dieses Textes ist erkennbarerweise nicht die Analyse der gegenwärtigen ökonomischen Situation entlang der Prinzipien der katholischen Kirche, speziell ihrer Soziallehre. Ihr Anliegen ist die Festigung der christozentrischen Prinzipien der katholischen Dogmatik unter Zuhilfenahme einiger Anschauungsbeispiele aus der ökonomischen Gegenwart."
Nicht umsonst schließe daher Benedikt XVI. auch an "Populorum progressio" von Paul VI. und nicht etwa an die Sozialenzykliken von Johannes Paul II. an. Auch Paul VI. habe ein "theologisches Programm" verfolgt, das Benedikt XVI. nun weiterführe: "die Rückführung der angesichts globaler Fragen erforderlichen globalen Ethik und Moral auf den christlichen Schöpfergott".
Lohnender Denkanstoß
Als einen lohnenden "Denkanstoß in Krisenzeiten" bezeichnet Carmen Baumgartner in ihrem Kommentar in der "Tiroler Tageszeitung" (Ausgabe vom 8. Juli) die Sozialenzyklika. Angesichts der angespannten und krisenhaften Wirtschaftslage wünsche man sich "fast unweigerlich, dass die Enzyklika zur Pflichtlektüre für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft wird", so Baumgartner. "Denn es liest sich gut, was der Papst zu sagen hat".
Gewiss gebe es auch Leerstellen in dem Schreiben, etwa was die konkrete Ausgestaltung einer neuen Weltordnung betreffe. "Konkrete Handlungsanweisungen, wie die bessere Welt gestaltet werden könnte, bleibt der Papst schuldig", so Baumgartner. Dennoch gebe er mit seinen Hinweisen etwa auf die Notwendigkeit einer couragierten Zivilgesellschaft, starke Gewerkschaften und rechtschaffene Menschen mit Gewissen deutliche Signale, "die in (Krisen-)Zeiten wie diesen gehört werden sollten".
Reinhard Göweil sieht die Enzyklika in den konkreten Kontext des derzeitigen "G8"-Gipfels in L'Aquila eingebettet. In diesem Kontext stelle sie eine "Streitschrift gegen rücksichtsloses Profitstreben" dar und erinnere die in L'Aquila zusammenkommenden Politiker daran, dass Entwicklung "ohne rechtschaffenen Menschen, ohne Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl ausdrücklich leben" nicht möglich ist, wie Göweil aus der Enzyklika zitiert.
Notwendig sei diese päpstliche Mahnung allemal - insbesondere vor dem Hintergrund der Rückkehr der "Zockerei" trotz der weiter akuten Krise - sei es beim Ölpreis oder bei der Ausschüttung von Bonuszahlungen an Investmentbanker. Wenn "die finanzielle Gießkanne zur höheren Autorität als der Papst erhoben wird" sei etwas faul im Wirtschaftsgebälk.
Mehr als "nette Randbemerkung"
In "guten Zeiten" wäre der Hinweis des Papstes auf die Notwendigkeit "rechtschaffener Menschen ..., die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl ausdrücklich leben" wohl nicht mehr als eine "nette Randbemerkung einer veralteten Institution" - "Im Moment aber könnte der Papst Gehör finden". Dies konstatiert Conrad Seidl in seinem Kommentar im "Standard" (Ausgabe vom 8. Juli).
Als Grundkonzept der Enzyklika macht Seidl das Modell einer "ökosozialen Marktwirtschaft" aus. Auf dieser Basis entwickle der Papst seine Visionen einer gerechten Weltregierung, lobt die Teilhabe von Gewerkschaften und die zivilgesellschaftlichen Organisationen. Doch auch bei Seidl bleibt der Wermutstropfen der praktischen Umsetzung: "Freilich: Wie man dem Guten in der Praxis zum Durchbruch verhelfen kann, das kann auch der Heilige Vater nicht sagen".
"Überraschend inhaltsreich"
Der frühere Direktor der "Katholischen Sozialakademie Österreichs" (ksoe), P. Alois Riedlsperger SJ, attestiert dem Papst, gerade in den relevanten Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung "überraschend inhaltsreich" zu argumentieren und "differenziert" zu urteilen. Dabei bewahre Benedikt XVI. stets die überblickende "Perspektive der Liebe", die allein der Forderung nach einer "ganzheitlichen Entwicklung" gerecht werde, schreibt Riedlsperger in der Wochenzeitung "Die Furche" (Ausgabe vom 9. Juli).
In vielen Detailfragen bleibe die Enzyklika jedoch auch "ohne verbindlichere Konkretisierung". So werde etwa in den eher allgemein gehaltenen Aussagen zur Situation der Frauen "ihr entscheidender Beitrag für eine ganzheitliche Entwicklung nicht sichtbar", kritisiert Riedlsperger.
