Die Bedeutung der katholischen Soziallehre für die Gesellschaft in China setze sich "zögernd, aber doch" auch in offiziellen Kreisen durch. Das betonte der katholische Wirtschaftsethiker Stefan Rothlin im Gespräch mit "Radio Vatikan"
Peking, 12.7.09 (KAP) In China kann die neue Enzyklika Papst Benedikts XVI. dazu beitragen, das Ansehen der katholischen Kirche neu zu stärken. Das betonte der katholische Wirtschaftsethiker Stefan Rothlin, der seit elf Jahren in Peking lehrt, im Gespräch mit "Radio Vatikan".
Die Bedeutung der katholischen Soziallehre für die Gesellschaft in China setze sich "zögernd, aber doch" auch in offiziellen Kreisen durch, so Rothlin: "Das zeigt sich auch daran, dass selbst in der chinesischen Regierung anerkannt wird, welche Leistungen die Kirche im sozialen Umfeld bringt. Durch die Enzyklika kann sich die Kirche tatsächlich neu profilieren, weil sich die sozialen Gegensätze in China sehr zugespitzt haben". Es sei seine große Hoffnung, dass aus diesem Anlass die Kernpunkte der Soziallehre - wie Subsidiarität und Solidarität - konkret neu ins Blickfeld der Chinesen kommen.
Die chinesische Übersetzung der Enzyklika sei allerdings noch nicht erschienen, sagte Rothlin: "Es gibt Schwierigkeiten der Übersetzung ins Chinesische bezüglich des Vokabulars der Wirtschaftsethik. Damit habe ich selber zu kämpfen, weil ich eine Schriftenreihe leite: Uns ist natürlich ein Anliegen, dass sich eine Kohärenz der Begriffe durchsetzt, was die Schlüsselbegriffe der Wirtschaftsethik betrifft".
Rothlin machte darauf aufmerksam, dass auf Grund der noch ausstehenden Übersetzung die Rezeption der Enzyklika in China noch nicht begonnen hat. Mit umso größerer Spannung erwarten die Katholiken das päpstliche Lehrschreiben: "Auf Grund des Echos des Papstbriefes an die Kirche in China vermute ich, dass das Interesse und die Spannung tatsächlich da sind, dass man wirklich ein klärendes Wort erwartet, ja dass man sich sogar darauf freut".
Trotz der reservierten Haltung des offiziellen China gegenüber romtreuen Katholiken ist der Wirtschaftsethiker zuversichtlich, dass die neue Sozialenzyklika des Papstes auf offizielles Wohlwollen stoßen wird. Im Zug der Krise habe sich das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden der Chinesen verlagert, durchaus im Sinn christlicher Werte, so Rothlin: "Da gab es kürzlich einen prophetischen Aufschrei des Bischofs von Shanghai im Zug der gegenwärtigen Wirtschaftskrise: er hat sehr hart Unternehmer kritisiert, die ihr Geld mit aufwendigen Mahlzeiten verschwenden. Gleichzeitig hat er die Pfarren seiner Diözese -immerhin 150 in Shanghai - dazu aufgerufen, sich um Arbeitsmigranten zu kümmern. Die Chinesen sind da sehr zugänglich, wenn man nicht nur mit der Theorie kommt, sondern das festmacht an bestimmten Beispielen".
Trotz kommunistischer Herrschaft gebe es in China eine sehr schlimme Form von Kapitalismus, die Sklavenarbeit im engeren Sinn zulässt, erinnerte Rothlin: "Da schreit es geradezu nach einem prophetischen Wort wie in dieser Enzyklika. Von daher bin ich optimistisch, dass die Kirche in China ihr Profil schärfen kann, wenn sie zeigt, dass sie das Wort des Papstes umsetzt".






