Unterschiedliche Bewertungen der theologischen Basis von "Caritas in veritate" durch Innsbrucker Theologen em.Prof. Büchele und Prof. Guggenberger
P. Herwig Büchele sieht eine klare theologische Akzentverschiebung zwischen den bisherigen lehramtlichen Sozialschreiben der katholischen Kirche und der neuen Sozialenzyklika. "Während in den bisherigen Sozialenzykliken vornehmlich philosophisch-naturrechtlich argumentiert wurde, gründet Benedikt XVI. seine Aussagen auf das Fundament einer theologischen Ethik", schreibt Büchele in einem Kommentar in der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung "Die Presse".
Als Grundthese des Schreibens macht Büchele das Beharren des Papstes auf einer über die bloße Verwertbarkeitslogik hinausgehende "geistig-geistliche Dimension des Lebens" aus, auf die auch Kardinal Christoph Schönborn bei der Präsentation der Enzyklika mit dem Stichwort des "Mehr-Werts" des Lebens verwiesen hat. Überall dort, wo diesem Mehr-Wert des Lebens nicht der Vorrang eingeräumt werde, "rücken die Mittel zu Selbstzwecken auf", so Büchele.
Weiters weist der Jesuit auf die Bedeutung des für die Enzyklika zentralen, jedoch bislang in den Kommentaren wenig beachteten Begriffs der "Wahrheit" hin. Unter diesem Begriff verstehe der Papst "die erhellende und befreiende Wirklichkeit Gottes, die alle Wirklichkeit tragende Liebesmacht Gottes", so Büchele. Verwirklicht werde sie für den Papst im Glauben wie in der Vernunft, die sich beide gegenseitig durchdringen und zur gegenseitigen Reinigung beitragen.
Zielführendes Naturrechtsdenken?
Einen anderen Fokus legt der Innsbrucker Sozialethiker Prof. Wilhelm Guggenberger auf das Dokument. So sieht Guggenberger im Gegensatz zu Büchele insbesondere bei der Beschreibung der durch ein ausuferndes Marktgeschehen auftretenden Pathologien und der notwendigen Gegenmaßnahmen einen "deutlichen naturrechtlichen Akzent". Auch schöpfe Benedikt XVI. in dem Dokument "wesentlich weniger aus den biblischen Quellen ... als es Johannes Paul II. tat", schreibt Guggenberger in einer ersten Analyse in den westösterreichischen Kirchenzeitungen.
Diese Tatsache werde laut Guggenberger theologisch wohl noch weiter diskutiert werden: "Die einen werden erleichtert feststellen, dass die kirchliche Soziallehre endlich zu einer philosophisch-vernunftzentrierten, wohl auch stärker sozialwissenschaftlichen Sprache zurückgefunden habe. Die anderen werden beklagen, sie habe damit an Profil und christlicher Eigenart verloren".
Tatsächlich müsse man sich laut Guggenberger angesichts der päpstlichen Argumentation die Frage stellen, ob der Papst durch den Rückgriff auf das Naturrechtsdenken "in einer pluralen Gesellschaft ... den von ihm gestellten universalen Wahrheitsanspruch wird einholen können". Gerade angesichts des "brüchig gewordenen Vernunftbegriffs" sei laut Guggenberger der "Weg über das beherzte Zeugnis" zielführender.
Befremden äußert Guggenberger darüber, dass Benedikt XVI. in seinen Ausführungen zu den Themen Entwicklung und Solidarität der Völker "sich nicht explizit zur Option für die Armen bekennt". Dies habe wohl, so Guggenberger weiter, mit gewissen "Berührungsängsten mit jeglicher Terminologie, die der Befreiungstheologie entlehnt ist" zu tun. Auch das Fehlen des von Papst Johannes Paul II. geprägten und für die gegenwärtige wirtschaftliche Situation treffenden Begriffs der "Strukturen der Sünde" sei zu bedauern, so Guggenberger.
"Deus caritas est" mit Wirtschaftsakzent
Der frühere Direktor der "Katholischen Sozialakademie Österreichs" (ksoe), P. Alois Riedlsperger SJ, sieht den theologischen Ausgangspunkt der Sozialenzyklika in der "zentralen frohen Botschaft des christlichen Glaubens: Gott ist die Liebe". Wie bereits in seiner ersten Enzyklika "Deus caritas est", habe Benedikt XVI. diesen Ausgangspunkt für seine Reflexion auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragestellungen gewählt, so Riedlsperger in der Wochenzeitung "Die Furche".
Die relevanten Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung werden laut Riedlsperger "überraschend inhaltsreich dargelegt und differenziert beurteilt", so etwa die Themen der Armut, Arbeit, Migration, Staat, Finanzkrise und Energiepolitik. Stets sei es dabei die "Perspektive der Liebe", die der Papst einnimmt und zugleich einmahne, um eine "ganzheitliche Entwicklung" einzufordern.
In vielen Detailfragen bleibe die Enzyklika jedoch auch "ohne verbindlichere Konkretisierung". So werde etwa in den eher allgemein gehaltenen Aussagen zur Situation der Frauen "ihr entscheidender Beitrag für eine ganzheitliche Entwicklung nicht sichtbar", kritisiert Riedlsperger.
Veränderung in kleinen Schritten
Der Leiter des Sozialreferats der Diözese Linz, Severin Renoldner, sieht die Enzyklika als Teilerfolg auf dem langen Weg der Abkehr von einer "falschen Wirtschaftsmentalität". Man könne das Vorgehen Benedikts XVI., die Welt in seinem Schreiben "zu interpretieren", als "bescheidenen Anspruch" verstehen - dennoch habe dieses Vorgehen durchaus die Kraft der Veränderung, glaubt Renoldner. "Denn so bescheiden ist es wieder nicht, in der Unübersichtlichkeit der globalen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung, Orientierung und Deutung zu geben".
Wenn die Kirche auf die kritische Frage nach der Legitimität ihres universalen moralischen Anspruchs überhaupt eine Antwort geben könne, dann liege sie in den Grundmotiven der Katholischen Soziallehre verborgen, die der Papst mit seiner Enzyklika "ziemlich konsequent weiter geschrieben" habe. Ihre Legitimität ziehe die Kirche aus ihrer analytischen Expertise ebenso wie aus ihrer Erinnerung daran, "dass der Mensch dazu neigt zu vergessen, was der Sinn und Zweck des Wirtschaftens sei", so Renoldner.