Ebenfalls in der "Furche" beurteilt der Leiter des Sozialreferats der Diözese Linz, Severin Renoldner, die Enzyklika als Teilerfolg auf dem langen Weg der Abkehr von einer "falschen Wirtschaftsmentalität". Man könne das Vorgehen Benedikts XVI., die Welt in seinem Schreiben "zu interpretieren", als "bescheidenen Anspruch" verstehen - dennoch habe dieses Vorgehen durchaus die Kraft der Veränderung, glaubt Renoldner. "Denn so bescheiden ist es wieder nicht, in der Unübersichtlichkeit der globalen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung, Orientierung und Deutung zu geben".
Wenn die Kirche auf die kritische Frage nach der Legitimität ihres universalen moralischen Anspruchs überhaupt eine Antwort geben könne, dann liege sie in den Grundmotiven der Katholischen Soziallehre verborgen, die der Papst mit seiner Enzyklika "ziemlich konsequent weiter geschrieben" habe. Ihre Legitimität ziehe die Kirche aus ihrer analytischen Expertise ebenso wie aus ihrer Erinnerung daran, "dass der Mensch dazu neigt zu vergessen, was der Sinn und Zweck des Wirtschaftens sei", so Renoldner.
"Eine Enttäuschung"
Überwiegend kritisch fielen die Reaktionen und Kommentare in der deutschen Presse aus. So schreibt etwa Robert Leicht in der "Zeit" (Ausgabe vom 9. Juli), dass der Enzyklika mehr "Selbstkritik und Selbstbescheidung" gut getan hätte. Das Schreiben verdiene "gewiss ein sorgfältiges Studium, das nicht am Tag des Erscheinens abgeschlossen sein kann", so Leicht - dann nämlich werde man auch jene "tiefe Fragwürdigkeit" der "exklusiven Überhöhungen" des Schreibens erkennen. Wenn es nämlich ohne den christlichen Glauben keine ganzheitliche Entwicklung des Menschen geben könne, wie Leicht den Papst zitiert, "wie kann es dann angehen, dass die Kirche in ihrer Geschichte so oft gegen den Geist der Wahrheit und der Liebe gehandelt hat"? - Und vor allem: Wie sollen all jene nicht-christlichen Menschen, die sich aufrichtig um Gerechtigkeit und Frieden bemühen, diesen Satz auffassen?
Noch schärfer im Ton fällt der Kommentar von Matthias Drobinski in der "Süddeutschen Zeitung" (Ausgabe vom 8. Juli) aus. Letztlich bleibe die Enzyklika "unscharf, schwammig" und in brennenden Fragen - "das weltweite Finanzsystem taumelt, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, das Klima wandelt sich" - allzu routiniert. Dem Schreiben ermangele jene "visionäre Kraft", die etwa die Enzyklika "Populorum progressio" Pauls VI. angetrieben habe, auch die "prophetische Intensität" der Sozialenzykliken Johannes Pauls II. werde nicht erreicht.
"Stark" präsentiere sich die Enzyklika indes, wo sie über das Verhältnis von Wahrheit und Liebe räsoniere, wo sie Wirtschaft und Ethik verbinde und über eine "Kultur des Todes" philosophiere, so Drobinski. Dennoch bleibe das Schreiben mehr eine "Kulturenzyklika" denn eine "Sozialenzyklika", da die Interessen des Papstes "in erster Linie kulturell und erst in zweiter Linie sozial sind". So präsentiere sich das Schreiben "vielfach kulturpessimistisch defensiv" und beschränke sich auf die Verteidigung des katholischen Wahrheitskonzepts. Dadurch verliere die Enzyklika jedoch auch an Kraft.
Drobinski wörtlich: "Benedikts Weltfremdheit hat der Welt einen großartigen Text gebracht: 'Deus caritas est', die Enzyklika über Gott, der die Liebe ist. Zunehmend aber werden die Grenzen dieses unpolitischen Papstes sichtbar, bei der Regensburger Rede wie beim Umgang mit den traditionalistischen Pius-Brüdern. Oder eben jetzt, wo ein Wort über die neuen Dinge dieser Welt notwendig gewesen wäre - und doch nur ein schwacher Aufguss des bereits Gesagten herausgekommen ist."
"Katholisches Selbstgespräch"
Scharf auch die Kritik von Daniel Deckers in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Ausgabe vom 7. Juli). Die Enzyklika sei ein sprachlich wie inhaltlich letztlich "schwerverständliches Konvolut" und lasse selbst den wohlmeinenden Leser "eher ratlos zurück". Zwar zeige sich das Schreiben im Blick auf seine analytische Schärfe durchwegs "auf der Höhe der Zeit", so Deckers, doch nur selten gelinge es, die "widersprüchliche Natur vieler Phänomene" auf den Punkt zu bringen. Höhepunkte seien diesbezüglich die Ausführungen zur Ökologie und die Überlegungen zu einem Konzept der "Humanökologie".
Abschließend kommt Deckers zu dem Urteil: "Selten kam eine Enzyklika hermetischer daher, bar jeden Bestrebens, den Dialog mit der zeitgenössischen politischen Philosophie von liberal bis kommunitaristisch zu suchen und die Brücke zu anderen Weltreligionen zu schlagen. Soziallehre als katholisches Selbstgespräch - ein Trauerspiel."
Kritik an einem Mangel an Konkretheit üben indes die "Welt" und die "Neue Zürcher Zeitung". So schreibt "Welt"-Chefredakteur Thomas Schmid (Ausgabe vom 7. Juli), dass die vom Papst angezielte "neue humanistische Synthese" nur "schwer vorstellbar" sei, da der modernen Welt die "Ganzheitlichkeit", die der Papst einklagt, gänzlich abgehe. Und so nötig eine "Überwölbung durch Werte" im Bereich der Wirtschaft auch sein möge, der Papst selbst ist "nicht imstande, sie herbeizufordern", so Schmid.
Die "Neue Zürcher Zeitung" (Ausgabe vom 8. Juli) sieht in der Enzyklika eine "Logik des 'und'" am Werk, die für den Mangel an Konkretheit verantwortlich zeichne. So heißt es in der "NZZ": "Nach dem amerikanischen Theologen Charles Curran zeichnet das Streben nach Universalität und Einschluss päpstliche Sozialenzykliken aus. Diese suchten stets zu integrieren; es heisse in ihnen nie 'entweder - oder', sondern stets 'und'. Dies ist auch bei Benedikts Sozialenzyklika der Fall. So wie der Papst Glauben und Vernunft zu einem Doppelbegriff zusammenschweisst, ergänzt er sein 'Ja' zum technischen Fortschritt mit der Forderung nach dessen Steuerung durch Moral und Religion."
Anders die "Financial Times Deutschland": Sie beurteilt die Enzyklika als "konkreter und politischer" als die vorangegangenen Schriften Benedikts XVI. Er gebe mit "Caritas in veritate" einen "Impuls, der sich auch an Kirchenfremde richtet" - und zugleich einen Impuls zur rechten Zeit, bedenke man das zeitgleich stattfindende Treffen der "G8" in L'Aquila. "Die Gelegenheit ist günstig, die konkrete Umsetzung ist dann Sache der Politik - und jedes Einzelnen".
Dokument von "vorausblickender Sorge"
Voll des Lobes hingegen fällt der Kommentar von Rudolf Zewell in der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" (Ausgabe vom 9. Juli) aus. Es sei "nicht übertrieben, schon jetzt zu sagen, dass die Enzyklika eine herausragende Stellung in der gesamten Lehrverkündigung dieses Pontifikats einnehmen wird", glaubt Zewell. Dafür spreche etwa die Genauigkeit selbst in Detailfragen und die Ausgewogenheit von theologischen und gesellschafts- und sozialanayltischen Passagen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren bewertet Zewell das Fehlen von allzu konkreten politischen Lösungsvorschlägen gerade nicht als Mangel: "Es ist klug, dass der Papst keine 'technischen' Lösungen zur Behebung der Krise anbietet, das ist nicht Sache der Kirche. Ihr geht es darum, die 'Sendung der Wahrheit' zu erfüllen, wie Benedikt XVI. sagt. Zu diesem Aspekt in der Sozialverkündigung gehört es offensichtlich auch, die Finger in die Wunde der Gesellschaft zu legen." Damit bleibe die Enzyklika letztlich ein "Dokument von vorausblickender Sorge und bleibendem Wert", so Zewell.
Als "eines der großen Verdienste" der Enzyklika wertet Zewell außerdem den Hinweis des Papstes auf die "Mehrdimensionalität des Wirtschaftslebens" und auf den Konnex von Institution und Moralität. Für die "G8"-Regierungschefs könne die Enzyklika damit zu einem "Leitfaden" werden, gehe es dem Papst doch um die "Rückkehr der Moral in die Marktwirtschaft und um die Frage, wie das international organisiert werden kann". Die katholische Kirche sei hier kein schlechter Ratgeber: "keine staatliche oder nicht staatliche Institution kann auf eine längere Tradition als globaler Akteur zurückblicken", so Zewell.






